DJ sein

Neben Gefühlsduselei und Herumgepose beim Baden im Meer war in meinem Esperanto-Urlaub auf Sardinien natürlich noch mehr los. Eine Sache, die ich mal wieder so richtig genossen habe, war als DJ zu arbeiten.

Es war zwar nur an zwei Abenden, aber das reichte vollkommen aus, um meine Eitelkeit zu befriedigen und mein Selbstwertgefühl zu befeuern. Eine dritte Gelegenheit am letzten Abend ließ ich aus, obwohl sowohl Publikum als auch einer der italienischen DJs wollte, dass ich auflege. Mir war das aber schon zu spät, um noch anzufangen (weit nach 1 Uhr), weil ich noch mit einigen Leuten reden und dann früh ins Bett gehen wollte (der Bus nach Alghero würde um 9 Uhr abfahren, und unter 6 Stunden Schlaf ist es immer bei mir kritisch).

Bei zwei Gelegenheiten vor meinen eigentlichen Einsätzen als DJ habe ich auf Anregung einer charmanten Dame zweimal eine La-Bamba-Runde nur mit eigenem Gesang und Ukulele zustande gebracht. (Wie man in Esperantujo La Bamba tanzt, das ist eine eigene Erzählung. Nur soviel: Es hat mit Küssen zu tun und macht viel Spaß.)

Mein erster Abend als DJ ging ebenfalls mit über einer Stunde Verspätung los, weil es dauerte, die Technik bereitzustellen. Dann flutschte es aber, innerhalb weniger Lieder hatte ich die Tanzfläche gefüllt und die Leute gaben alles. Ich wusste, dass mich der italienische DJ recht früh ablösen wollte, so dass ich mich nicht allzu lange bei einem Stil aufhielt, sondern alle wichtigen Lieder auflegte, die ich in meiner ersten Nacht unbedingt bringen wollte. Nach etwa einer Stunde und zehn Minuten war denn auch schon Feierabend für mich, aber in dieser Zeit hatte ich die Meute gut gerockt und für viele glückliche Gesichter gesorgt. Und genau das ist es, was das DJ-Dasein für mich ausmacht: Einen wesentlichen Teil zur Stimmung beitragen, dafür sorgen, dass sich Leute kennenlernen und am besten ein wenig näherkommen können. Wenn das klappt, ist es konform zu den drei Motiven, die mich antreiben (einen Unterschied machen, etwas in den Herzen der Menschen bewegen und gut genug für etwas sein).

Es geht kurioserweise nicht um die Technik oder dass man selbst der größte oder besser als alle anderen ist. Im Gegenteil, am schönsten finde ich es immer, wenn ein anderer DJ Musik auflegt, die mir gut gefällt, so dass ich dann selbst auf der Tanzfläche so richtig abrocken kann.

Einen Abend später lief der Transport der Technik reibungsloser ab und ich fing gegen Mitternacht an. Diesmal probierte ich einige Lieder aus, die ich kurz vor der Reise noch gekauft hatte (ganz altmodisch in einem Gebraucht-CD-Laden). Auf dem Höhepunkt des Abends erschien mir die Stimmung noch besser als vorher und die Tanzfläche noch voller, dann leerte es sich innerhalb weniger Lieder jedoch zusehends, so dass ich weder eine La-Bamba-Runde noch ein langsames Lied (wie gesagt: das Ziel ist näher kennenlernen…) bringen konnte. Anscheinend machte sich nun bemerkbar, dass die Leute seit Beginn des Abends hochprozentige alkoholische Getränke konsumiert hatten und nun aus verschiedenen Gründen flach lagen. (Spätere mündlich durchgeführte Untersuchungen erhärteten diesen Verdacht.)

Ich fand es zwar etwas schade, dass fast niemand mehr zum Reden da war (das musste ich dann einen Tag später am letzten Abend nachholen), konnte aber ansonsten zufrieden mit dem Abend sein. Immerhin hatte ich länger als die meisten anderen durchgehalten.

Hier ein Lied, das ich kurz vor dem Treffen gekauft habe und das sich als echter Knaller erwies! Das wird ab jetzt in meinem engeren Repertoire sein für die multilinguale Disco.

Rhythms del mundo: 36grad (feat. 2raumwohnung)

DJ sein ist für mich in den letzten 20 Jahren immer ein Quell von Lebensfreude gewesen. Oft genug war auch Frust und Enttäuschung im Spiel, aber ich habe gerade in den letzten Jahren gemerkt, wie ich an dieser Aufgabe gewachsen bin. Der Grund, warum ich das nicht bereits erwähnt habe, als ich über meine Träume geschrieben habe, ist ganz einfach: Ich bin bereits als Jugendlicher recht spontan zu meinem ersten Abend als DJ gekommen, das heißt es wurde bereits Realität, bevor ich mich lange danach sehnen konnte (das tue ich jedoch bis heute, wenn die Pause zwischen zwei Möglichkeiten zum Auflegen zu lang wird). Das zeigt, dass es noch mehr sehr wichtige, prägende Dinge im Leben gibt außer den eigenen Träumen, und dass einige tolle Sachen passieren können, von denen ich mir nie hätte vorstellen können, dass sie so toll sein würden.

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Sardinien und das Meer

So, ich habe in meinem reichlich gefühlsduseligen Eintrag versprochen, über ordentlich Action in meinem Urlaub in Lu Bagnu auf Sardinien zu berichten. Also los:

Ein paar Dinge gehören am Strand in Italien natürlich zum Standardprogramm. Ein ungeschriebenes lex teutonica besagt: Ein deutscher Mann muss grundsätzlich im Meer baden, wenn es nach italienischem Empfinden dafür noch oder schon wieder zu kalt ist (also ungefähr immer außer im August – kein Witz, man erklärte mir mal auf Sizilien bei 40 Grad im Schatten im September, die Badesaison sei eigentlich vorbei!). Dies gilt besonders, wenn Frauen oder italienische Männer zusehen. Letzteren kann man bei dieser Gelegenheit noch einmal zeigen, dass ein richtiger Mann keine Angst vor kaltem Wasser zu haben braucht (wie gesagt, wir reden über das Meer in Italien im Frühling!) und dass es durchaus unterschiedliche Kriterien von Männlichkeit gibt, von denen wohl niemand alle erfüllen kann. Schließlich bekommt man oft genug zu hören, dass deutsche Männer nicht flirten könnten, kein Rhythmusgefühl hätten, zu schüchtern wären usw. Da macht sich so ein Bad im Meer, das bei Italienern regelmäßig Entsetzen und Schockstarre auslöst, als Diskussionsbeitrag ganz gut. Außerdem müssen unter Männern solche kleinen Frotzeleien auch mal sein.

Glücklicherweise gab es am Strand von Lu Bagnu eine Stelle, in denen keine spitzen Steine oder Muschelschalen im Weg waren, so dass ich das perfekte Terminator-Programm durchziehen konnte: Hose und T-Shirt aus und dann mit steten großen Schritten ins Meer waten, ohne eine Miene zu verziehen. Was für ein Spaß!

Beim ersten Mal erschien mir das Meer tatsächlich recht kalt (sogar noch kälter als üblicherweise die italienischen Duschen, um einen Seitenhieb auf Esperanto-Urlaube in Italien zu bringen), aber einige Tage später war es sogar angenehm erträglich. Zu meiner großen Freude wurde ich tatsächlich von mehreren anwesenden Damen fotografiert und bejubelt. Bei dieser Gelegenheit freute ich mich zum ersten Mal besonders, seit dem letzten Sommer ca. 8 Kilo abgenommen zu haben, denn das Nichtvorhandensein eines Bauchansatzes macht sich auf solchen Fotos in Badehose doch sehr gut. Im Laufe der Woche sammelte ich noch einige Komplimente ein, etwa dass ich doch ganz schöne Muskeln hätte, dass ich wirklich abgenommen hätte und dass ich durch meine neue Frisur jünger und viel besser aussähe.

Das klingt alles ganz eitel und oberflächlich? Das mag sein, aber es hat mich glücklich gemacht. Wie damals meine Träume, nur in klein.

Und falls das zu wenig Action war: Da kommt noch mehr.

Sardinien oder „Nur in Deinem Kopf“

Über zwei Wochen Pause im Blog – und das aus gutem Grund: Ich war im Urlaub! Auch ohne ein Jahr Pause von der Arbeit wäre ich über Ostern nach Italien gereist, um an einem Esperantotreffen teilzunehmen. Nun zählt Sardinien nicht als neues Land auf meiner Liste, aber immerhin war ich noch nie auf dieser Insel. Außerdem habe ich auf der Hinfahrt nach Mailand einen zweistündigen Zwischenstopp in Zürich gemacht, so dass ich dieses Jahr bereits in sieben Ländern gewesen bin (Polen, Tschechien, Deutschland, Luxemburg, Frankreich, Schweiz, Italien). Zum Vergleich: 2013 waren es insgesamt nur sechs.

Zu Sardinien selbst: Ich war in Lu Bagnu bei Castelsardo im Norden. Selbst der nächste Flughafen in Alghero ist 67 km entfernt. Es ist in Italien aber nicht ungewöhnlich, dass man die schönen Urlaubsorte nur schwer erreichen kann. Ich habe zwar eine Reihe Fotos geschossen, bringe aber nur die vom Strand und den Sonnenuntergängen, um ein wenig Neid auszulösen:

Es war in jedem Fall spannend, zu hören, wie meine Reisepläne unter Esperantosprechern aufgefasst werden. Die Reaktionen waren zum Teil durchaus anders als in meinem restlichen Umfeld:
„Nur ganz Europa? Wie langweilig!“
„Du hast bisher nur 21 Länder besucht? Ich bin jünger habe schon 30 geschafft!“

Das zeigt allerdings auch, warum ich erstens sehr gerne in der Esperantowelt unterwegs bin (die Leute sind einfach sehr interessant!) und warum ich zweitens meine Reisepläne für nicht geeignet zum Angeben betrachte, sondern nur als persönliches Ziel. Wie ich wieder einmal gemerkt habe, sind Esperantofreunde auch hervorragend darin, mir den Kopf zurechtzurücken. So bekam ich zu hören, dass ich sehr negativ sei und das auch ausstrahle – ganz anders als der Eindruck aus meinem Alltagsumfeld. Das kann, wie ich mit ein wenig Nachdenken festgestellt habe, daran liegen, dass ich mich etwa bei der Arbeit über weite Strecken soweit wie möglich zusammenreiße und eine positive Einstellung zeige, so dass all die schlechte Laune, die ich in mir trage, in meinem Privatleben herauskommt. Ich habe allerdings auch privat zu Hause oft emotional die Schotten dicht gemacht, nachdem ich den Eindruck hatte, dass negative Gefühle wie Angst, Schwäche, Traurigkeit nicht akzeptiert werden. Entsprechend heftiger war dann, was ich auf Esperanto verbreitet habe, denn ständig kann ich mich der Wahrheit nicht verschließen.

Gerade am Anfang meiner Auszeit ist mir aufgefallen, was für heftige Gefühlsschwankungen ich habe. Es gibt auch eine Erklärung dafür, warum die miese Laune scheinbar anhält, obwohl ich es doch geschafft habe, aus meinem Alltag zu entfliehen: Es war so, als müsste ich all die schlechten Gefühle durchleben, die ich viel zu lange unterdrückt habe. So wie ein Gift, dass man erst auf dem Körper lassen muss, damit die Wunden heilen können.

Neben der Feststellung meiner negativen Einstellung bekam ich zu hören, dass das nur in meinem Kopf sei, dass auch andere solche Probleme wie ich hätten und sie lösen würden und dass es schwer sei, seine Einstellung zu ändern. Ich habe keine Ahnung, ob das so gemeint war, aber ich habe daraus spontan mehrere positive Punkte mitgenommen:

Erstens, wenn das nur in meinem Kopf ist, dann ist die Welt besser, als ich denke und dann habe ich es auch in der Hand, etwas zu ändern. Es mag zwar schwierig erscheinen, eine Kopfsache zu lösen, aber ich habe in den letzten Jahren schon ganz andere Dinge hinter mich gebracht. Das soll mich nun wirklich nicht aufhalten!

Zweitens, wenn andere Leute ähnliche Probleme haben und sie lösen, dann sind auch die Probleme, die ich im Leben habe, lösbar. Außerdem unterscheide ich mich doch nicht so stark vom Rest der Menschheit und das ist für mich eine gute Nachricht.

Drittens, die Feststellung, dass es schwer ist, seine Einstellung zu ändern, ist für mich eine Herausforderung, genau das zu tun. Es wäre nicht das erste Mal in meinem Leben, dass ich ausgerechnet da Erfolg habe, wo es andere als schwer erachten. Außerdem weiß ich, was ich schon alles geschafft habe.

Die Fantastishen Vier: Nur in Deinem Kopf

Und was soll ich sagen? Nach ein paar Tagen verschwand die schlechte Laune über Nacht. Wie ein Pelz, den ich nach einem langen Winter ablegen musste und an den zu tragen ich mich so gewöhnt hatte, dass mich andere auf den Frühling aufmerksam machen mussten. Der Vergleich ist auch deswegen treffend, weil ich in den letzten fast vier Jahren den Eindruck hatte, dass in meinem Leben Winter herrscht. Man sagt, dass nach jedem Winter wieder der Frühling kommt, aber der Winter in meinem Leben wollte einfach nicht mehr vorbeigehen.

Jetzt war dieses Frühlingsgefühl endlich da. Ich kann nicht beschreiben, wie wertvoll es ist, das noch einmal zu erleben.

All das Negative, das war nicht mein eigentliches Ich. Das war nur die letzte Schicht über dem eigentlichen Kern. Darunter verbarg sich tatsächlich noch ein positiver, wenn auch etwas empfindsamer Mensch, der sich durch verletzende Erfahrungen in der Vergangenheit angewöhnt hatte, einen großen Mantel zur Abwehr zu tragen.

Nun könnte man sagen: Naja, Urlaubstimmung eben, das geht vorbei. Aber ich bemerkte noch etwas Faszinierendes, was in mir vorging: Meine Gesichtsmuskeln entspannten sich. Ich bekam wieder den alten Glanz in den Augen, den ich früher mal hatte und von dem ich dachte, ich hätte ihn für immer verloren.

Ich kann mich gar nicht daran erinnern, wann ich mich das letzte Mal so entspannt gefühlt habe. Vor 5 Jahren, als ich das letzte Mal glücklich verliebt war? Oder sogar vor 14 Jahren, als ich glücklich verliebt war und aus dem Alltag entflohen war, weil ich ein Jahr im Ausland verbrachte (eine Erfahrung, die mich mit zu diesem Jahr Auszeit inspiriert hat)? Wie auch immer, ein unbezahlbares Gefühl.

In den vergangenen Jahren konnte ich mich selbst auf Fotos oder im Spiegel meistens nicht gut lächelnd ertragen. Schön fand ich, wenn ich ernst oder traurig guckte, weil ich das als ehrlich und authentisch empfand. Jetzt war auch das anders. Ich konnte wieder lächeln und kam mir dabei nicht verlogen vor!

Ich fühle mich wieder wie ein Mensch, der mit einem Staunen durch die Welt gehen kann. Und ich glaube, dass das auch den anderen Menschen zugute kommt, die mit mir zu tun haben.

Es ist natürlich noch einiges mehr passiert in dieser Woche in Italien. Ich hatte zum Beispiel einige sehr gute Gespräche über das Leben und was ich machen sollte. Aber es gab auch ein wenig Action, was Stoff für weitere Einträge ist.

Dreiländereck de-fr-lu

Im ersten Teil: „Wie komme ich nach Luxemburg?“
Im zweiten Teil: „Das gehört in ein Museum!

Nach dem Museum war das Wetter sonnig und warm. Daher bekam ich spontan Lust, zu Fuß nach Frankreich zu gehen. Der nächste Ort, Contz-les-Bains, liegt etwa 5 km entfernt. Nun ist der Rand einer Straße sicher nicht der angenehmste Weg, aber die umgebende Landschaft war zumindest sehr schön. Außerdem war es ein Riesenspaß, auf Schusters Rappen an einem Tag und in einem Rutsch drei Länder besucht zu haben.

Contz-les-Bains erwies sich dann als kleiner, verschlafener Ort, der aber ebenfalls an der Mosel liegt (auf der anderen Seite einer Biegung). Ich überlegte, die Mosel zu überqueren und in einem großen Bogen über Frankreich zurück nach Deutschland zu gehen, aber die Strecke erschien mir doch etwas weit und ich wusste nicht, ob ich überhaupt überall zu Fuß durchkommen würde. Gerne hätte ich mich in Contz-les-Bains noch in ein Café gesetzt, aber das einzige, das ich gefunden habe, war geschlossen. Es trug den symbolhaften Namen „Café de la frontière“ und lag ganz am Anfang des Ortes Richtung Grenze.

Also ging ich zurück nach Luxemburg und kehrte in Schengen in ein Café ein, das sich ganz in der Nähe der Brücke befindet. Hier bekam ich dann Original Luxemburger Leben geboten. Die Bedienung und die Gäste an der Theke sprachen Französisch, die Gäste an den Tischen jedoch Lëtzebuergesch. Während ich ein kleines Mittagessen einnahm und meinen Koffeinpegel auf das gewohnte hohe Niveau zurückbrachte, hatte ich ausreichend Gelegenheit, zuzuhören. Es gab sogar kostenloses Internet, das ich – nur aus Spaß – auch kurz benutze.

So gestärkt, ging ich über die Brücke zurück nach Deutschland und folgte der Straße nach Süden, um diesmal von Deutschland aus nach Frankreich zu gelangen. Es war mir am Tag zuvor gar nicht bewusst gewesen, dass das Dreiländereck genau hier war; ich hatte es etwas weiter im Südwesten vermutet und gedacht, Schengen wäre nur „am nächsten dran“ auf Luxemburger Seite. Die nächste Ortschaft hinter der deutsch-französichen Grenze heißt Apach (kleiner Flachwitz: ich nehme an, die Einwohner sind die Apachen). Auch hier dasselbe Bild wie in Frankreich auf der anderen Seite der Mosel: Ein kleiner Ort, der offensichtlich kein geöffnetes Café besitzt, nur ganz am Anfang der Ortschaft ein geschlossenes „Café de la frontière“. Der Durchgangsverkehr schien mir in Apach jedoch stärker zu sein. Unverständlich blieb mir, warum die deutsche Bahnstrecke in Perl endet und die französische in Apach (und selbst dort kämpft man darum, den Anschluss nach Thionville nicht zu verlieren, wie ich einem Transparent am Rathaus entnahm). Das wäre doch ideal für eine malerische Europareise entlang der Mosel! Da ich die Hoffnung auf einen Kaffee in Frankreich noch nicht aufgeben wollte, ging ich den ersten Teil der Strecke Richtung Sierck-les-Bains, aber die Straße hatte kaum Ausweichmöglichkeit an den Seiten und die schnell vorbeibrausenden Autos wurden mir dann doch zu unheimlich, zumal es noch einmal mehr als 2 km gewesen wären. Also drehte ich um und konnte auf einer anderen Straße von Apach aus direkt nach Perl zurückgehen. Insgesamt erschienen mir die französischen Ortschaften die vergleichsweise ärmsten zu sein; in Luxemburg standen überall recht große Schlitten und die Häuser waren luxuriös; in Deutschland zeigte man zumindest Wohlstand.

Ein ehemaliger Mitabiturient, der als Pilot in Luxemburg arbeitet und in der Nähe wohnt, hatte mitbekommen, dass ich in der Gegend war. (Es hatte sich gelohnt, ein an sich völlig triviales Foto vom Schild im Trierer Hauptbahnhof ins Internet zu stellen. Soviel zum Thema „Solche Fotos interessieren keinen“!) So gab es am nächsten Tag dann noch ein unverhofftes Wiedersehen. Es sind diese kleinen Zufälle im Leben, die soviel Freude bereiten.

Fazit dieser ersten Reise ins Ausland: Luxemburg ist in jedem Fall einen Besuch wert, Lëtzebuergesch ist eine schöne Sprache und in Perl würde ich jederzeit wieder übernachten.

Schengen und Europa

Im ersten Teil: „Wie komme ich nach Luxemburg?

Am nächsten Morgen war es kalt und bewölkt. Ideal, um in das Museum zu gehen!

Zunächst machte ich draußen noch einige Fotos von den Monumenten, die leider durch Bauarbeiten rundherum nicht ganz so leicht zu knippsen waren. Bewegend war es, das Stück der Berliner Mauer zu sehen, das aus gutem Grund hier aufgestellt wurde. Ich erinnere mich noch gut an 1989…

Im Museum selbst lernte ich tatsächlich einige spannende Details rund um das Schengener Abkommen: Die Initiative war von Deutschland und Frankreich ausgegangen und die Benelux-Staaten hatten schnell Interesse signalisiert. Es war absichtlich zunächst nur für diejenigen Länder gedacht, die sich beteiligen wollten, da man nicht davon ausging, mit sämtlichen EU-Ländern sofort eine Einigung zu erzielen. Luxemburg hatte zu jener Zeit des Ratsvorsitz inne und Schengen wurde wegen seiner symbolischen Lage im Dreiländereck ausgewählt. Besonderen Widerstand gab es aus den jeweiligen Innenministerien, aber auch aus dem Wirtschaftsressort, weil die Zöllner um ihre Arbeit fürchteten. Es gab unter den Politikern damals nur sehr wenige Befürworter für offene Binnengrenzen und eine Handvoll Leute musste die gesamte Arbeit koordinieren. Zur Unterzeichnung schickte man „die zweite Garnitur“. Diese Leute waren jedoch von der Wichtigkeit des Abkommens (das eigentlich zwei sind) überzeugt! All das hätte das Zeug zu einer spannenden europäischen Geschichte.

Allerdings wurden auch die Schattenseiten nicht ausgespart: Dass durch den Schengenraum die Außengrenzen umso stärker gesichert werden, was zu dem Phänomen „Festung Europa“ geführt hat, das nicht im Sinne des Abkommens gewesen ist. Den Teil über den Grenzsicherungsdienst „Frontex“ habe ich mir bewusst gespart. Aus meinem Freundeskreis weiß ich, wie sehr man sich als Mensch zweiter Klasse fühlt, wenn man sich ständig für ein Visum abstrampeln muss. Es wirkt unglaublich ignorant, die eigene Reisefreiheit als selbstverständlich anzunehmen.

Eine weitere Sternstunde des Schengener Abkommens brach 2008 an, als eine Reihe ehemaliger Ostblockländer dem Schengenraum beitraten. Völlig zurecht wurde darauf hingewiesen, dass für die Menschen dort die erleichterte Reisefreiheit eine sehr große Bedeutung hat.

Schön fand ich eine recht aktuelle Fotoserie über die Einwohner Schengens. Dort sah man anhand der Namen von Messdienerinnen, dass es offensichtlich portugiesische Einwanderer gibt. Die Einwohner einer Straße hielten stolz ein Schild „seit 40 Jahren“ hoch. Hier vermute ich ebenfalls einen Zuzug aus Portugal, wie er auch in dem Kauderwelsch-Buch erwähnt wird.

Beim Kaufen einiger Andenken im Museum (nein, sie verkauften kein Schengen-Visum!) konnte ich ein weiteres Mal Lëtzebuergesch anwenden. Was für ein hervorragendes Gefühl, eine charmante junge Dame in ihrer Landessprache ansprechen zu können und dann ein so schönes Lächeln als Reaktion zu bekommen! Genau dafür mache ich das alles mit den Fremdsprachen!

Im dritten Teil: Sensationelle Enthüllung! Wie die offenen Grenzen offenbar einen ganz bestimmten Wirtschaftsbereich in Frankreich ruinieren!

Wir sind wie Luxemburg

„Wir machen unsere eigenen Regeln.“ Gut, ich bekomme es nicht mehr ganz auswendig auf die Reihe, aber die zwei Sätze sind Teil eines Zitates aus Starsky & Hutch (der Verfilmung von 2004). Leider ist es erschreckend wenig bekannt, so dass meine bisherigen Versuche, es bei verschiedenen Gelegenheiten im Alltag anzubringen, immer auf Unverständnis stießen.

Da die erste Woche war bereits voll mit anderen Aktivitäten war und ich vergangenes Wochenende in Jesberg war, konnte ich meine internationalen Reisepläne noch nicht sofort in die Tat umsetzen. Dann kränkelte ich auch noch ein wenig und musste endlich meine Reise über Ostern organisieren. Aber dann musste ich einfach raus!

Als erstes Land von meiner Liste wollte ich Luxemburg erledigen. Das klingt zunächst nicht besonders spannend und exotisch, aber es war das einzige Nachbarland von Deutschland, das ich noch nie besucht hatte. Außerdem könnte ich das ohne Flug erreichen. Der ursprüngliche Plan sah vor, in Trier zu übernachten und dann mit dem Zug nach Luxemburg-Stadt zu fahren. Zur Vorbereitung hatte ich mir bereits aus der Kauderwelsch-Reihe, mit der ich sehr gute Erfahrungen gemacht habe, das Buch „Lëtzebuergesch Wort für Wort“ bestellt. Dort las ich (was mir bisher gar nicht bewusst war), dass Schengen in Luxemburg liegt und außerdem am Dreiländereck Luxemburg – Deutschland – Frankreich. Da ich nicht auf einen bestimmten Ort festgelegt war, suchte ich nach Hotels in Schengen und stieß so auf das Hotel Perler Hof in Perl, dem deutschen Grenzort gegenüber von Schengen. Beide Orte werden durch eine Brücke miteinander verbunden, ähnlich wie Kehl und Straßburg. Das klang noch interessanter, zumal die Preise in Deutschland (etwa für einen Besuch im Restaurant) niedriger sein würden.

Gesagt, getan: Angerufen, Zimmer reserviert, Fahrkarte besorgt, Sachen gepackt und los. Mit dem EC ab Münster hätte ich übrigens direkt nach Luxemburg-Stadt fahren können. So musste ich einmal in Trier umsteigen. Dort vermeinte ich bereits Lëtzebuergesch zu hören. Im Zug sprach ich die Damen dann an und stellte fest, dass ich richtig lag. Allerdings meinte ihre junge Begleitung auf Deutsch, dass es doch völlig überflüssig sei, Lëtzebuergesch zu sprechen. Gut, wenn ich die Tochter eines Luxemburger Bankdirektors wäre, die mit 14 Jahren eine eigene Wohnung hat, würde ich das vielleicht auch anders sehen… aber immerhin hatte ich so bereits eine interessante Begegnung gehabt.

Ich hatte mich, was die Entfernungen angeht, ein wenig geirrt. Der Ort Perl liegt etwa 2 km vom Bahnhof entfernt Schlauerweise reiste ich mit leichtem Gepäck. Der Bahnhof befindet sich wiederum direkt an der Mosel und damit an der Grenzbrücke. Das bedeutete natürlich auch, dass ich dieselbe Strecke noch einmal gehen müsste, um nach Luxemburg zu kommen, und es war bereits nach 21 Uhr. Aber es gab kein Halten mehr für mich. So lange hatte ich mich darauf gefreut, da wollte ich nicht noch einen Tag abwarten!

Unterwegs überkam mich ein ähnliches Gefühl wie damals während meiner ersten Tage in meinem Erasmus-Jahr auf Catania, Sizilien: Ich könnte jetzt in aller Sicherheit irgendwo zu Hause sein, aber ich bin aus meinem gewohnten Alltag ausgebrochen. Genau darauf hatte ich gehofft, dass dieses Gefühl wiederkommt. Aber sicher war ich mir nicht gewesen…

Als ich dann auf der Brücke stand und die Schilder sah, die Luxemburg anzeigten, da war das schon ein bewegender Moment. Das erste Land auf meiner Liste, das ich besuchen würde. Und ich konnte einfach herüberstiefeln! Besser kann man die Existenz des Schengen-Raumes gar nicht würdigen.

Rechts unterhalb der Brücke sah ich ein Monument, so dass ich erst einmal nicht weiter in den Ort hineinging. Wie sich herausstellte, befindet sich in der Nähe ein Europa-Museum, vor dem weitere Monumente stehen. Von einem hatte ich bereits im Internet gelesen. Als ich durch die Nacht in Richtung Museum ging, da war das ein Hochgefühl. Ich hatte es wirklich geschafft! Und es war so leicht gewesen! Direkt darauf wurde ich tieftraurig, denn mir wurde bewusst, dass ich das schon viel früher hätte machen können, aber viel zu lange mit anderen Dingen beschäftigt gewesen war, die mich auf Trab gehalten hatten. Diese emotionale Achterbahnfahrt erlebe ich leider sehr häufig, wenn ich in den letzten Jahren etwas „nur für mich“ gemacht habe. Das mag sehr schade klingen, aber da ich dann immer das Gefühl habe, ganz bei mir zu sein, muss es wohl richtig so sein.

An dem Platz vor dem Museum waren die Namen europäischer Länder in jeweils einem Stein verewigt – übrigens in der jeweiligen Landessprache! Zusammen mit einem Monument, das von innen beleuchtet wurde, wirkte es doch sehr würdevoll. Der Religionswissenschaftler Dr. Michael Blume hat bereits einige Male über die USA geschrieben und wie sich dort gewisse Rituale und Grundüberzeugungen quasi zu einer Zivilreligion ausgebildet hätten. Vielleicht wäre Schengen die Basis für ein europäisches Pendant…

Vor dem Museum wurde mir auch klar, dass ich – ohne darüber nachgedacht zu haben – mit Luxemburg und Schengen das ideale erste Ziel für meine geplante Reiseserie gewählt hatte. Was kann es für einen symbolträchtigeren Ort geben, um ein Jahr durch Europa zu beginnen?

Nach einem kleinen Spaziergang durch den Ort und die Umgebung beschloss ich, für den heutigen Tag genug erlebt zu haben. In einer Kneipe war noch Betrieb und es wäre die nächste Gelegenheit gewesen, mein Lëtzebuergesch auszuprobieren, aber ich war tatsächlich etwas müde und wusste, dass ich ja noch den Rückweg vor mir hatte.

Im zweiten Teil: „Das gehört in ein Museum!“

Jugendstil im Kreuzviertel

Galerie

Diese Galerie enthält 55 Fotos.

Bescheuert, aber wahr: Seit Dezember 2010 wohne ich im Kreuzviertel in Münster, aber ich hatte schon immer den Eindruck, seine Schönheit noch nicht hinreichend gewürdigt zu haben. Denn dafür braucht man Zeit, und die habe ich mir nie genommen. Doch … Weiterlesen