Würde ist kein Luxus

Ich bin auf der Suche nach dem verlorenen Groove. Ein Blogeintrag fasst den Hintergrund mit Verweisen auf alle Blogeinträge aus Q2/2020 zusammen. Seitdem habe ich über den Sinn des Zorn, Verletzbarkeit, die Zeit vor fünf bzw. zehn Jahren, dass das Leben keinen Sinn haben muss, drei wertvolle Einsichten, „So viele Sommer“ und unbezähmbare Wut geschrieben sowie zuletzt über Veränderung.

Man sollte meinen, dass ich nach den letzten Veränderungen ein Stück zufriedener und ruhiger geworden bin. Das stimmt bezogen auf den Fortschritt, allerdings nicht, was die allgemeine Einschätzung meiner jetzigen Lebenslage und meiner Aussichten für die nähere Zukunft angeht.

Stattdessen habe ich – ähnlich wie ich es bei Zorn und Wut beschrieben habe – ein starkes Gefühl der Abwehr durchlebt. Ich habe einige Zeit gebraucht, um zu begreifen, was mir das Gefühl sagen wollte. Es signalisierte mir, dass ich mich auf keinen Fall fügen solle, denn die jetzige Lage empfinde ich als sehr entwürdigend. Es hatte also mit meiner Würde zu tun! Als ich das begriffen hatte, wurde ich innerhalb kürzester Zeit wieder ganz ruhig. Das war ein deutliches Signal, dass ich die Botschaft, die mir meine Gefühle gesandt hatten, verstanden hatte.

Wenn es um Ehre geht, gibt es zwei Konzepte: Das einer externen, die auf einem Regelwerk basiert und die bei Verletzungen verteidigt werden muss, und einer internen, einem eigenen moralischen Kodex gleich, dem man selbst folgt. Bei der Würde sehe ich ebenfalls zwei verschiedene Varianten: Zum einen die universelle Menschenwürde, wie es in dem Satz „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ ausgedrückt wird. (Hervorragend dazu zu hören: Dr. Navid Kermani in seiner Rede zur Feierstunde „65 Jahre Grundgesetz“.)

Diese allgemeine Würde reicht aber noch nicht. Hinzu kommt eine persönliche Würde, die einzig und allein vom persönlichen Empfinden abhängt. Es spielt keine Rolle, ob andere Menschen mein Leben als würdevoll oder nicht erleben. Derzeit sagen mir andere ja, aber ich nein. (Umgekehrt könnten andere die Meinung vertreten, dass Dinge, die ich tue, „würdelos“ sind, ich mich quasi „zum Affen mache“, und ich dennoch aus eigener Sicht ein Leben in Würde führen.)

Ob ich mein eigenes Leben als sinnvoll empfinde, entscheide ich selbst. Das ist ein zentraler Bestandteil eines selbstbestimmten Lebens.

Das, was ich tue, muss für mich einen Sinn haben. Aus dem, was derzeit in meinem Leben geschieht, läßt sich für mich noch kein Sinn ableiten. Das reicht mir nicht.

Ich habe erkannt, dass ich einige Zeit für mich selbst brauche – ich muss wie schon erwähnt meine Wut langsam aus mir herauslassen, ich muss auch Traurigkeit, Enttäuschung und Verletzung ausleben können. Niemand kann mir einreden, „dass ich ja nicht mehr verlangen kann“. Wie ich schon vorher geschrieben habe: Das soll’s noch nicht gewesen sein! Mein Leben muss keinen Sinn für andere haben – aber sehr wohl für mich!

Diese Verbindung zu mir selbst, zu meinen eigenen Bedürfnissen, ist wie der Gral. Der Gral als Symbol berührt mich deswegen so stark, weil er etwas ist, das geschützt ist und nicht zerstört werden kann.

Das eigene Dasein als würdevoll zu erleben, ist kein Luxus. Für mich selbst einzustehen ist etwas, auf das ich viel zu lange verzichtet habe und das ich jetzt umso mehr brauche, um wieder ich selbst zu werden.

Damit es mir wieder gut gehen kann, muss ich zuerst sagen können, dass es mir nicht gut geht und dass nicht alles „einfach so“ wieder gut wird. Ich habe ein Recht darauf, mit meinem Leben unzufrieden zu sein – gerade weil ich Dinge angepackt habe.

4 Gedanken zu „Würde ist kein Luxus

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