Vom Sinn des Staunens

Ich bin auf der Suche nach dem verlorenen Groove. Zwei Blogeinträge fassen jeweils alle Blogeinträge aus Q2/2020 und alle Blogeinträge aus Q3/2020 zusammen. Zuletzt habe ich gebloggt über Lieder, die mich durch die Nacht bringen sowie das neue Lebensjahr.

Was ich im letzten Eintrag als Ausblick beschrieben habe, hat mich auf das Thema des heutigen Blogeintrags gebracht. Schon vorher hatte ich über den Sinn von Gefühlen geschrieben über das Weinen wie den Zorn (sogar zweimal!). Heute möchte ich mich dem Staunen widmen, einer weiteren Grundemotion.

Der Kaiser Friedrich II. bekam den Beinamen stupor mundi – „das Staunen der Welt“. Er verfasste ein Buch über die Falkenjagd und scheute sich nicht davor, zur Zeit der Kreuzzüge auch von muslimischen Quellen und Gelehrten zu lernen. Die Folge der ZDF-Serie „Die Deutschen“ mag ein wenig plakativ daherkommen mit ihren gespielten Szenen – den interessanten Teil von Friedrichs Persönlichkeit schafft sie dennoch herüberzubringen, so dass sie mir auch Jahre nach ihrer Erstausstrahlung noch im Gedächtnis geblieben ist.

Die Deutschen: Friedrich II. und der Kreuzzug

Zuletzt habe ich gestaunt über die Serie „Journey Quest“ (von denselben Leuten, die schon „Gamers“ und „Gamers: Dorkness Rising“ gemacht haben). Ich finde die Schauspieler sympathisch und sehr natürlich, der Plot und die Charaktere interessieren mich – und nicht zuletzt bin ich immer beeindruckt davon, was mit einem kleinen Budget auf die Beine gestellt werden konnte. Die Titelmusik hat es mir ebenfalls angetan (so wie die fröhliche orkische Musik am Ende der 2. Staffel):

Steve Wolbrecht: Journey Quest Perf Runs/Opening Title

Dieses Staunen ist eng verbunden mit Freude – über die Welt an sich, über das, was möglich ist, über das überrascht werden und überrascht werden können. Aber auch darüber, dass bestehende Grenzen überwunden wurden, dass etwas Großartiges möglich war, dass Ideen frei fließen konnten. Dieses Element des Grenzenüberwindens ist etwas, das ich an Fantasy so attraktiv finde. Fantasy ist eng verbunden mit dem Erzählen von Geschichten – einer der ältesten menschlichen Traditionen. Wenn das Unfug wäre, wäre es längst ausgestorben. Im Gegenteil, hier wird eines unserer menschlichen Bedürfnisse erfüllt. Bei Fantasy geht es nicht um die Flucht aus dem Alltag oder eigenen Leben (Eskapismus), sondern das zusätzliche Leben, das lebendig sein unter ganz anderen Umständen, das sich erleben in einem anderen Kontext.

Darum ist Staunen so wichtig: Es ist das Gegenteil von Routine und Pflicht. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, aber ab und zu muss er träumen – ich zumindest. Staunen, mit offenem Mund und großen Augen, ist ein wenig wie nach wie vor Kind sein – die Größe der Welt entdecken. Für diese Lebensfreude hatte ich schon einmal einen anderen Ausdruck – Zukunftslust. Die Offenheit, die mit Staunen verbunden ist und wichtige Voraussetzung für Kreativität ist, bekomme ich sehr leicht durch Fantasy. Zwei Beispiele, die bei mir immer wieder funktionieren:

Zum einen die Nordlandtrilogie. Im ersten Teil gibt es ein Gesicht (wird z.B. für einen Händler verwendet), das ich immer als staunend gedeutet habe und das bei mir selbst immer wieder Staunen hervorruft. Im zweiten Teil spricht man mit Einwohnern verschiedener Orte und erfährt von einem Bündnis zwischen Elfen und Zwergen vor langer Zeit, eine Händlerin kommt aufgeregt auf einen zugelaufen und verkauft einem ein Amulett… diese vielen möglichen Erlebnisse selbst in einem kleinen Ort bringen mich zum Staunen. Das Erkunden einer Welt mit ihren vielen liebevollen Details ist ein Grund, warum alle drei Teile zu meinen liebsten Computerspielen zählen.

Zum anderen James Horners Soundtrack zum Film „Willow“. Gerade der Chor, den man zum ersten Mal hört, wenn man von der Prophezeihung liest, hat für mich immer etwas Mystisches. Das Musikstück „Elora Danan“ ist auch deswegen interessant, weil es durch so viele verschiedenen Stimmungen geht. (Zur Unterhaltung: Man beachte im folgenden Video die Frau im Chor mit den Elfenohren!)

The Danish National Symphony Orchestra: Willow – Elora Danan’s Birth (Live)

Ein Element, das im Film Willow eine große Rolle spielt und das an das anknüpft, das ich letzte Woche noch geschrieben habe: Nicht alles läßt sich vorhersehen. Das Gute, das uns geschehen kann, wird nicht alleine durch unsere Taten bestimmt oder das, was wir jetzt gerade sind.

Ein neues Lebensjahr

Ich bin auf der Suche nach dem verlorenen Groove. Zwei Blogeinträge fassen jeweils alle Blogeinträge aus Q2/2020 und alle Blogeinträge aus Q3/2020 zusammen. Zuletzt habe ich gebloggt über Lieder, die mich durch die Nacht bringen.

Vorgestern bin ich ein Jahr älter geworden. Einen so einsamen Geburtstag hatte ich zuletzt vor sieben Jahren. Damals bin ich immerhin ordentlich abtanzen gegangen – selbst das geht diesmal nicht.

Kuchen gab es aus dem Supermarkt – und eine Geburtstagstorte in Form einer Tafel Schokolade. Immerhin kamen viele virtuelle Glückwünsche an und jemand empfahl mir sogar ein Lied, das ich noch nicht kannte:

Madonna feat. MIA: B-Day Song

Wenn ich mir durchlese, was ich zu meinem runden Geburtstag vor vier Jahren geschrieben habe, dann klingt das wie ein Bericht aus einer fernen Welt – so glücklich und zufrieden. Allerdings habe ich bereits beim Rückblick auf die Zeit vor fünf bzw. zehn Jahren festgestellt: Viele Dinge habe ich schon früher richtig gesehen. Das ist der Nutzen des Bloggens: Ich kann mir später durchlesen, was ich früher einmal gedacht und gefühlt habe.

Dabei ist mir zum wiederholten Male ein Irrtum in meiner Selbstwahrnehmung aufgefallen: Ich halte mich rückblickend of für naiv und unwissend. Dabei stelle ich fest, wenn ich mein Tagebuch von früher lese, dass ich mehr wusste, als ich in Erinnerung hatte. Ich habe sogar über diese Idee selbst schon vor Jahren gebloggt!

Erst gestern ist mir klar geworden, was diesen Irrtum befördert haben kann und warum er so schädlich ist: Bildung hat in meiner Familie und meinem sozialen Umfeld immer eine wichtige Rolle gespielt. Bildung war der Schlüssel und Garant zum Aufstieg vor einer Generation. Lebenslanges Lernen ist ein wichtiger Wert für mich.

Im Übermaß kann daraus jedoch ein Lernirrtum entstehen: Wenn man genug lerne, könne man sich auf alles vorbereiten. Man müsse es nur besser wissen, um schlechte Dinge zu vermeiden. Daraus folgt, dass wenn einem etwas Schlechtes passiert, man offensichtlich dumm und naiv gewesen ist und sich beim Lernen nicht genug angestrengt hat.

Das ist die Bildungsbürgertum-Variante eines gut klingenden, aber absolut toxischen Glaubensgrundsatzes: „Jeder ist seines Glückes Schmied.“ Wem etwas Schlechtes widerfährt, der ist auch irgendwie selbst daran Schuld daran, „er hätte es ja besser machen können“.

Das ist zum einen die Abwehr der Angst, dass einem selbst etwas passieren könnte, selbst wenn man alles richtig macht – eine typisch konservative Lebenseinstellung. Zum anderen ist das der gerechte-Welt-Glaube (Just-world hypothesis) – der Fehler, anzunehmen, es gehe grundsätzlich auf der Welt schon gerecht zu.

Bildung ist wichtig; sie kann jedoch nicht auf alles vorbereiten: Manche Dinge kann man nicht vorher wissen. Sie sind nicht absehbar.

Das ist eine wichtige Sache, die ich im Vergleich zu einem halben Jahr zuvor anders sehe: Ich hätte die jetzige Krise nicht durch „mehr Wissen“ oder „besseres Vorbereiten“ verhindern können. Was mir passiert ist, war extrem ungewöhnlich und einfach Pech.

Freunde und Familie, professionelle Hilfe und Beratung waren sich einig in ihrem Urteil, das ich inzwischen annehmen und teilen kann: Ich hatte vernünftige Vorstellungen. Ich konnte mit bestem Wissen und Gewissen nicht vorhersehen oder verhindern, was mir passiert ist. Ich habe an meinem Unglück keine Schuld.

Und noch eine Sache, die ich anders sehe als zu Beginn meines Abenteuers: Ich war mir sehr wohl des Stresses, der Anspannung, des Risikos für meine Gesundheit bewusst. Ich habe nicht die Warnsignale ignoriert – im Gegenteil, ich habe mir zeitig Hilfe geholt und alle nötigen Schritte selbst in die Hand genommen.

Ich habe lange Zeit den Glauben aufrechterhalten, ich hätte schon irgendetwas falsch gemacht – andere Leute beschuldigen ist nicht fein. Aber ich bin lange davor zurückgeschreckt, anzunehmen, dass schlechte Dinge einfach so passieren, ohne dass jemand ganz konkret die Schuld daran trägt.

Ich habe in letzter Zeit oft gehört, um geliebt zu werden, muss man zuerst „sich selbst lieben“. Das hat immer eine starke Abwehrreaktion bei mir hervorgerufen – Zorn und Abscheu. Was der „Selbstliebe“ und dem „sich selbst verzeihen“ bislang im Wege stand, war das Fehlen der obenstehenden Erkenntnisse.

Das erklärt auch, warum mir die Tränen kamen, wenn es um das grundsätzliche Ablehnen von anderen ging, wenn sie nicht nützlich sind. Bei anderen konnte ich diese Empathie aufbringen, bei mir hatte ich lange eine innere Blockade. Aber wenn man danach die Menschen bemessen würde, ob sie immer so gut wie möglich vorbereitet wären und sich ständig fehlerlos verhalten würden, müsste man die ganze Menschheit verurteilen. Das kann’s nicht sein.

Das ist der Unterschied zwischen zwei Konzepten: Sich selbst verbessern? Sehr gerne – sich an sich selbst messen und besser werden klingt gut. Sich selbst optimieren? Nein danke – das klingt völlig unmenschlich und gnadenlos sich selbst gegenüber.

Für mein Leben ab jetzt habe ich eine neue Sicht: Ich muss nichts mehr beweisen, weder beruflich noch privat. Ich habe im Leben nicht erreicht, was ich wollte, aber alles, was ich konnte. Was jetzt noch kommt, ist alles Zugabe.

Drei Elemente haben sich für mich herauskristallisiert, die für mich funktionieren:

  1. Musik und Kreativität
  2. Herz und Hirn, Feinsinnigkeit
  3. mich in Umgebungen zurechtfinden mit Unsicherheit / Unschärfe / unklaren Regeln

Letzteres ist nicht etwa dadurch verursacht, dass ich Regeln nicht befolgen könnte. Dafür sorgen schließlich mein Verantwortungsgefühl und mein Pflichtbewusstsein. Es ist also nicht aus der Not geboren, sondern aus Freiheit entstanden. Das ist ein wichtiger Aspekt für die Zukunft, denn das kann längst nicht jeder.

Ich bring‘ Dich durch die Nacht

Ich bin auf der Suche nach dem verlorenen Groove. Zwei Blogeinträge fassen jeweils alle Blogeinträge aus Q2/2020 und alle Blogeinträge aus Q3/2020 zusammen.

Zu dem Lied „The Dawn Will Come“ und meinen Gedanken dazu gab es noch eine schöne Rückmeldung:

Reinhard Mey, dessen Lied „So viele Sommer“ ich dieses Jahr zu spielen und singen gelernt habe, hat ebenfalls ein Stück zum selben Thema anzubieten:

Reinhard Mey: Ich bring‘ Dich durch die Nacht

Die letzte Woche hat mir noch einmal einiges an Energie abverlangt. Umso wichtiger ist es, Dinge zu finden, aus denen man wieder neue Kraft schöpfen kann!

Deswegen folgen noch vier weitere Versionen von „The Dawn Will Come“, die es mir angetan haben.

Die erste finde ich sehr zart arrangiert, die zweite hat mich besonders ergriffen, die dritte hat ein ein besonders schönes begleitendes Video. Da der Text sehr wichtig ist, habe ich die Instrumentalversionen weitestgehend außen vor gelassen – aber Lindsey Stirling ist mit ihrer Darbietung und ihrem Video wieder einmal eine Klasse für sich. Daher ist dies die vierte Version meiner heutigen Auswahl.

Malukah

Folkore Guild

Igromanija

Lindsey Stirling

Mag‘ die Nacht auch lang noch sein…

Morgen ist es ein halbes Jahr her, dass ich begonnen habe, mich auf die Suche nach dem verlorenen Groove zu machen. In einem Blogeintrag hatte ich den Hintergrund mit Verweisen auf alle Blogeinträge aus Q2/2020 zusammengefasst.

Was habe ich in dem nun endenden Quartal erlebt und gelernt?

Ich habe den Sinn des Zorn erkannt. Angestoßen durch die unbezähmbare Wut, die sich in mir angestaut hatte, habe endlich für Veränderung gesorgt.

Ich habe auf die Zeit vor fünf bzw. zehn Jahren und Gemeinsamkeiten wie Unterschiede mit meiner heutigen Situation zurückgeblickt – und was ich damals schon begriffen, aber zwischenzeitlich wieder verdrängt hatte. Dazu gesellten sich drei wertvolle Einsichten ebenso wie die Erkenntnis, dass das Leben keinen Sinn haben muss.

Ich sehne mich nach einem Leben in Würde. Dazu gehört, Verletzbarkeit zu zeigen gegenüber den Menschen, denen ich vertraue.

Einer meiner musikalischen Höhepunkte des Sommers war meine Darbietung des Liedes „So viele Sommer„. Kreativität ist einer der wenigen Bereiche meines Lebens, der derzeit nicht brachliegt und in dem ich ganz bei mir selbst bin.

Solche kleinen Erfolge hatte ich auch bitter nötig, denn die große Müdigkeit war allzu oft präsent. Mein oberstes Ziel wird darin bestehen, mich selbst zu retten. Trotz allem habe ich einige Erwartungen an die Zukunft formulieren können.

Passend dazu wurde mir heute ein Lied empfohlen:

Dragon Age Inquisition: „The Dawn Will Come“

Wie heißt es in dem Lied: Die Nacht ist lang und der Weg ist dunkel. Ich musste sofort an „Die Nacht ist vorgedrungen“ denken und reagierte auch genauso: Ich war so gerührt, dass mir die Tränen kamen.

Dieses Lied drückt etwas aus, was ich derzeit fühle – und etwas, das ich brauche. Sehr schön kommt das in folgender Version zum Ausdruck:

Peter Hollens‘ virtueller Chor mit mehr als 500 Leuten

Ja, jetzt sind wir vielleicht in finsterer Nacht. Aber diese Zeit wird nicht für ewig bleiben.

Ich musste an Enyas Lieder aus dem ersten Teil der „Herr der Ringe“-Trilogie denken. Am Ende eines Filmes, der mit bedrückender Stimmung endet, drückt sie in „May It Be“ doch ein Fünkchen Hoffnung aus – auch wenn der Weg noch lang ist. Und in Aníron heißt es sogar übersetzt: „Siehe! Ein Stern erhebt sich aus der Dunkelheit“.

Das ist für mich der entscheidende Unterschied zu „Game of Thrones“, auch wenn beides hochkarätige Fantasy-Produktionen sind. Dort heißt es schlicht „Die Nacht ist dunkel und voller Schatten.“ Eine fesselnde Serie, aber mit überaus düsterer Grundstimmung.

Ich brauche etwas anderes. Wie ich zu Beginn meiner Suche sagte: „We shall see the Shire again!“

Oder wie mir heute jemand schrieb: Jede Reise beginnt mit einem Schritt.

Ich habe für mich eingesehen, dass es keinen Sinn hat, den starken Kerl zu spielen. Ich habe mir sowohl Unterstützung bei meinen Freunden als auch professionelle Hilfe geholt. Am Anfang überwog noch ein Gefühl aus Scham und Schuld, „es nicht alleine geschafft zu haben“, „nicht stark genug gewesen zu sein“ oder gar „die eigene Rolle nicht richtig erfüllt zu haben“. Aber all das ist Unsinn. Die Friedhöfe sind voll von Leuten, die unbedingt alleine stark sein wollten. Die meisten hätten viel länger unter uns bleiben können. Den Tod wird es nicht kümmern, ob wir „uns selbst optimiert“ und unser Leben „höchst effizient“ gelebt haben.

Es ist eine Illusion zu glauben, im Meer des Lebens gäbe es Gewässer ohne Gefahren, man müsse sich nur richtig anstrengen, um sie zu finden. Es ist umgekehrt: Man hat immer noch dort die besten Chancen, wo man die tückischen Strömungen und die Riffe knapp unter Oberfläche kennt.

Ich habe für mich erkannt, dass Verletzbarkeit ein ganz entscheidender Teil meines Menschseins ist. Wer damit nicht zurechtkommt, mit dem sollte ich auch nichts weiter zu tun haben, denn es wäre ein toxisches Verhältnis, das mich nur auslaugen würde.

Ich kann „den harten Krieger“ nicht auf eine Weise verkörpern, die auf Dauer für mich gesund wäre. Und selbst wenn ich es könnte: Ich habe schlicht keine Lust mehr darauf, denn ich finde das unglaublich langweilig.

Ich bin inzwischen fest davon überzeugt, dass es zum Mannsein gehört, seinen eigenen Weg zu gehen und einen persönlichen Umgang mit allen Gefühlen zu finden – und nicht nur denen, die in der jeweiligen Situation gefordert oder von anderen zugestanden werden.

Sich in allen Facetten zu schätzen, auch denen, die nicht gerade angesagt sind – das ist die wahre Panzerung, der echte Schutz gegen jeden Sturm, der da draußen im Leben toben sollte. Das sei mein Leitmotiv für die Monate, die da kommen werden. Jede Reise beginnt mit einem Schritt.

Vertagen, nicht verzagen

„Feel my heart, feel my heart has turned to grey“
Chicane featuring Adam Young – Middledistancerunner

Ich bin auf der Suche nach dem verlorenen Groove. Ein Blogeintrag fasst den Hintergrund mit Verweisen auf alle Blogeinträge aus Q2/2020 zusammen. Seitdem habe ich über den Sinn des Zorn, Verletzbarkeit, die Zeit vor fünf bzw. zehn Jahren, dass das Leben keinen Sinn haben muss, drei wertvolle Einsichten, „So viele Sommer„, unbezähmbare Wut, Veränderung, Würde und die große Müdigkeit geschrieben sowie zuletzt darüber, sich selbst zu retten.

Eine Freundin hat mich noch daran erinnert, woher ich das Motto der letzten Woche ebenfals kenne: Aus dem Achtsamkeits-Terminkalender „Ein guter Plan“, den sie mir für dieses Jahr geschenkt hat.

Ähnlich wie es Jan Lenarz aufgeschrieben hatte, steht auf einer dazugehörigen Karte:

„Wir haben alle ein bisschen „Ich will die Welt retten“ in uns.

Aber es ist ok, wenn du erst mal nur einen Menschen rettest.

Und es ist o.k., wenn dieser Mensch du selbst bist.“

Schöner könnte ich es nicht ausdrücken. Ich kann die Produkte des Verlages „Ein guter Verlag“ nur empfehlen, denn sie sind einfach schön zu benutzen, anzusehen und anzufassen, jedesmal ein kleiner Lichtblick im grauen Alltag. Und die habe ich auch bitter nötig, denn:

Es ist Herbst geworden. Der Sommer symbolisiert für mich immer die große Zeit, in der ich frei bin, in der alles möglich ist – im Herbst schrumpfe ich wieder auf Normalmaß zusammen, alle unerfüllt gebliebenen Sehnsüchte müssen wie die Blätter an den Bäumen verwelken. Alleine dass ich diesen Sommer zum ersten Mal seit fast 20 Jahren keine große Reise gemacht habe, also die Zeit zum Träumen ausblieb.

Es heißt noch mindestens einige Monate abzuwarten, bis wieder wirklich etwas geht. Ist das nicht eigentlich gegen meine Mission? „Vernünftig sein“ und „abzuwarten“ klingt nicht nach einem Abenteuer. Und ja, das lange Warten macht mir sehr zu schaffen. Bereit zu sein, aber nicht loslegen zu können, das nagt an den Nerven (oder ihren mühsam zusammengeklaubten Restbeständen).

Das gilt sowohl für mein mögliches neues Leben als auch für meine Träume. Ich hatte große Pläne für dieses Jahr: Im Januar hatte ich mir zahlreiche Bücher der Kauderwelsch-Serie bestellt, alle mit Sprachen für Länder, in denen ich noch nicht gewesen bin. Wenigstens weiß ich inzwischen, dass ich meinen Jahresurlaub zum allergrößten Teil auch nächstes Jahr abfeiern kann – aufgeschoben ist nicht aufgehoben.

Jetzt passt ein Lied, das mich schon zu Beginn meiner Auszeit begleitet hat. Chicane, seinerzeit eine Musikempfehlung eines meiner besten Freunde, hat mich immer wieder inspiriert:

Chicane featuring Adam Young – Middledistancerunner

Diese unglaubliche melancholische Stimme von Adam Young (kennt man von Owl City – Fireflies) – und dazu das Video: Ein Typ, der völlig ausgelaugt an seinem Schreibtisch sitzt und offensichtlich den Bezug zu seiner Umwelt verloren hat. Alle möglichen Orte und Sinnesreize können bei ihm keine Reaktion mehr hervorrufen – bis kurz vor dem Ende (des Videos)…

Ich sehe das natürlich durch meine eigene Brille. Wenn ich das Lied höre, packt mich die alte Sehnsucht nach dem Reisen, nach dem Ausbrechen aus dem Alltag, nach dem noch einmal etwas ganz anderes erleben.

Ich wurde von Freunden gefragt, was denn meine Erwartungen an die (nahe) Zukunft wären. Darauf hatte ich spontan eine klare Antwort:

1. Diesen Dreck überleben.
2. Verreisen und feiern, als ob es kein Morgen gibt.

Und noch viel wichtiger davor:

0. Aufhören, von anderen Leuten irgendwelchen Mist zu akzeptieren.

Das ist doch mal ein ganz konkreter Schritt, der sich auch umsetzen läßt!

Sich selbst retten

„Luke? Der ist ja irre! Der kann ja noch nicht mal auf sich selbst aufpassen, wie will er da jemand anders retten?“
– Han Solo zu Chewbacca, Die Rückkehr der Jedi-Ritter

Ich bin auf der Suche nach dem verlorenen Groove. Ein Blogeintrag fasst den Hintergrund mit Verweisen auf alle Blogeinträge aus Q2/2020 zusammen. Seitdem habe ich über den Sinn des Zorn, Verletzbarkeit, die Zeit vor fünf bzw. zehn Jahren, dass das Leben keinen Sinn haben muss, drei wertvolle Einsichten, „So viele Sommer„, unbezähmbare Wut, Veränderung und Würde geschrieben sowie zuletzt über die große Müdigkeit.

Vor einiger Zeit hat mich John Albrecht im Gespräch auf ein interessantes Phänomen aufmerksam gemacht: Viele Berater, Trainer und Coaches würden stets versuchen, „andere zu retten, anstatt auf sich selbst zu achten“. Statt sich auf die eigenen Bedürfnisse und Verletzungen zu fokussieren, wären sie ständig auf andere gerichtet – und würden damit eigene Wunden nicht heilen. Irgendwann ist die Energie aufgebraucht und dann geht gar nichts mehr.

Er hat das außerdem schön zusammengefasst in dem Artikel „Avoiding Rescue, looking after yourself„. Das „Retter-Syndrom“ als Flucht vor den eigenen Gefühlen hat mich sehr nachdenklich gemacht, denn hier wird deutlich, dass es eben nicht „besonders edel“ ist, seine eigenen Anliegen hintenanzustellen, sondern schädlich und gefährlich.

Sich selbst zu retten ist nicht egoistisch. Sich selbst zuerst zu retten ist eine Grundvoraussetzung dafür, anderen helfen zu können. Ganz trivial kennt man das aus den Anweisungen für Sauerstoffmasken im Flugzeug (ein Beispiel aus dem erwähnten Artikel).

„Mich selbst retten“ wird also mein Programm für die nächsten Monate werden. Was meine eigene Stimmung angeht, so habe ich ein Musikstück wiedergefunden, das sie sehr gut ausdrückt. So schmerzhaft viele Gefühle sind, so sehr tut es auch gut zu wissen, dass das jemand anders auf kreative Weise ausdrücken konnte.

Queen: Save Me

Die große Müdigkeit

„Wir woll’n nicht länger warten, wir haben es so satt.
Wo sind all die schönen Dinge, die die Werbung jedem einzelnen von uns versprochen hat?“ – Die Ärzte: Nicht allein

Ich bin auf der Suche nach dem verlorenen Groove. Ein Blogeintrag fasst den Hintergrund mit Verweisen auf alle Blogeinträge aus Q2/2020 zusammen. Seitdem habe ich über den Sinn des Zorn, Verletzbarkeit, die Zeit vor fünf bzw. zehn Jahren, dass das Leben keinen Sinn haben muss, drei wertvolle Einsichten, „So viele Sommer„, unbezähmbare Wut und Veränderung geschrieben sowie zuletzt über Würde.

Ich bin unendlich müde. Alles tut weh. So sehr ich stets positiv eingestellt und nach vorne gerichtet sein möchte – mein Leben hat zu viele emotionale Schulden der letzten Jahre, die sich nicht ignorieren lassen. Doch selbst wenn das ginge, wäre es falsch: Denn das hat mich erst in die aktuelle Krise hineingeritten. Ich muss – bedingt durch die aktuelle Weltlage, die noch eine Weile so bleiben wird – vernünftig sein. „Vernünftig sein“ ist jedoch extrem ermüdend. „Rational handeln“ über Monate erfordert viel Kraft – ich habe jedoch meine Reserven in den Jahren davor bereits verbraucht.

Auf ganz kleiner Flamme meinen Alltag bestreiten, ständig mit der eigenen Energie haushalten müssen, keine großen Freuden erleben können, weil soviel derzeit nicht geht – das klingt nicht nach tollen Aussichten. Und so seltsam es ist: Das so aufzuschreiben macht mich ruhiger. Offen ausdrücken zu können, dass ich nicht zufrieden bin und dass das angemessen ist, ist der nächste Schritt auf der Suche nach meinem Groove.

Das ist der Zeitpunkt, um mich an ein Zitat von Fernando Sabino zu erinnern, das ich im Januar zum ersten Mal gehört habe und das fälschlicherweise Oscar Wilde oder (wahlweise John Lennon) zugeschrieben wird:

„Am Ende wird alles gut, und wenn es nicht gut ist, ist es auch nicht das Ende.“ (populäre Version)
„No fim tudo dá certo, e se não deu certo é porque ainda não chegou ao fim.“ (Original)
„Am Ende wird sich alles lösen lassen, und wenn es sich nicht gelöst hat, dann weil es noch nicht das Ende war.“ (sinngemäße Übersetzung)

Würde ist kein Luxus

Ich bin auf der Suche nach dem verlorenen Groove. Ein Blogeintrag fasst den Hintergrund mit Verweisen auf alle Blogeinträge aus Q2/2020 zusammen. Seitdem habe ich über den Sinn des Zorn, Verletzbarkeit, die Zeit vor fünf bzw. zehn Jahren, dass das Leben keinen Sinn haben muss, drei wertvolle Einsichten, „So viele Sommer“ und unbezähmbare Wut geschrieben sowie zuletzt über Veränderung.

Man sollte meinen, dass ich nach den letzten Veränderungen ein Stück zufriedener und ruhiger geworden bin. Das stimmt bezogen auf den Fortschritt, allerdings nicht, was die allgemeine Einschätzung meiner jetzigen Lebenslage und meiner Aussichten für die nähere Zukunft angeht.

Stattdessen habe ich – ähnlich wie ich es bei Zorn und Wut beschrieben habe – ein starkes Gefühl der Abwehr durchlebt. Ich habe einige Zeit gebraucht, um zu begreifen, was mir das Gefühl sagen wollte. Es signalisierte mir, dass ich mich auf keinen Fall fügen solle, denn die jetzige Lage empfinde ich als sehr entwürdigend. Es hatte also mit meiner Würde zu tun! Als ich das begriffen hatte, wurde ich innerhalb kürzester Zeit wieder ganz ruhig. Das war ein deutliches Signal, dass ich die Botschaft, die mir meine Gefühle gesandt hatten, verstanden hatte.

Wenn es um Ehre geht, gibt es zwei Konzepte: Das einer externen, die auf einem Regelwerk basiert und die bei Verletzungen verteidigt werden muss, und einer internen, einem eigenen moralischen Kodex gleich, dem man selbst folgt. Bei der Würde sehe ich ebenfalls zwei verschiedene Varianten: Zum einen die universelle Menschenwürde, wie es in dem Satz „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ ausgedrückt wird. (Hervorragend dazu zu hören: Dr. Navid Kermani in seiner Rede zur Feierstunde „65 Jahre Grundgesetz“.)

Diese allgemeine Würde reicht aber noch nicht. Hinzu kommt eine persönliche Würde, die einzig und allein vom persönlichen Empfinden abhängt. Es spielt keine Rolle, ob andere Menschen mein Leben als würdevoll oder nicht erleben. Derzeit sagen mir andere ja, aber ich nein. (Umgekehrt könnten andere die Meinung vertreten, dass Dinge, die ich tue, „würdelos“ sind, ich mich quasi „zum Affen mache“, und ich dennoch aus eigener Sicht ein Leben in Würde führen.)

Ob ich mein eigenes Leben als sinnvoll empfinde, entscheide ich selbst. Das ist ein zentraler Bestandteil eines selbstbestimmten Lebens.

Das, was ich tue, muss für mich einen Sinn haben. Aus dem, was derzeit in meinem Leben geschieht, läßt sich für mich noch kein Sinn ableiten. Das reicht mir nicht.

Ich habe erkannt, dass ich einige Zeit für mich selbst brauche – ich muss wie schon erwähnt meine Wut langsam aus mir herauslassen, ich muss auch Traurigkeit, Enttäuschung und Verletzung ausleben können. Niemand kann mir einreden, „dass ich ja nicht mehr verlangen kann“. Wie ich schon vorher geschrieben habe: Das soll’s noch nicht gewesen sein! Mein Leben muss keinen Sinn für andere haben – aber sehr wohl für mich!

Diese Verbindung zu mir selbst, zu meinen eigenen Bedürfnissen, ist wie der Gral. Der Gral als Symbol berührt mich deswegen so stark, weil er etwas ist, das geschützt ist und nicht zerstört werden kann.

Das eigene Dasein als würdevoll zu erleben, ist kein Luxus. Für mich selbst einzustehen ist etwas, auf das ich viel zu lange verzichtet habe und das ich jetzt umso mehr brauche, um wieder ich selbst zu werden.

Damit es mir wieder gut gehen kann, muss ich zuerst sagen können, dass es mir nicht gut geht und dass nicht alles „einfach so“ wieder gut wird. Ich habe ein Recht darauf, mit meinem Leben unzufrieden zu sein – gerade weil ich Dinge angepackt habe.

Veränderung – endlich

Ich bin auf der Suche nach dem verlorenen Groove. Ein Blogeintrag fasst den Hintergrund mit Verweisen auf alle Blogeinträge aus Q2/2020 zusammen. Seitdem habe ich über den Sinn des Zorn, Verletzbarkeit, die Zeit vor fünf bzw. zehn Jahren, dass das Leben keinen Sinn haben muss, drei wertvolle Einsichten und „So viele Sommer“ geschrieben sowie zuletzt über unbezähmbare Wut.

Heute möchte ich beschreiben, wie sich die Veränderung anfühlt, die ich inzwischen angestoßen habe. Eigentlich sind es jeweils nur die ersten Schritte. Und dennoch, es ist wie der Regen nach einer längeren Hitze.

Denn ich kann mir zig-mal in Gedanken ausmalen, was ich ändern möchte und was ich will: Am Ende zählt nur, was ich wirklich unternehme und ändere. Darum sind die realen Schritte so wichtig.

Dass sie nie perfekt sein werden, dass ich Fehler machen werde, liegt in der Natur der Sache. Es fühlt sich an, als sei eine große Last von meinen Schultern gefallen. Denn echte Veränderung in kleinen Schritten ist wichtiger als das perfekte, monatelang gepflegte Bild in der Vorstellung.

Ich habe mir bei so manchen Leuten Rat geholt – auch bezogen darauf, was mir Energie und Entspannung gibt. Von einigen kamen Musiktipps, und von einer Person stammt dieses Stück hier, dass mich immer wieder beruhigt:

Schiller & Ameerah – Dancing In the Dark

Unbezähmbare Wut

„I am an angry man, yeah / I vent it when I can, yeah“
– Sinéad O‘ Connor: It’s All Good

„Irgendwie fängt irgendwann irgendwo die Zukunft an / ich warte nicht mehr lang“
– Nena: Irgendwie, irgendwo, irgendwann

Ich bin auf der Suche nach dem verlorenen Groove. Ein Blogeintrag fasst den Hintergrund mit Verweisen auf alle Blogeinträge aus Q2/2020 zusammen. Seitdem habe ich über den Sinn des Zorn, Verletzbarkeit, die Zeit vor fünf bzw. zehn Jahren, dass das Leben keinen Sinn haben muss und drei wertvolle Einsichten geschrieben sowie zuletzt über „So viele Sommer„.

Das Wochenende mit meiner Familie in Nordwalde hat mir sehr gut getan. Eine Sache ist mir dabei deutlich geworden: In mir steckt ein unglaubliches Maß an Wut. Diese Wut trage ich schon lange mit mir herum und sie ist seit zwei Jahren immer weiter gewachsen.

Ich muss von ihr loskommen, sonst sprudelt sie irgendwann aus mir heraus und übermannt mich. Nun zahlte es sich aus, dass ich mir bereits vorher darüber Gedanken gemacht hatte, was Zorn eigentlich bedeutet: Ich bin in einer Situation, die mir nicht gut tut oder die ich nicht als fair empfinde, und brauche Veränderung!

Ich bin jetzt nicht plötzlich glücklich oder ganz ausgeglichen geworden – ich schwanke immer noch zwischen Zorn und Traurigkeit. Dennoch bleibt festzuhalten:

Ich habe in einer Woche mehr geschafft als in den Monaten zuvor.

Anstatt in einer passiven Rolle zu bleiben und einen Opferstatus zu pflegen, habe ich selbst und aktiv Schritte eingeleitet, um mein Leben zu verändern.

Vieles davon tut weh. Es schmerzt, weil das Unternehmen der Schritte auch bedeutet, dass ich so manche Hoffnung aufgegeben habe und dass ich am Ende jahrelang vergeblich auf so manche Sachen erst hingearbeitet und danach gewartet habe. Aber in einer festgefahrenen Situation zu verweilen, wird auf Dauer immer mehr weh tun. Solange ich nichts ändere, komme ich mir immer mehr vor wie der letzte Penner, der nichts mehr auf die Kette kriegt.

Also Schluss damit. Es wird allerhöchste Zeit, mein Leben wieder selbst in die Hand zu nehmen und zur Not einige alte Brücken abzureißen. Erst wenn ich meine Wut nach und nach produktiv auslebe, werde ich wieder Frieden finden.