Ein Tag im November

Heute erzähle ich mal von einem Tag, der sich nicht während meines Jahres Auszeit zugetragen hat. Immerhin hat er mit Gesundheit zu tun, was ja eines meiner Ziele ist.

Ich war am Nachmittag in Münster beim Arzt und wurde auf alle möglichen Allergien getestet. Man piekste einen Arm von mir an und guckte nach einiger Zeit, wie sehr sich die entsprechende Stelle gerötet hatte. Die Ergebnisse notierte man auf einem Blatt. Im Zuge der Operation Augias habe ich eine Kopie dieses Zettels wiedergefunden. Das Original habe ich bestimmt noch. Als Testtag ist eingetragen: 09.11.89.

Tja, so trivial kann sich Geschichte abspielen. Meine Mutter fuhr mich nach Hause. Ich weiß noch genau, wie wir an einer Ampel halten mussten und die Nachrichten im Radio kamen. Es hieß sinngemäß, DDR-Bürger könnten ab jetzt einfach so in den Westen reisen. Das war für mich eine unerhörte Nachricht. Das hieße ja, die DDR wäre am Ende!

Aus der Rückschau stimmt das natürlich, aber damals war die deutsche Einheit keineswegs eine sichere Sache. Trotzdem freue ich mich, dass ich das mit dieser sehr simplen Einschätzung eines 13-jährigen vorhergesehen habe.

Mir selbst ging es übrigens überhaupt nicht gut in dieser Zeit. Das war sogar über Jahrzehnte die schlechteste Zeit meines Lebens.

Den größten Teil von all dem habe ich genau vor zehn Jahren schon auf Esperanto erzählt. Aufschreiben lohnt sich: Man muss sich nicht ständig jede Formulierung neu ausdenken! Vor fünf Jahren ergänzte ich einiges; Anlass war ein Kommentar von mir bei Spreeblick, aus dem ich jetzt einfach noch ein wenig übernehme (Formulierung leicht angepasst):

Was habe ich für ein Glück gehabt, dass ich 2 Jahre vorher gelernt hatte, wie die politische Situation in Europa war und dass die Menschen in der DDR in Unfreiheit lebten. Ich hätte sonst das Glück dieser Zeitenwende nicht verstanden. Als Monate vor dem Zusammenbruch die Demonstrationen begannen, habe ich unglaubliche Angst gehabt, dass wieder so etwas wie der 17. Juni 1953 passiert (darüber hatte ich als 10-jähriger in einem Schülerkalender gelesen). Die mutigen DDR-Bürger haben der deutschen Geschichte ihr schönstes Ereignis beschert: Eine erfolgreiche, unblutige Revolution in Deutschland.

Wenn ich heute die Tagesschau-Aufnahmen von damals sehe, kommen mir sofort die Tränen. Egal, was für zermürbende Jahre dieses Land und seine Bewohner hinter sich haben – es gibt Ereignisse, die verlieren nie an Wert, ja, gewinnen höchstens mit der Zeit noch daran.

Ich war im April und im September in Berlin. Ich brauche inzwischen Hinweisschilder, um zu erkennen, wo ich vom früheren Ost- in den Westteil wechsele. Auch Ostdeutschland ist inzwischen wieder sehr schön geworden. Aber wenn ich ein Stück der Berliner Mauer sehe oder das Datum „09. November 1989“ oder Film- und Bildmaterial von damals, dann kommen all die Erinnerungen hoch an die Zeit, als die Freiheit gewonnen hat. Schade, dass der Begriff Freiheit inzwischen kaum noch ohne den Zusatz „der Märkte“ oder „der Eliten“ auskommt – oder als Mogelpackung für antisoziale Gesetze verwendet wird.

Es ist schon merkwürdig, wie viele Erwachsene ich inzwischen kenne, die damals noch gar nicht geboren waren! Immerhin machen sie, wie ich dieses Wochenende wieder erlebt habe, wie selbstverständlich von der Reisefreiheit Gebrauch, die uns Schengen beschert hat. Gut so! Ich bin immer wieder erfreut und erstaunt, wenn ich das erlebe, denn ich bin in eine Welt hineingeboren worden, in der Europa fast komplett in Ost und West geteilt war. Wahrscheinlich überkommt mich bei meinen Reisen in Europa deswegen immer wieder ein Glücksgefühl, weil ich mich an eine Zeit erinnere, in der das noch nicht so einfach war. (Und natürlich können heute weder alle Europäer frei reisen, noch kommt man in jedes europäische Land ohne Visum. Aber es waren noch nie so viele Europäer in dieser Hinsicht so frei wie heute.)

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2 Gedanken zu „Ein Tag im November

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