Hey Göd

Am letzten Juliwochenende flog ich wieder nach Budapest. Ich war zwar in diesem Monat bereits dort gewesen, um an einer Diplomfeier teilzunehmen, und hatte daher mein monatliches Foto von der Donau bereits geschossen, aber es galt diesmal zu feiern, dass die große Veränderung in meinem Leben ein Jahr her war. Aus diesem Anlass gab es eine leckere Torte.

Göd 36

Es war sehr wichtig, an diesem Wochenende noch einmal in Göd gewesen zu sein. Ansonsten wären zwischen zwei Besuchen fünf Wochen vergangen und das wäre doch etwas lang gewesen.

Die deutsch-brasilianische Hochzeit

In meinem Leben habe ich auf zwei Hochzeiten als DJ aufgelegt: Beim ersten Mal war ich zusammen mit jemand anderem die Notlösung, beim zweiten Mal wurde ich ausdrücklich darum gebeten. Danach habe ich mir gesagt: Nie wieder! Was ich zuletzt geliefert habe, war einfach nicht gut genug.

Das liegt daran, dass Hochzeiten schlicht und ergreifend extrem schwierig zu handhaben sind: Zum einen ist das Publikum extrem heterogen (von ganz jung bis ganz alt). Die einen möchten klassische Tänze, die anderen Charts und dann gibt es noch die Kollision zwischen Schlager einerseits und was der Freundeskreis des Brautpaares als Teenager gehört hat andererseits. Außerdem wird der Fluss, den man als DJ aufbauen will, immer wieder durch Spiele oder festgelegte Programmpunkte wie Schleiertanz, Mitternachtsimbiss usw. unterbrochen. Mit anderen Worten: Hochzeit ist die Königsdisziplin für einen DJ. Was da alles zu beachten ist, zeigt folgende interessante Hilfe (sowohl für DJs als auch für Brautpaare, die ihre Hochzeit organisieren wollen):

DJ Vossi: Die Hochzeitscheckliste (Ablauf einer Hochzeit)

Tja, und dann kam der Anlass, um mich aus meinem Hochzeits-DJ-Ruhestand zu reaktivieren: Jemand aus meiner alten Heimat Nordwalde heiratete eine Brasilianerin. Da sich die beiden in Frankreich kennengelernt hatten, war ihre gemeinsame Sprache französisch. Eine deutsch-brasilianisch-französische Hochzeit – das erforderte etwas andere DJ-Künste als gewohnt, so dass ich mit meinem international erprobten Repertoire die große Hoffnung war. Andererseits reizte es mich natürlich auch, zu Hause so eine internationale Veranstaltung zu haben.

Allerdings bekam ich reichlich Unterstützung: Die Anfrage kam mehr als ein Jahr vor der Hochzeit. Das Brautpaar bereitete eine Liederliste vor und organisierte außerdem selbst den Großteil der speziellen gewünschten Musik (französische und brasilianische Künstler). Freunde und Verwandte brachten für die Spiele selbst die Musik mit und reichten mir noch einige Party-Sampler an. Nicht zuletzt organisierte der Bräutigam die Anlage, baute diese am Vormittag mit mir auf und machte den Soundcheck. Die Feier war wirklich sehr gut organisiert.

Beim Soundcheck leistete ich mir einen musikalischen DJ-Scherz, indem ich als erstes Lied „The Rains of Castamere“ auflegte. (Wer das im Zusammenhang mit einer Hochzeitsfeier nicht versteht, hat nicht genügend „Game of Thrones“ gesehen.)

Karliene: The Rains of Castamere

(Es ist eine andere Version als in der Serie. Ich finde sie aber sehr schön. Man kann sie sich außerdem bei der Künstlerin kostenlos herunterladen!)

Interessanterweise traf ich jemanden aus der Zeit wieder, als es mir gar nicht gut ging. Ich glaube, den Unterschied zwischen damals und jetzt zu sehen war doch beeindruckend. So sehe ich aus, wenn ich gesund und in meinem Element bin. Es war eine sehr angenehme Erinnerung daran, was ich für eine Wegstrecke zurückgelegt habe und wie sehr sich ein Mensch verändern kann.

Das einzige, was mir zwischenzeitlich dazwischenfunkte: Es war Hochsommer und der Jahreszeit entsprechend richtig heiß. Die Gäste von auswärts erlebten das Münsterland, wie es schöner nicht sein kann, also inmitten schöner Landschaft bei bestem Wetter. Deswegen gingen viele Leute (auch zum Rauchen) zwischendurch raus.

Als DJ hatte ich zuletzt über Pfingsten in der Slowakei aufgelegt. Jetzt machte sich die internationale Erfahrung bezahlt: Das Kauderwelsch-Buch „Portugiesisch Wort für Wort“ sorgte gleich für gute Laune. Ich erfüllte fleißig Musikwünsche. Nach einer ersten Anfangsphase dauerte es jedoch bis zum Mitternachtsimbiss, bis sich die Tanzfläche wieder sichtbar füllte. Dann legte ich auf, was zu meinem Stammrepertoire gehört: Rock-und Popklassiker sowie Vielsprachiges. Ich tanzte auch selbst fleißig mit. Zwischenzeitig erinnerte mich das alles an ein Esperantotreffen. Hier trafen sich die zwei Welten, in denen ich groß geworden bin: Zum einen das Münsterland, zum anderen eine internationale Gemeinschaft von Menschen. Ich schmuggelte sogar einige Lieder auf Esperanto in die Liederliste.

Um 3:15 Uhr gehörte ich zu den letzten Gästen und die anderen waren doch etwas müde. Deswegen bauten wir noch die Anlage ab und man brachte mich nach Hause. So ging ein glorreicher Abend zuende, bei dem ich selbst sicher nicht perfekt gewesen, aber doch für gute Stimmung gesorgt und mich selbst prächtig amüsiert habe. Das internationale Heimspiel ist geglückt.

Ein Wochenende ganz in Münster

Am zweiten Juliwochenende war ich die ganze Zeit in Münster, unter anderem war meine Rollenspielrunde zu Besuch. Das klingt ganz trivial, aber ich habe mal nachgerechnet, wann ich zuletzt für mehr als eine Übernachtung in meiner Wohnung war: Am 24.-26. April, also vor zweieinhalb Monaten – Wahnsinn! Dass ich beim Schreiben über das damalige Wochenende sich fortsetzende Entfremdungserscheinungen angesprochen habe, kommt nicht zufällig. Vorher war ich bereits zweimal hintereinander erst nach einem Monat wieder in Münster, so dass sich eine gewisse Entfremdung bemerkbar machte – mich hielt nicht viel in der Wohnung.

Diesmal habe ich mir allerdings gedacht: Münster könnte schön sein.

Heute vor einem Jahr: Die magische Nacht

Heute vor einem Jahr bekam mein Leben eine entscheidende Wendung. In Horány auf einem Esperantotreffen fand ein Ball statt. Die Leute waren gut angezogen, eine Band spielte irische Tänze und danach legte ich als DJ auf. Es war eine magische Nacht.

Sie hatte zur Folge, dass ich meine Pläne zum Bereisen möglichst vieler Länder Europas nicht mehr so stark weiterverfolgte und stattdessen mindestens einmal im Monat nach Budapest flog (gut, einmal fuhr ich mit dem Zug).

Eine solche Wende konnte ich im vorhinein nicht von meinem Jahr Auszeit erhoffen. Es war aber schon so, dass der geringere Zeitdruck es mir ermöglichte, in Anschluss an das Treffen noch einige Tage in Göd zu bleiben und auch danach Zeit zu haben, dorthin zurückzukehren. (Passenderweise war ich dieses Wochenende wieder in Göd!) Ohne das hätte es also vermutlich nicht geklappt, dass ich heute ein zufriedener Mensch bin.

So etwas läßt sich nicht planen oder gar durch Fleiß erarbeiten. Ich bin umso glücklicher, dass es bis hierhin geklappt hat. Wer weiß, was die Zukunft bringt?

In Göd’s Hands

Das erste Juliwochenende verbrachte ich in Budapest. Diesmal flog ich bereits am Donnerstag, denn ich hatte mir einen Tag Urlaub genommen. Am Freitag stand die feierliche Übergabe eines Diplomzeugnisses an und ich war eingeladen. Es war übrigens die erste Diplomfeier, an der ich teilgenommen habe. Mein eigenes Zeugnis habe ich damals ganz schlicht im Sekretariat bekommen und das war’s. Auf Feierlichkeiten wurden an meiner Uni kein Wert gelegt oder man hat mich nicht eingeladen. Aber was soll’s, Vergangenheit, viel wichtiger war es, an diesem Sommertag so viele fröhliche Gesichter zu sehen.

Da am Bahnhof Budapest-Nyugati gerade Bauarbeiten waren, gerieten An- und Abreise etwas abenteuerlich: Von Göd aus zunächst der übliche Zug, dann aber früher aussteigen und sonstigen öffentlichen Verkehrsmitteln weiter inklusive mehrmaligem Umsteigen. Auch der Busbahnhof war durch Bauarbeiten unbenutzbar.

Mittags gingen wir an der Donau essen. Das Lokal kannte ich vom sehen – ich war daran seit August vergangenen Jahres jeden Monat mindestens einmal vorbeigegangen!

Der eine Tag extra war schon sehr angenehm. Zumal in Ungarn richtiger Sommar war. Es war sehr schön und auch sehr wichtig, dass ich an diesem feierlichen Anlass dabei sein konnte.

Vor fünf Jahren: Am Boden

Ich schreibe aus gutem Grund nicht allzu viel darüber, wie es eigentlich kam, dass es mit meinem Leben zwischenzeitlich so bergab gegangen ist. In diesen Tagen, jetzt wo es mir wieder gut geht, werde ich jedoch öfters daran erinnert und da der Blick zurück nicht mehr weh tut, macht es auch nichts aus. Heute vor fünf Jahren war ich am Boden – es sollte jedoch noch weiter abwärts gehen.

Beachtlich, wie lange es gedauert hat, um wieder hochzukommen. Und auch wenn ich in all der Zeit viele gute Dinge gemacht habe, etwa eine andere Wohnung gesucht, neue Hobbys angefangen habe, mehr ausgegangen und im Jahr Auszeit viel verreist bin: Richtig glücklich bin ich durch all das nicht geworden. Den großen Unterschied konnte ich damit nicht machen. Dafür musste sich schon noch mehr in meinem Leben verändern.

Wieviel haben meine jetzigen Lebensumstände mit dem zu tun, wie mein Leben vor fünf Jahren aussah? Fast nichts. Das ist schon ein beachtliches Ergebnis. Es zeigt aber auch, dass nichts planen oder vorhersehen läßt. Auf kaum etwas hätte ich gezielt hinarbeiten können.

Mein Leben sieht gut aus, aber der Einfluss, den ich darauf hatte, war nur begrenzt. Vielfach waren es äußere Umstände, die ich zur rechten Zeit genutzt habe.

Wenn ich an meine drei Motive denke – einen Unterschied machen, etwas in den Herzen der Menschen bewegen, gut genug für etwas sein – dann konnte ich das erste und das dritte bezogen auf mein Leben insgesamt nur sehr selten erleben. Vielleicht erklärt das auch, warum ich nicht mehr an das große Ganze glaube und stattdessen versuche, die paar kurzen Zwischenphasen zu genießen.

Ich weiß noch genau, wie verloren ich mich vor fünf Jahren in Kazan in Tatarstan gefühlt habe. Ich war ein Fremder ohne irgendeine Bindung oder Funktion. Ich hoffe, diese Zeiten kommen nicht wieder.