Die schöpferische Kraft der Zerstörung

Ich bin auf der Suche nach dem verlorenen Groove. Sieben Blogeinträge fassen jeweils alle Blogeinträge aus einem Quartal zusammen:

Zuletzt habe ich darüber gebloggt, wie das neue Jahr mit einem Traum begann sowie Zuversicht im neuen Jahr.

In meinen guten Momenten kann ich Verbindungen herstellen, die auf den ersten Blick nicht naheliegend sind. Heute möchte ich über die schöpferische Kraft der Zerstörung bloggen.

Ich erinnere mich daran, wie ich im Grundstudium mit der Idee der schöpferischen Zerstörung als Teil des des Schumpeterschen Unternehmers Bekanntschaft machte. Nach dem Ökonomen Joseph Schumpeter zerstört ein Unternehmer das bisherige volkswirtschaftliche Gleichgewicht durch Innovation. Die Zerstörung ist dabei offensichtlich gut!

Dass das Zerstören des Altbekannten entscheidend für Neuerungen ist, habe ich zuletzt erneut im Zusammenhang mit Befreienden Strukturen (Liberating Structures) erlebt:

In der Struktur Ökozyklus-Planung (Ecocycle Planning) gibt es die Rigiditätsfalle: Man hält am Althergebrachten fest. Hier ist die kreative Zerstörung notwendig, um etwas Neues schaffen zu können und tatsächlich voranzukommen.

Viele Jahre lang ist mir jedoch ein ganz anderes Beispiel in Erinnerung geblieben – und zwar aus der Geschichte „Jim Knopf und die Wilde 13“. Der goldene Drache der Weisheit erklärt, wie „Jamballa“ und „das Land, das nicht sein darf“ zusammenhängen: Damit eines wiederauferstehen kann, muss das andere untergehen.

Die Piraten namens „Die Wilde 13“ durchleben derweil eine schwere Identitätskrise: Sie stellen fest, dass sie gar nicht die sind, die sie immer dachten! Wer sind sie, wenn sie nicht mehr die Wilde 13 sind?

Ich finde es beeindruckend, wie stark sich in einer Geschichte für Kinder einige Charaktere ändern können. Die Piraten versenken ihre eigene Festung Sturmauge, weil sie erkennen, dass es notwendig ist.

Dass solche „erwachsene“ und optimistische Elemente in der Erzählung vorkommen, ist allerdings kein Zufall: Michael Blume schrieb schon vor Jahren über die Verbindung zu Charles Darwin und wie Michael Ende in „Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer“ ganz ernste Hintergründe verarbeitete.

Sowohl die Bücher als auch die Version die Version der Augsburger Puppenkiste haben mich als Kind so gefesselt, dass ich einmal zu Karneval unbedingt ein Pirat der Wilden 13 sein wollte. An die Verkleidung erinnere ich mich noch sehr gut – unter anderem eine gelbe große 13 auf einem dunkelblauen Hemd.

Wie das Leben so spielt: Derzeit fühle ich mich wieder ein wenig wie Wilde 13, denn auch ich frage mich, wer ich bin, wenn ich nicht mehr der bin, der ich immer zu sein glaubte – oder sein zu müssen glaubte. Über 25 Jahre dachte ich, Softwareentwickler zu sein sei meine Bestimmung. Aber jetzt erlebe ich, dass ich die Sachen, die mir immer wichtig waren – lebenslanges Lernen, auf das große Ganze zu schauen, Brücken zwischen den Welten zu bauen – vielleicht auf ganz andere Art und Weise noch viel besser erleben kann. Das ist gleichzeitig erschütternd und faszinierend.

Ich habe auch nicht die Lektion aus der Geschichte vergessen: Damit ein neues Leben beginnen kann, muss das alte erst untergehen. Die Zerstörung des Althergebrachten ist nicht ziellos oder negativ, sondern ein notwendiger und bewusster Schritt, um wieder Platz für Neues zu schaffen. Ich habe soviel Lust auf ein neues Leben, dass ich bereit bin, jeden Teil meines derzeitigen Lebens darauf zu prüfen, ob er noch etwas taugt.

Ich hatte letzte Woche schon geschrieben, wie ich meinen Lebenslauf aktualisiert hatte. Ich hatte mir dazu noch einmal Rückmeldung von einigen Kollegen eingeholt und ihn noch einmal komplett überarbeitet. Interessanterweise musste ich dabei keinen inneren Widerstand überwinden – anders als bei früheren Gelegenheiten der Selbstfürsorge. Es ist auch das erste Mal seit meinem Studium, dass mir mein Lebenslauf gefällt und ich ihn mir gerne ansehe. Das ist ein sehr positives Zeichen!

Zuversicht im neuen Jahr

Ich bin auf der Suche nach dem verlorenen Groove. Sieben Blogeinträge fassen jeweils alle Blogeinträge aus einem Quartal zusammen:

Zuletzt habe ich darüber gebloggt, wie das neue Jahr mit einem Traum begann.

Es gibt weitere Anzeichen dafür, dass dieses Jahr besser wird als das letzte. 2021 war es bereits toll, dass ich vor Ablauf des ersten Halbjahres meine zweite Impfung bekam. Meine nun fällige Auffrischungsimpfung habe ich hingegen bereits hinter mir! Und das kam so:

Auch während meiner Zeit in Nordwalde verfolgte ich die niederländischen Nachrichten. Nach und nach durften sich die Jahrgänge Termine zur 3. Impfung holen. Am 27.12. las ich spätabends, dass im Stadion von Twente Enschede solche Impfungen verabreicht würden – man brauche nur einen Termin. Die entscheidende Nachricht für meinen Jahrgang war sogar noch im Verlauf des 26.12. eingegangen. Klare Sache, her mit dem nächsten Termin! Ich bekam einen für den 3. Januar nachmittags. Zum Vergleich: Von Hoofddorp aus wäre der nächste Termin erst am 17. Januar gewesen.

So fuhr ich mit der Bahn mal eben über die Grenze: Die Grolsche Veste liegt praktischerweise direkt neben dem Bahnhof Enschede Kennispark nur einen Halt hinter Enschede Hauptbahnhof. Damit ist eine wichtige Bedingung für meinen Wunsch, in diesem Jahr wieder mehr zu reisen, bereits erfüllt.

Zweitens bin ich vor dem Jahresende noch 9 Bücher losgeworden – der nächste größere Schub seit den 18 im August. Damit sind nicht automatisch weniger Bücher in meiner Sammlung, denn ich bekam einige zu Weihnachten und kaufte mir drei gebrauchte, die seit 2011 (!) auf meiner Wunschliste bei Bookcrossing waren. Es war Zeit, endlich eine Entscheidung zu treffen, und mein Wunsch, bestimmte Serien zu vervollständigen, war nach wie vor vorhanden. Ich werte das als wichtiges Signal, dass ich wieder mehr auf meine eigenen Wünsche und Bedürfnisse achte.

Und schließlich habe ich heute meinen Lebenslauf aktualisiert. Ich hatte das seit Monaten auf dem Zettel und konnte mich nie richtig aufraffen. Jetzt habe ich das innerhalb eines Tages erledigt und sogar 4 Iterationen geschafft.

Scrum, für das ich mich bekanntlich sehr interessiere, kennt fünf Werte: Respekt, Fokus, Engagement, Offenheit und Mut. (Beim Agile Learning Lab Berlin wird statt letzterem „Zuversicht“ verwendet.)

Ich hatte gegen Ende des Jahres erlebt, wieviel ich schaffe, wenn ich fokussiert bin, und will das unbedingt im neuen Jahr fortsetzen. Die Selbstvernachlässigung war das Gegenteil von Fokus: Ich ließ es zu, dass mich andere fremdbestimmten und immer in andere Richtungen zogen.

Ich bin nicht sehr respektvoll mit mir selbst umgegangen. Das ist eine traurige Erkenntnis, die mir aber jetzt, wo ich sie niederschreibe, nicht mehr wehtut. Stattdessen wird es darauf ankommen, mich daran zu erinnern, während das noch neue Jahr langsam fortschreitet. Mir selbst gegenüber den nötigen Respekt aufzubringen und deswegen den Fokus aufrechtzuerhalten – das ist eine weitere gute Leitidee für dieses Jahr.

Der Traum fürs neue Jahr

„Und ich weiß, Du kommst natürlich nicht
Und ja, das heißt, wir sind nicht aus der Pflicht
– Dota Kehr: Wir rufen Dich Galaktika“

Ich bin auf der Suche nach dem verlorenen Groove. Sieben Blogeinträge fassen jeweils alle Blogeinträge aus einem Quartal zusammen:

Letzte Nacht hatte ich einen interessanten Traum. Ich war irgendwo unterwegs, wo ich noch nie zuvor gewesen war, in einem fremden Land. Es war recht kühl, aber es hieß, zu dieser Jahreszeit sei es erträglich. Ich sah unberührte Natur, einen See von den Bergen aus.

Plötzlich liefen mir drei junge Frauen über den Weg, alle drei hellblond und herzlich lachend. Sie hielten mich für einen Einheimischen und sprachen mich in einer skandinavischen Sprache an, so dass ich ihnen erst einmal erzählen musste, dass ich Tourist war (was scheinbar nicht offensichtlich war). In dem Versuch, nicht alles auf Englisch sagen zu müssen und guten Willen zu zeigen, kramte ich verschiedene Kauderwelsch-Bücher aus meinem Rucksack.

Dann kam noch ein russischer Tourist hinzu, der mich fragte, was ich so im Leben machte. Ich antwortete ihm, dass ich in der Softwarentwicklung arbeite und Scrum Master sei, dass mir das grundsätzlich gefalle, aber dass mir ein höherer Zweck fehle und dass ich mich nach einem Sinn sehnte.

Wie ich das so ganz ruhig sage, überkommt mich eine große Zufriedenheit, die auch nach dem Aufwachen nicht mehr weggeht. Eigentlich hatte ich vor, heute über etwas anderes zu bloggen, aber dieser Traum bekommt Vorrang, weil er mich so fasziniert.

Warum war ich so zufrieden? Weil ich mich das Richtige getan habe! Weil ich kurz und knapp sagen konnte, was ich mache und was mir fehlt, und das in aller Ruhe, ohne traurig oder wütend zu werden. Weil ich mir selbst gegenüber aufrichtig gewesen bin. Und weil ich das, was ich im Traum gesagt habe, auch so im echten Leben sagen kann. Darum war dieser Teil des Traums so real, und das inmitten einer Szene, die mit meiner derzeitigen Realität nichts zu tun hat. Ich nehme das als sehr starken Hinweis darauf, was wirklich wichtig ist, gerade weil die Umstände nichts damit zu tun hatten, sondern es aus mir selbst heraus kam.

Die Situation hätte auf einer Reise stattfinden können, etwa „der Auszeit zweiter Teil“, diesmal z.B. in Island unterwegs. In dieser Hinsicht gibt es einen Bezug zu meiner Sehnsucht nach Reisen.

Die Aussage des Traums ist jedoch gerade nicht „Du solltest wieder verreisen, um glücklich zu werden“. Die Botschaft lautet eher „Du kannst verreisen, wie Du willst, aber Du kannst vor Deinen eigenen verborgenen Bedürfnissen nicht weglaufen und es ist besser, wenn Du zu ihnen stehst“. Die Reisesituation war mehr ein Katalysator, um das deutlich zu machen:

  • Es kommt nicht darauf an, in gewohnter Umgebung und in ein soziales Netz eingebettet zu sein (neues Land, fremde Leute).
  • Es kommt nicht darauf an, etwas zu leisten (Sprachkenntnisse) oder nützlich zu sein (Tourist!).
  • Es kommt nicht darauf an, Frauen zu beeindrucken (die interessierten sich auch ohne eine besondere Leistung für mich).

Es kommt darauf an, sich selbst gegenüber aufrichtig zu sein. Alles andere ist zweitrangig und wird sich schon finden.

Aufrichtigkeit ist eine Voraussetzung dafür, den Groove wiederzufinden! Das ist doch ein prima Leitbild fürs neue Jahr.

Ein Lied ging mir nach dem Aufwachen nicht mehr aus dem Kopf – und darüber hätte ich so oder so heute gebloggt. Es stammt von Dota Kehr, auf die ich auf Empfehlung einer Freundin erstmals bei ihrem Wohnzimmerkonzert aufmerksam wurde. Der Titel bezieht sich natürlich auf die gute Fee aus der Fernsehserie „Hallo Spencer“, mit der ich viele Kindheitserinnerungen verbinde. Egal, in welcher Klemme die Dorfbewohner saßen: Mit einem Vier-Zeilen-Reim wurde Galaktika herbeigerufen und brachte alles wieder in Ordnung.

Ich finde das Lied hochspannend, weil der Text einerseits Sehnsucht nach Erlösung ausdrückt, andererseits auch klar benennt, dass wir unsere Probleme schon selbst lösen müssen, und das ohne traurig oder bitter zu klingen. Eine Perle deutschsprachiger Liedkunst!

Dota Kehr: Wir rufen Dich Galaktika