Vom Sinn des Zorns

„Du musst nicht akzeptieren, was Dir überhaupt nicht passt.“
– Die Ärzte: Deine Schuld

Vor über drei Monaten habe ich mich auf die Suche nach dem verlorenen Groove begeben. Wie es dazu kam und was ich bisher gelernt habe, habe ich im letzten Artikel zusammengefasst, der auf alle Blogeinträge aus Q2/2020 verweist.

Heute möchte ich mich einer weiteren Emotion widmen, die oft als störend und unangenehm empfunden wird, denn ein vollständiger Zugang zu meinen Gefühlen besteht gerade daraus, auch zu ihnen eine Verbindung zu haben, die für mich gesund ist.

Das schlimmste, was einem Mann neben Weinen und Angst passieren kann, ist Zorn. Offenbar ist ein zorniger Mann nicht mehr Herr der Lage, ja eventuell sogar eine Bedrohung für seine Umgebung. Dabei wird gerne das Wort Wut verwendet – denn blinde Wut ist gefährlich, das weiß doch jeder. Das ist natürlich nur die Außenwahrnehmung.

Viel spannender ist es, was im Inneren vorgeht. Wann bin ich zornig? Was erzeugt großen Zorn in mir? Was will mir dieses Gefühl sagen? Denn wenn ich von starken Gefühlen überrumpelt werde, ist das bereits der schlechte Ausgang einer Situation und nicht die mögliche Normalität.

Ich habe in den letzten Monaten mehrmals erlebt, dass ich sehr zornig war – und wenn ich in mich hineingelauscht habe, konnte ich innerhalb von zwei Minuten völlig ruhig werden. Der Zorn war also ein starkes Signal, dass ich mir selbst Aufmerksamkeit widmen sollte.

Was habe ich dabei gelernt?

  1. Zorn kommt von Unzufriedenheit mit der aktuellen Lebenssituation.
  2. Zorn ist eine Warnung davor, in einer schlechten oder ungerechten Lage zu bleiben und klein beizugeben.
  3. Zorn drückt die Sehnsucht nach Veränderung aus und mobilisiert Kraft dafür, das auch wirklich umzusetzen.

Unzufriedenheit, Sehnsucht nach Veränderung, Kraft zur Umsetzung – das klingt nicht nach einer Gefahr, sondern nach den Zutaten für die Heldenreise. Das ist eine Version des Zorns, die tatsächlich anerkannt ist: Der gerechte Zorn, der sich gegen etwas aufbäumt, das nicht in Ordnung ist, und Gerechtigkeit einfordert.

Im Film Dragonheart, den ich schon zu Beginn meiner Auszeit 2014 zitiert habe, lautet der letzte Satz des alten Kodex der Ritter: „Sein Zorn zerschlägt die Bösen.“ Das Bild eines Ritters hat mich bereits früher inspiriert.

Ein letzter Gegentest: Könnten nicht Fanatiker genau diese Überlegungen anstellen und so zu Verbrechen motiviert werden? Wo unterscheide ich mich da von ihnen?

Dazu zwei Einwände: Zum einen habe ich ein hohes Verantwortungsgefühl. Das hat mich in der Vergangenheit nicht zu wenig, sondern sogar zu sehr gebremst. Zum anderen habe ich erkannt, dass die Quelle meiner Kraft in mir selbst ist – nicht in der Außenwelt. Fanatiker hingegen brauchen immer eine Pseudo-Erklärung, warum der Rest der Welt sie bedroht und sie sich daher nur verteidigen, wenn sie schlimme Dinge tun.

Natürlich hat alles seine Kehrseite. Stärken können wie Schwächen wirken und umgekehrt: Mut erscheint als Leichtsinn, Feigheit als Vernunft.

Angst warnt einen vor der möglichen Gefahr, wenn man etwas tut. Zorn warnt einen vor der möglichen Gefahr, wenn man etwas nicht tut.

Den Sinn meines Zorns habe ich erkannt: Ich soll weitermachen mit meiner Veränderung, auch wenn es anderen Menschen nicht gefällt.

Georg Schramm hat vor einigen Jahren dem Zorn ein Hohelied gesungen, dabei Papst Gregor den Großen bzw. Thomas von Aquin zitiert (auch wenn über den eigentlichen Wortlaut – natürlich zornig – diskutiert wird).

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