Verletzbarkeit

Ich bin auf der Suche nach dem verlorenen Groove. Nach einem Artikel über den Hintergrund mit Verweisen auf alle Blogeinträge aus Q2/2020 habe ich mich mit dem Sinn des Zorns beschäftigt.

Zu Beginn meiner Suche habe ich aus dem Filmtrailer zu „Der Herr der Ringe: Die Rückkehr des Königs“ zitiert. Es gibt eine Szene im Film, die mich schon beim ersten Mal im Kino beeindruckt hat und mir seitdem nicht aus dem Kopf gegangen ist. Bevor er in die letzte Schlacht stürmt, dreht sich Aragorn noch einmal zu seinen Gefährten um und sagt leise: „Für Frodo“.

Während er kurz vorher noch eine flammende Rede gehalten hat, um der eigenen Armee Mut zuzusprechen, zeigt er hier, wie sehr ihm das Schicksal seines Freundes (der vielleicht schon tot ist) zu Herzen geht. In diesem Blick läßt er seine Gefühle zu und zeigt sie gegenüber seinen Freunden. Warum hat sich ausgerechnet diese Szene so in mein Gedächtnis gebrannt?

Interessanterweise hat das, was dort geschieht, gerade nichts mit Fantasy zu tun. Argorn zeigt seine eigene Verletzbarkeit. Damit unterscheidet er sich von vielen Klischeehelden, die einfach immer stark und unerschütterlich sind. Genau das gibt ihm Tiefe.

Erst Jahre später habe ich gelernt, dass genau das die Eigenschaft eines guten Anführers ist. Verletzbarkeit zu zeigen wird tatsächlich als eine der entscheidenden Qualitäten für authentische Persönlichkeiten angesehen, die inspirieren und begeistern können.

Ich habe in den letzten Monaten zahlreiche professionelle Vorbilder erlebt. Stephanie Ockerman etwa schreibt in ihrem beruflichen Blog darüber, wie sie vor einigen Jahren den Sinn in dem vermisste, was sie tat, auch wenn sie erfolgreich war. Das erinnert mich so sehr an mich selbst zu Beginn meiner Auszeit.

Verletzbarkeit hingegen als Schwäche zu sehen und nach außen hin grundsätzlich nur Stärke zu demonstrieren zeugt von Unsicherheit, Kleingeistigkeit und Mittelmaß. Wer so bedacht ist, ein perfektes Bild abzugeben, steht überhaupt nicht über den Dingen, sondern hat ständig Angst davor, was passiert, wenn die Leute hinter die Maske blicken. Doch selbst wenn es gelingt, so eine Fassade aufrechtzuerhalten, führt das zu nichts – denn die Leute wissen um ihre eigenen Schwächen und Grenzen und können sich an „perfekten“ Menschen nicht orientieren, um zu wachsen.

Das erklärt auch, warum der Zugang zu meinen Gefühlen so wichtig ist und warum es immer so schädlich war, wenn ich sie unterdrückt habe: Wahre Größe habe ich immer nur dann erreicht, wenn ich mit ihnen und nicht etwa ohne oder gegen sie gelebt habe.

Ein einziger wichtiger Hinweis ist vonnöten: Es gibt gute und schlechte Verletzbarkeit. Die schlechte erkannt man daran, dann man durch sie Bestätigung von außen sucht. Das kann zu keiner eigenen Stärke aus sich selbst führen.

Ansonsten gilt: Verletzbarkeit zu zeigen ist Stärke. Der Witz ist: Ich konnte das immer erst verstehen, wenn ich es nicht mehr so nötig brauchte. Aber als ich das erkannt hatte, konnte ich herzlich über mich selbst und meine Situation lachen.

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