Lei{d|t}motive

Ich bin auf der Suche nach dem verlorenen Groove. Fünf Blogeinträge fassen jeweils alle Blogeinträge aus einem Quartal zusammen:

Zuletzt habe ich hoffnungsvoll über die bessere Jahreshälfte gebloggt sowie darüber, endlich wieder unterwegs zu sein, meine besten Freunde wiederzusehen, Jahrestage und Phantomschmerzen, was ich bin und was nicht, wie die Energie langsam zurückkommt, die Fragen, wo ich hingehe und ab wann es schiefging in meinem Leben, Jahre, die zu mir sprechen sowie über Platz für Verletztheit.

Zu dem Blogeintrag von letzter Woche ist mir noch eine Frage eingefallen: Warum erzielen nur einige Versionen der genannten Lieder diesen Effekt? Warum werde ich bei einigen traurig und bitter, während andere sogar meine Stimmung verbessern?

Diejenigen Versionen, die meine Stimmung kippen lassen, sind besonders zart, ruhiger, leichter arrangiert oder leicht beschwingt. Dann kommen viele starke Emotionen in mir hoch. Dabei sind mir noch drei Sachen aufgefallen:

  • Dass nicht alle Versionen dies bewirken, zeigt mir, dass ich nicht eine generelle Allergie gegen diese Lieder entwickelt habe.
  • Dass ich positiv auf einige Versionen reagiere, zeigt auch, dass nicht starke Emotionen, Romantik und Leidenschaft ein Problem sind. Es ist eher die mitschwingende Annahme, dass alles ganz leicht ist, dass sich alles schon ergeben wird.
  • Dass ich nicht verbittert bin, zeigt sich darin, dass ich nicht meine Erfahrung zum allgemeinen Maßstab erheben möchte oder nach diesen Regeln mein restlichen Leben zubringen will.

Gestern war habe ich erneut an einer virtuellen Runde rund um Befreiende Strukturen (Liberating Structures) teilgenommen. Die haben mir ja bereits mehrmals auf meinem Weg geholfen, etwa dabei, meine eigene Aufgabe glasklar formulieren zu können.

Es ging diesmal um eine scheinbar einfache Frage: Wie waren die letzten eineinhalb Jahre?
Dabei stellte ich fest, dass es sich anfühlte, als habe sich nichts verändert, während sich tatsächlich viel verändert hat für mich:

  1. Ich habe mich beruflich verändert und eine neue Stelle (innerhalb desselben Unternehmens) angetreten.
  2. Ich habe für meine berufliche Entwicklung 5 Zertifizierungen bei scrum.org gemacht – die letzte im Januar.
  3. Ich kenne mich inzwischen so gut mit Liberating Structures aus, dass ich sie immer wieder gerne mitmache und auch selbst verwende.
  4. Ich habe eine professionelles Netzwerk aufgebaut.
  5. Ich blogge einmal die Woche.
  6. Ich bin musikalisch aktiv, habe mich dabei an neue Sachen gewagt und sogar einige Aufnahmen gemacht.

Mir war gleichzeitig auch klar, was mir nach wie vor zu schaffen macht. Es tat gut, das ebenfalls deutlich benennen zu können:

  • Einsamkeit
  • immer nah an der Kante genäht sein, was die Energie angeht
  • die Frage nach dem Warum stellen

Ich muss mich verändern und ich muss Veränderung erleben. Das ist mir klar.

Interessant ist, was mir einen Tag später auffällt: Ich dachte, ich träte auf der Stelle. Dabei habe ich mich in einiger Hinsicht sogar sehr weiterentwickelt.

Heute hatte ich ein einschneidendes Erlebnis. Ich habe seit langer Zeit wieder eine positive Erfahrung gemacht.

Mir ist im nachhinein wieder in den Sinn gekommen, was ich zu Beginn meiner Auszeit als meine drei Motive notiert hatte: „einen Unterschied machen“, „etwas in den Herzen der Menschen bewegen“ und „gut genug für etwas sein“.

Mir ist jetzt erst aufgefallen, warum ich mich so lange so schlecht gefühlt habe: Weil in allen drei Gesichtspunkten das Gegenteil der Fall war. Was ich tat, machte keinen Unterschied; ich konnte nichts mehr in den Herzen der Menschen um mich herum bewegen und ich schien auch nichts mehr gut genug zu sein.

Heute habe ich zum ersten Mal seit über drei Jahren erlebt, wie es sich anfühlt, wenn alle drei Dinge erfüllt sind. Wie Superkräfte! Das ist der Groove. Es muss kein Traum bleiben! Ich kann wieder dort hin!

Platz für Verletztheit

Ich bin auf der Suche nach dem verlorenen Groove. Fünf Blogeinträge fassen jeweils alle Blogeinträge aus einem Quartal zusammen:

Zuletzt habe ich hoffnungsvoll über die bessere Jahreshälfte gebloggt sowie darüber, endlich wieder unterwegs zu sein, meine besten Freunde wiederzusehen, Jahrestage und Phantomschmerzen, was ich bin und was nicht, wie die Energie langsam zurückkommt, die Fragen, wo ich hingehe und ab wann es schiefging in meinem Leben sowie über Jahre, die zu mir sprechen.

Nachdem ich letztes Mal der Vergangenheit gelauscht habe, geht der Blick heute wieder in die Gegenwart und die nahe Zukunft. Ich trage dieses Thema schon lange mit mir herum und will es mir endlich von der Seele schreiben.

Ich bin gleichermaßen durch die 1980er und 1990er Jahre sozialisiert worden, was Musik angeht. Die 1980er waren meine Kindheit, die 1990er meine Jahre als Teenager und junger Erwachsener.

Aus den 1980ern stammen viele Lieder, die auf Hochglanz arrangiert und produziert sind und sehr gefühlvoll sind. Mit ihnen verbinde ich Zartheit, Romantik, Melancholie, aber auch Leidenschaft und Hingabe.

Aus den 1990ern hingegen kenne ich viele Stücke, bei denen alte Zöpfe abgeschnitten wurden, alles bewusst spärlicher angegangen wurde und das Ergebnis of rauher klingt. Mit der Musik aus diesen Jahren verbinde ich Authentizität, Energie, Veränderung, Mut und einen Blick ohne Filter.

So kommt es, dass ich zwei sehr unterschiedliche Jahrzehnte schätze, die oft gegenteilige Aspekte und Facetten hervorheben. Aber gerade dieser scheinbare Widerspruch gefällt mir besonders gut.

Durch Zufall stieß ich auf ein Video, in dem quasi die westliche Popkultur der 1980er in einem Zusammenschnitt hervorragend eingefangen wird. Es fehlen natürlich einige europäische Aspekte (Robin of Sherwood!), aber insgesamt kommt das Gefühl des Jahrzehnts sehr gut rüber:

Boy Meets Girl: Waiting For A Star To Fall

Ich kannte das Lied, hatte es aber jahrelang nicht gehört und wusste auch nichts über die Gruppe dahinter. Und wie es so ist, wenn mich etwas interessiert, lese ich den Hintergrund und suche nach Coverversionen:

Yohanna: Waiting For A Star To Fall

Claire Richards: Waiting For A Star To Fall

Diana Vickers: Waiting For A Star To Fall

Die von Claire Richards finde ich so unglaublich kraftvoll und mit absoluter Hingabe – ganz meine Sache! Auch die Metalband At The Movies hat eine Coverversion aufgenommen, die ich jedoch nicht ganz so herausragend finde – aber immerhin bin ich so auf ihre Interpretation der Lied „We Don’t Need Another Hero“ sowie „The One And Only“ gestoßen.

Bei den beiden ruhigen Versionen von Yohanna und Diana Vickers geschah etwas Merkwürdiges: Ich wurde plötzlich traurig und dann bitter. So wie mein Selbstbild manchmal plötzlich wie ein Kippbild war, so kippte hier meine Stimmung.

Ähnlich erging es mir mit anderen Liedern. Ich entdeckte etwa eine Coverversion von Rick Astleys „Together Forever“ – eine leichte, beschwingte Jazzversion. Und so, wie ich das Stück anfangs genoss, die positive Stimmung, die Leichtigkeit, so wurde ich auf einmal schwermütig und genervt.

Together Forever (Jazz)

Ein drittes Beispiel: Ich hatte gelesen, dass das Lied Belfast Child die Melodie von „She Moved Through The Fair“ verwendet. Es gibt etwa eine Version von Sinead O’Connor, die sehr eindringlich ist. Eine bestimmte Version von Loreena McKennitt finde ich am schönsten.

Loreena McKennitt: She Moved Through The Fair

Hayley Westenra: She Moved Through The Fair (Pipes Version)

Aber ganz seltsamerweise macht mich die Version von Hayley Westenra ruhe- und hoffnungslos, fast zynisch. Was steckt dahinter?

Es hat lange gedauert, das zu verstehen. Im Kern läuft es immer auf dasselbe hinaus:
Die Vorstellung,
– Liebe könnte auch in Teenagerjahren erfüllt und glücklich sein
– es gäbe eine Liebe, bei der man Verletzbarkeit zeigen könne
– man könnte heiraten und sogar dann noch geliebt werden
und dass das alles so normal ist, dass man es in Folklore und Popkultur gießt,
das alles tut mir unglaublich weh, weil ich entweder viele Jahre oder mehrmals das genaue Gegenteil erlebt habe.

In dem Moment, in dem ich das so niedergeschrieben habe, ist es plötzlich nicht mehr merkwürdig oder verrückt, sondern absolut normal und verständlich. Ich selbst werde völlig ruhig.

Das ist ein starker Hinweis darauf, dass ich mich einer alten Angst gestellt und etwas gefunden habe, das ganz wichtig ist. Es erfordert echte moderne Männlichkeit, einige falschen Lehren zu erkennen. Bislang war ich „Wenn Du Dich schlecht fühlst, bist Du selbst daran Schuld und beweist das einen persönlichen Defekt.“ oder „Du darfst das gar nicht fühlen!“ gewohnt. Das ist beides völliger Blödsinn und emotional absolut unreif.

Der erste Schritt zur Überwindung der Bitterkeit besteht darin, den Schmerz zuzulassen. Der zweite Schritt zur Überwindung der Bitterkeit besteht darin, Verletzungen anzuerkennen.

Wunden muss man auswaschen, damit sie gut heilen können. In diesem Sinne:

  • Ich bin tief verletzt worden und das war nicht in Ordnung. Ich habe alles Recht der Welt, das zum Ausdruck zu bringen.
  • Es gibt keine Lehre und keine Umstände, die es entschuldigen, einen Menschen so zu verletzen.
  • Ich möchte nicht, dass Lieder, die mir gefallen und mich tief berühren, auf Dauer Bitterkeit in mir auslösen.

Jahre, die zu mir sprechen

„Here we stand /
Or here we fall /
History won’t care at all“
Queen: Hammer To Fall

Ich bin auf der Suche nach dem verlorenen Groove. Fünf Blogeinträge fassen jeweils alle Blogeinträge aus einem Quartal zusammen:

Zuletzt habe ich hoffnungsvoll über die bessere Jahreshälfte gebloggt sowie darüber, endlich wieder unterwegs zu sein, meine besten Freunde wiederzusehen, Jahrestage und Phantomschmerzen, was ich bin und was nicht, wie die Energie langsam zurückkommt sowie die Fragen, wo ich hingehe und ab wann es schiefging in meinem Leben.

Ich kann im Grunde genau da anknüpfen, wo ich letzte Woche aufgehört habe: Es ist nicht nur so, dass ich selbst auf die Vergangenheit blicke. In den letzten Wochen ist es fast, als würden einige Jahre meiner Vergangenheit zu mir sprechen. Und zwar nicht voller Zorn oder Traurigkeit – sondern gütig und ruhig und zum Teil mit Ernst und Eindringlichkeit.

2014 flüstert mir zu: „Weißt Du noch, als Du aus allem ausgebrochen bist und Du erfahren hast, dass Du ein viel besserer und liebenswerterer Mensch bist, als Du jemals von Dir dachtest? Das ist noch gar nicht so lange her. Worauf wartest Du diesmal?

2011 hat einen ernsten, aber auch feierlichen Klang in der Stimme: „Du warst geschlagen und fast am Ende, aber Du hast nicht aufgegeben. Obwohl Du keine Kraft und keine Hoffnung mehr hattest, hast Du Dich noch einmal selbst erfunden und dabei erfahren, dass Du ganz anders sein kannst, als Du bislang glaubtest. Und als Du die Chance hattest, da hast Du Dich wie ein echter Ritter verhalten. Du warst in schlechterer Lage als heute und hast Dich durch alles durchgekämpft. Wann kämpfst Du wieder für das, was zählt?

1999 ruft mir laut und rebellisch zu: „Du hättest auf Nummer Sicher gehen können, aber Du hattest verstanden, dass Du endlich einmal etwas wagen musstest. Du hast in kurzer Zeit mehr Abenteuer erlebt und mehr über das Leben und Dich selbst gelernt als in den vielen Jahren zuvor. Du hast nicht auf Veränderung gewartet, sondern sie selbst geschaffen. Was hast Du jetzt zu verlieren, um wieder Abenteuer zu suchen?

1996 spricht ganz gelassen, aber mit einer ungebrochenen Freude: „Du brauchtest keine Angst vor einer neuen Umgebung und Lebenssituation zu haben. Du gingst nicht unter. Es war noch so viel zu entdecken. Erst in der neuen Freiheit konntest zu zeigen, was wirklich in Dir steckt. Suche die Freiheit! Sie wird Deine Rettung sein.

1989 dröhnt vor Donner: „Du hattest gelernt, wie die Welt in zwei Lager geteilt war. Das war schon 40 Jahre so – warum sollte es sich jemals ändern? Doch dann brachen in wenigen Wochen alle Grenzen und Schranken zusammen, und diejenigen, die größere Träume gehabt hatten, bekamen recht. Du wolltest nie einem System dienen, das schlecht für die Menschen war. Erinnere Dich daran.

1983 spricht warm und nostalgisch: „Du warst noch ein Kind, aber die große Friedensdemonstration hat Dich auf immer geprägt. Den Friedensaktivisten war es egal, dass sie für naiv oder gefährlich gehalten wurden, denn sie taten, was sie für richtig hielten. Es ist wichtig, für Deine Prinzipien und Werte einzustehen und mit Deinem Herzen in Einklang zu leben.

Ich habe erst beim Aufschreiben gemerkt, dass mich das ein weiteres Mal an den Film Dragonheart erinnert. Ritter Bowen ist nach einer tiefen menschlichen Enttäuschung verbittert. Vieles Gute, das er lange Jahre verkörpert hat, schläft tief in ihm. Es braucht erst einige Freunde, damit er sich wieder an sich selbst erinnert.

Dragonheart – Der Kodex

Ich halte das für die wichtigste Tugend eines Ritters: Nicht alles alleine aus dem Hier und Jetzt ableiten – das ist für erbsenzählerische Krämer, die möglichst jedem Risiko aus dem Weg gehen wollen – sondern eine Vision von etwas größerem zu haben, ein Ideal, das man anstrebt.

Ich glaube, das ist es, was die Vergangenheit mir sagen will. Ich kann noch so viel mehr sein als das, was ich gerade bin. Ich möchte nicht, dass eine schwere menschliche Enttäuschung meinen weiteren Lebensweg bestimmt und wie ich auf das Leben schaue.

Ich habe im neuesten Schritt der Operation Augias einige alte USB-Sticks, die ich ohnehin nicht mehr benutze und deren Verlässlichkeit ich nicht mehr traue, durchgeguckt, neu formatiert und letztendlich 4 von 5 weggeworfen. Das war nicht immer leicht, denn auf einigen waren auch Erinnerungen an bessere Zeiten. Auch darum ist es wichtig, dass vergangene Jahre positiv zu mir sprechen.

Ab wann ging es schief in meinem Leben?

Ich bin auf der Suche nach dem verlorenen Groove. Fünf Blogeinträge fassen jeweils alle Blogeinträge aus einem Quartal zusammen:

Zuletzt habe ich hoffnungsvoll über die bessere Jahreshälfte gebloggt sowie darüber, endlich wieder unterwegs zu sein, meine besten Freunde wiederzusehen, Jahrestage und Phantomschmerzen, was ich bin und was nicht, wie die Energie langsam zurückkommt sowie die Frage, wo ich hingehe.

Dieselbe Person, die mich seinerzeit auf das Lied The Dawn Will Come aufmerksam gemacht hat, hat mich zu einer Frage angeregt. Die Idee, darüber zu schreiben, schleppe ich seit Wochen, wenn nicht Monaten mit mir herum – warum also nicht?

Ab wann ging es eigentlich schief in meinem Leben?

Ich hätte mich das früher gar nicht getraut, öffentlich zu fragen, weil ich Angst hatte, als „zu sehr in der Vergangenheit verhaftet“ oder „grübelnd“ zu wirken. Ich glaube jedoch inzwischen, dass es sehr nützlich für mich ist, diese Frage zu stellen und zu beantworten. Mir ist die Antwort auch recht schnell klar geworden, ohne dass ich wehmütig zurückblicke.

Seit der 2. Jahreshälfte 2000 ist mein Leben aus dem Ruder gelaufen.

Egal, was ich danach noch für Hochphasen hatte: Im wesentlichen hatte ich den Eindruck, den allgemeinen Erwartungen hinterherzulaufen, nicht das zu schaffen, was ich zu leisten hätte, „nicht gut genug zu sein“. Ich war viele Jahre außer Atem und verzweifelt, weil ich scheinbar meinen Platz im Leben nicht fand.

Mir ist erst in diesem Jahr so richtig klar geworden: Wer mir jetzt noch nichts zutraut, wer tatsächlich glaubt, ich müsste noch etwas beweisen oder erst etwas leisten, bevor ich ok wäre, dem ist nicht zu helfen. Ich habe viel zuviel Zeit damit verplempert, Angst vor negativen Beurteilungen zu haben (die auch tatsächlich kamen und mich vor anderen entwertet haben!) und mich für irgendwelche unrealistischen Maßstäbe anderer Leute abgestrampelt.

Ich sehe mit dem Abstand von heute viel klarer, was für ein absoluter Dreck es ist, dass jungen Absolventen von der Uni durch die Bank nichts zugetraut wird und man sie gerne mit schlechtbezahlten befristeten Stellen zappeln läßt. Ich gehörte zu den ersten Vertretern der Generation Praktikum. Solange das passiert, brauchen wir über einen „Fachkräftemangel“ nicht zu reden!

Ich erinnere mich aber auch daran, wie mich schon zu Teenagerzeiten einige Leute für voll genommen und mir einen Vertrauensvorschuss gegeben haben. Diese Erfahrung habe ich nie vergessen und bin noch heute sehr dankbar dafür! Das möchte ich am liebsten zurückgeben und wo ich es kann, tue ich es auch. Ich glaube nicht, dass es Jugendlichen und jungen Erwachsenen gut tut, systematisch mit Misstrauen begegnet zu werden.

Das ist die eine wichtige Lehre aus der Zeit: Es selbst besser machen. Die andere lautet: Es kann mir völlig egal sein, was andere denken.

Bevor mein Leben zwei Jahrzehnte lang fast durchgehend so fremdbestimmt wurde, durchlebte ich Anfang 2000 eine Phase, die zu den besten Zeiten meines Lebens gehörte. Ich erinnere mich an eine Begebenheit in einer Kneipe in Catania, als eine Diskussion über das neue Lied von Madonna – eine Coverversion – aufkam. Damals fand ich das Lied gar nicht so beachtlich, aber durch dieses Erlebnis hat es sich in mein Gedächtnis eingebrannt.

Madonna: American Pie

Es gab eine Zeit, da habe ich mich über mich selbst erschreckt, wenn ich mich auf alten Fotos aus dieser Zeit gesehen habe und mich daran erinnerte, wie frei und zuversichtlich ich damals gewesen bin – und was aus mir geworden ist: Ein veränstigter, tief verunsicherter Mensch, der sich mehr als einmal freiwillig in geistige Knechtschaft begeben hat.

Aber das ist nicht das Ende meiner Lebensgeschichte – sondern ein Wendepunkt! So schrecklich die Ketten sind, so herrlich ist das Gefühl gesprengter geistiger Ketten.

Ich glaube, dass es mir gut tun wird, Frieden mit meiner Vergangenheit und mit mir selbst zu schließen. Ich verstehe inzwischen auch, warum ich soviel Krempel angesammelt habe: Ich hatte immer Angst, das Vergangene nicht hinreichend zu ehren und dadurch „nicht würdig“ für ein glückliches Leben zu sein. Diesen psychischen Widerstand zu verstehen ist ein wichtiger Schritt, um die Operation Augias voranzutreiben und letztendlich wieder glücklich zu werden.

Letztes Wochenende war ich wieder in Köln. Diesmal bin ich 18 Bücher über einen Öffentlichen Bücherschrank losgeworden (siehe Bookcrossing). Mit Büchern hatte ich seinerzeit die Operation Augias begonnen. Zeit, in kleinen Schritten weiterzugehen!

Wo gehe ich hin?

„What’s the buzz, tell me what’s a-happening?“ – Jesus Christ Superstar

„Where do I go? / Follow the river“ – Hair

Ich bin auf der Suche nach dem verlorenen Groove. Fünf Blogeinträge fassen jeweils alle Blogeinträge aus einem Quartal zusammen:

Zuletzt habe ich hoffnungsvoll über die bessere Jahreshälfte gebloggt sowie darüber, endlich wieder unterwegs zu sein, meine besten Freunde wiederzusehen, Jahrestage und Phantomschmerzen, was ich bin und was nicht sowie wie die Energie langsam zurückkommt.

In diesen Wochen und Monaten sind mir öfters zwei Musicals in den Sinn gekommen, die ich vor vielen Jahren unter anderem in der Schule gesehen habe. Es hat mich in eine merkwürdige, aber nicht unangenehme Unruhe versetzt, wie da anscheinend einige Lektionen aus der Vergangenheit etwas in mir zum Schwingen brachten.

Zum einen die Szene aus Jesus Christ Superstar, in der die Jünger eindringlich und immer wieder von Jesus eine Antwort darauf haben wollen, was gerade passiert und was der ganze Trubel soll. Sie sind zwar voller Hingabe und Energie – aber sie haben vor all der Aufregung den Fokus auf das Hier und Jetzt vergessen. Damit geht aber auch ihr eigentliches großes Ziel verloren und ihr ganzer Einsatz ist vergeudet. Sie brauchen auch nicht „beweisen“, dass sie wirklich interessiert sind – das merkt man schon schnell genug. Es fehlt ihnen hingegen an Geduld und Ruhe, und einem offenen Blick um das, was um sie herum noch geschieht. In diesen Jüngern erkenne ich mich wieder. So war ich sehr oft in den letzten Jahren. Scheinbar voller Tatentrang, aber gleichzeitig völlig unbewusst dessen, was wirklich zählt. Hellwach und tief schlafend zugleich.

What’s The Buzz – Jesus Christ Superstar

Zum anderen das Lied „Where do I go?“ aus dem Musical Hair. Wer bin ich? Wo komme ich her? Wo gehe ich hin? Alle großen Religionen haben sich mit diesen drei fundamentalen Fragen der Menschheit beschäftigt.

Wer ich bin, habe ich besser gelernt, seit ich mich auf die Suche nach dem Groove gemacht habe. Das hat auch mein Bewusstsein dafür geschärft, wo ich herkomme. Auf die dritte Frage habe ich hingegen noch keine Antwort – und ich habe das Gefühl, dass es gar nicht auf die Antwort ankommt, sondern vielmehr, überhaupt die Frage zu stellen. Die Frage offen zu lassen lädt einen zum Staunen und dazu, mit offenen Augen durch die Welt zu gehen und sich genauer umzuschauen, als schnurstracks von A nach B zu eilen.

Die Fernsehverfilmung von Hair hat dazu ein beeindruckende Szene – man sieht so viele verschiedene Leute auf der Straße, alle mit ihrem eigenen Leben und ihren eigenen Sorgen. Und der Mann, der hier singt, ist fast universal und könnte jeder Mensch sein. Es geht also nicht darum, dass hier ein Wehrpflichtiger am Ende ins Musterungsbüro geht, sondern um die Energie, die das Fragen alleine bereits beinhaltet. In diesem „Fragen ohne verzweifeln“ finde ich mich derzeit sehr stark wieder. Es putscht mich geradezu auf, die Frage nach dem größeren Sinn zu stellen.

Where do I go? – Hair (1979)

Das Thema im Intro, das durch verschiedene Instrumentengruppen wiederholt wird und aufpeitschend wirkt, die Streicher… es ist alles voller Energie und trägt zur Gesamtwirkung bei. Nicht alle Versionen sind so energievoll und treibend wie die Filmversion. Die oft sehr langsamen und ruhigen Arrangements erzeugen bei mir nicht den gleichen Effekt.

Es gibt allerdings noch eine Version, die ein wenig zurückgenommener ist, aber gleichzeitig ihre Wirkung erzielt. Dabei kommt die Stimme noch ein wenig besser zur Geltung, weil sie ein wenig mehr heraussteht. Ich habe sie erst vor wenigen Tagen entdeckt und bin sehr angetan von ihr!

Where do I go? – Hair (Original Broadway / Off-Broadway Cast Recordings)

Du kannst es spüren

„Du kannst es spüren /
Du kannst es fühlen“
– Kyau & Albert: Spüren

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Die letzten Tage waren nicht immer einfach. Es gab Phasen, da war ich sehr traurig oder einfach nur erschöpft. Das allein klingt erst einmal altbekannt.

Es gab aber auch eine neuere Entwicklung: Ich schien jeden Tag ein wenig Energie übrig zu behalten. Ich halte das für ein deutliches Zeichen, dass die Talsohle längst durchschritten ist, denn das war ein Kennzeichen in der späten Phase der letzten Krise.

Außerdem gab es mehrere aufeinanderfolgende Tage, in denen sich einzelne Puzzlestücke endlich zusammenzufügen schienen. Mein Wunsch, dass mein Leben einen Zweck haben soll, ist kein leerer Traum. Auch mein Verlangen nach Lebensumständen, die mich nicht völlig auslaugen, ist keine unrealistische Phantasie. Es kann durchaus sein, dass ich mich sehr verändern muss dafür – und das ist völlig in Ordnung.

Beim Hören von Above & Beyond – Group Therapy 445 (ABGT) stieß ich auf ein Lied, das irgendwie zu meiner Situation zu passen schien. Es klingt hoffnungsvoll, träumend, staunend… es drückt sogar ein wenig die Idee vom Groove aus und dass sich manche Dinge nicht rational erfassen lassen.

Kyau & Albert: Spüren

Heute abend habe ich einen weiteren wichtigen Schritt in der Operation Augias unternommen:
Ich habe meinen ersten Laptop, einen zwölf Jahre alten Toshiba Satellite Pro P300 – 1F1 (17 Zoll), entsorgt.

Er hat mich auf manchen Hochs und Tiefs meines Lebens begleitet. Im Sommer 2009 in Liberec während eines Unwetters hätte es ihn fast erwischt – glücklicherweise stand er weit genug vom Fenster weg, um nicht eine volle Dusche während eines heftigen Unwetters abzubekommen. Im Sommer 2011 haben ihn zwei Jungs auf einem selbstgebauten Floß über den Dnjepr in Kiew gerudert.

Die Aufkleber von Jonny M und The Heroine Whores stammen noch aus seinen ersten Jahren. Oft haben mich die Leute ein wenig belächelt dafür, so einen „Fernseher“ unterwegs dabei zu haben. Allerdings fand ich den großen Bildschirm immer sehr angenehm und durch das Metallgehäuse war er auch robust.

Im Dezember 2015 macht er das erste Mal Mucken, gab dann mehr und mehr den Geist auf, so dass ich ihn vor dem Sommer 2016 ersetzt habe. Zwischendurch benutzte ich ihn noch zum Drucken, aber später ging auch das nicht mehr, da er sich beim Einschließen eines USB-Gerätes aufhing. Heute habe ich einige letzte Fotos via Bluetooth herunterkopiert (einige schmerzvolle Erinnerungen über eine bessere Zeit in meinem Leben kamen dabei hoch), dann wurde die Platte einmal komplett übergebügelt und das alte Windows XP noch einmal frisch installiert. Mach’s gut, alter Laptop!

Sein anstatt Nichtsein

„All this time I’ve tried to walk with dignity and pride“
At The Movies – The One and Only

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Ich befinde mich in mehrfacher Hinsicht an einer Wegekreuzung in meinem Leben. Wo soll es hingehen? Da ist es umso wichtiger, zunächst einmal ein wenig Ballast loszuwerden, und auf der Suche danach, was ich sein kann, auch einmal festzuhalten, was ich alles nicht bin und sein muss:

  • Ich bin nicht, was ich leiste.
  • Ich bin nicht, was ich weiß.
  • Ich bin nicht, was ich erreicht habe.
  • Ich bin nicht, was ich besitze.
  • Ich bin nicht, was ich erlebt habe.
  • Ich bin einfach nur ich – und das reicht vollkommen aus.

Jahrestage und Phantomschmerzen

Galerie

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Die Zeit ist reif

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Zuletzt habe ich hoffnungsvoll über die bessere Jahreshälfte gebloggt sowie darüber, endlich wieder unterwegs zu sein.

Was war das für ein tolles verlängertes Wochenende in Köln und Kempen! Ich habe meine beiden besten Freunde zum ersten Mal seit über einem Jahr gesehen. Dass wir alle drei zusammen waren, ist sogar zwei Jahre her.

Es war so erfrischend, endlich mal wieder etwas anderes zu erleben… die Landschaft, das Essen, die Musik, die guten Gespräche… Balsam für die Seele!

Es fühlte sich wie ein Traumurlaub an. So weit ist mein Alltagsleben derzeit davon entfernt. Ich muss sagen, dass ich Deutschland in dieser Form vermisst habe.

Wie schon das Wochenende zuvor tat es mir sehr gut, mit Menschen zusammen zu sein, bei denen ich weiß, dass ich so, wie ich bin, gut genug bin. Außerdem habe ich Bestätigung für eine Erkenntnis bekommen, die schon länger in mir gereift war: Es ist wichtig, das zu tun, was man gut kann und einem Spaß macht. Es hat keinen Sinn, an suboptimalen Lebensumständen festzuhalten, denn sie zehren zuviel Kraft, die man doch besser woanders einsetzen könnte. Es hat auch keinen Sinn, zu warten. Eine bessere Zeit wird nie kommen.

Was das für konkrete Folgen hat, kann ich noch nicht absehen. Das macht aber nichts. Entscheidend ist, dass ich mich an diesem Prinzip orientiere und dann feststelle, was nicht passt.

Nenas „Irgendwie, irgendwo, irgendwann“ hatte ich schon zitiert. Am Wochenende entdeckte ich dann eine wunderschöne Coverversion, minimal arrangiert mit Gesang, Klavier und Gitarre. Eine weitere Erinnerung daran, dass die Zeit für Sehnsucht und Leidenschaft nicht „später“ sein darf, sondern „jetzt“ ist.

Claudia Koreck: Irgendwie, irgendwo, irgendwann

Endlich wieder unterwegs

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Zuletzt habe ich hoffnungsvoll über die bessere Jahreshälfte gebloggt.

Ein halbes Jahr war ich nicht mehr in Deutschland gewesen – so lange wie nie zuvor. Selbst während meines Erasmus-Jahres in Catania 1999/2000 war ich zwischendurch zweimal wieder da.

Und was soll ich sagen? Was vorher eine ganz normale Reise für ein Wochenende war, fühlte sich jetzt so befreiend wie ein großes Abenteuer an – auch wenn mir die Strecke so gut vertraut war.

Es tat unheimlich gut, endlich wieder einen Tapetenwechsel zu haben. Den hatte ich wirklich bitter nötig gehabt!

Ich bin weiterhin auf der Suche nach der richtigen Balance, was meine Energie angeht. Da ist es sehr hilfreich, einige Dinge zu haben, die einfach funktionieren und mir vertraut sind. Eine Reise ohne zweimal Quarantäne hatte ich zuletzt vor über einem Jahr unternommen! So, wie man bei einem Mischpult auch nicht wild alle möglichen Regler hoch- und runterdreht, ist es fürs Mischpult des Lebens wichtig, viele Teile in einer bestimmten Einstellung zu lassen und sich auf die wenigen zu konzentrieren, die dann noch Aufmerksamkeit erfordern.

Heute habe ich mir wieder einen Tag Urlaub genommen – anders als im Juni freiwillig. Ich habe den nächsten Schritt unternommen, um mein Leben zurückzubekommen. Es tat sehr gut, ein weiteres Mal die Bestätigung zu bekommen, dass das, was mir passiert ist, nicht meine Schuld war. Auch in dieser Hinsicht bin ich endlich wieder unterwegs.