Wir sind wie Luxemburg

„Wir machen unsere eigenen Regeln.“ Gut, ich bekomme es nicht mehr ganz auswendig auf die Reihe, aber die zwei Sätze sind Teil eines Zitates aus Starsky & Hutch (der Verfilmung von 2004). Leider ist es erschreckend wenig bekannt, so dass meine bisherigen Versuche, es bei verschiedenen Gelegenheiten im Alltag anzubringen, immer auf Unverständnis stießen.

Da die erste Woche war bereits voll mit anderen Aktivitäten war und ich vergangenes Wochenende in Jesberg war, konnte ich meine internationalen Reisepläne noch nicht sofort in die Tat umsetzen. Dann kränkelte ich auch noch ein wenig und musste endlich meine Reise über Ostern organisieren. Aber dann musste ich einfach raus!

Als erstes Land von meiner Liste wollte ich Luxemburg erledigen. Das klingt zunächst nicht besonders spannend und exotisch, aber es war das einzige Nachbarland von Deutschland, das ich noch nie besucht hatte. Außerdem könnte ich das ohne Flug erreichen. Der ursprüngliche Plan sah vor, in Trier zu übernachten und dann mit dem Zug nach Luxemburg-Stadt zu fahren. Zur Vorbereitung hatte ich mir bereits aus der Kauderwelsch-Reihe, mit der ich sehr gute Erfahrungen gemacht habe, das Buch „Lëtzebuergesch Wort für Wort“ bestellt. Dort las ich (was mir bisher gar nicht bewusst war), dass Schengen in Luxemburg liegt und außerdem am Dreiländereck Luxemburg – Deutschland – Frankreich. Da ich nicht auf einen bestimmten Ort festgelegt war, suchte ich nach Hotels in Schengen und stieß so auf das Hotel Perler Hof in Perl, dem deutschen Grenzort gegenüber von Schengen. Beide Orte werden durch eine Brücke miteinander verbunden, ähnlich wie Kehl und Straßburg. Das klang noch interessanter, zumal die Preise in Deutschland (etwa für einen Besuch im Restaurant) niedriger sein würden.

Gesagt, getan: Angerufen, Zimmer reserviert, Fahrkarte besorgt, Sachen gepackt und los. Mit dem EC ab Münster hätte ich übrigens direkt nach Luxemburg-Stadt fahren können. So musste ich einmal in Trier umsteigen. Dort vermeinte ich bereits Lëtzebuergesch zu hören. Im Zug sprach ich die Damen dann an und stellte fest, dass ich richtig lag. Allerdings meinte ihre junge Begleitung auf Deutsch, dass es doch völlig überflüssig sei, Lëtzebuergesch zu sprechen. Gut, wenn ich die Tochter eines Luxemburger Bankdirektors wäre, die mit 14 Jahren eine eigene Wohnung hat, würde ich das vielleicht auch anders sehen… aber immerhin hatte ich so bereits eine interessante Begegnung gehabt.

Ich hatte mich, was die Entfernungen angeht, ein wenig geirrt. Der Ort Perl liegt etwa 2 km vom Bahnhof entfernt Schlauerweise reiste ich mit leichtem Gepäck. Der Bahnhof befindet sich wiederum direkt an der Mosel und damit an der Grenzbrücke. Das bedeutete natürlich auch, dass ich dieselbe Strecke noch einmal gehen müsste, um nach Luxemburg zu kommen, und es war bereits nach 21 Uhr. Aber es gab kein Halten mehr für mich. So lange hatte ich mich darauf gefreut, da wollte ich nicht noch einen Tag abwarten!

Unterwegs überkam mich ein ähnliches Gefühl wie damals während meiner ersten Tage in meinem Erasmus-Jahr auf Catania, Sizilien: Ich könnte jetzt in aller Sicherheit irgendwo zu Hause sein, aber ich bin aus meinem gewohnten Alltag ausgebrochen. Genau darauf hatte ich gehofft, dass dieses Gefühl wiederkommt. Aber sicher war ich mir nicht gewesen…

Als ich dann auf der Brücke stand und die Schilder sah, die Luxemburg anzeigten, da war das schon ein bewegender Moment. Das erste Land auf meiner Liste, das ich besuchen würde. Und ich konnte einfach herüberstiefeln! Besser kann man die Existenz des Schengen-Raumes gar nicht würdigen.

Rechts unterhalb der Brücke sah ich ein Monument, so dass ich erst einmal nicht weiter in den Ort hineinging. Wie sich herausstellte, befindet sich in der Nähe ein Europa-Museum, vor dem weitere Monumente stehen. Von einem hatte ich bereits im Internet gelesen. Als ich durch die Nacht in Richtung Museum ging, da war das ein Hochgefühl. Ich hatte es wirklich geschafft! Und es war so leicht gewesen! Direkt darauf wurde ich tieftraurig, denn mir wurde bewusst, dass ich das schon viel früher hätte machen können, aber viel zu lange mit anderen Dingen beschäftigt gewesen war, die mich auf Trab gehalten hatten. Diese emotionale Achterbahnfahrt erlebe ich leider sehr häufig, wenn ich in den letzten Jahren etwas „nur für mich“ gemacht habe. Das mag sehr schade klingen, aber da ich dann immer das Gefühl habe, ganz bei mir zu sein, muss es wohl richtig so sein.

An dem Platz vor dem Museum waren die Namen europäischer Länder in jeweils einem Stein verewigt – übrigens in der jeweiligen Landessprache! Zusammen mit einem Monument, das von innen beleuchtet wurde, wirkte es doch sehr würdevoll. Der Religionswissenschaftler Dr. Michael Blume hat bereits einige Male über die USA geschrieben und wie sich dort gewisse Rituale und Grundüberzeugungen quasi zu einer Zivilreligion ausgebildet hätten. Vielleicht wäre Schengen die Basis für ein europäisches Pendant…

Vor dem Museum wurde mir auch klar, dass ich – ohne darüber nachgedacht zu haben – mit Luxemburg und Schengen das ideale erste Ziel für meine geplante Reiseserie gewählt hatte. Was kann es für einen symbolträchtigeren Ort geben, um ein Jahr durch Europa zu beginnen?

Nach einem kleinen Spaziergang durch den Ort und die Umgebung beschloss ich, für den heutigen Tag genug erlebt zu haben. In einer Kneipe war noch Betrieb und es wäre die nächste Gelegenheit gewesen, mein Lëtzebuergesch auszuprobieren, aber ich war tatsächlich etwas müde und wusste, dass ich ja noch den Rückweg vor mir hatte.

Im zweiten Teil: „Das gehört in ein Museum!“

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