Paris

Ich bin auf der Suche nach dem verlorenen Groove. Acht Blogeinträge fassen jeweils alle Blogeinträge aus einem Quartal zusammen:

Zuletzt habe ich darüber gebloggt, wie der Groove nach zwei Jahren zurückkam, Selbstliebe statt Angst, wie ich Ostern nicht alleine war, einen zweiten Lernerfolg in diesem Jahr, wie ich an einem Tag mit dem Fahrrad ans Meer und zum Flughafen fuhr sowie ein Wochenende in Frankfurt.

Es ist ein gutes Zeichen, dass ich in einer Woche mehr erlebt habe, als ich auf einen Schlag bloggen kann! Ich fange am besten da an, wo ich letzte Woche aufgehört habe: Die Reise nach Paris!

Ich stieg am Sonntag abend in Frankfurt in einen ICE, der bis nach Paris Gare de l’Est fuhr. Es war meine erste Reise seit zwei Jahren und vier Monaten außerhalb von Deutschland und den Niederlanden. Wie lange hatte ich mich danach gesehnt! Als der Zug die Grenze überquerte, da war es ein so aufregendes Gefühl wie als ich zu Fuß die Grenze nach Luxemburg überquerte und damit zum ersten Mal während meiner Auszeit ein neues Land sah. Aber im Gegensatz zu damals überkam mich diesmal keine tiefe Traurigkeit.

Ich kam nach 23:00 Uhr in Paris an. Ich hatte mir extra ein Hotel herausgesucht, dass sehr nahe am Bahnhof war. Natürlich hatte ich ein wenig Angst: Würde ich das bei meinem beinahe negativen Orientierungssinn finden? Wie sicher war es im Dunkeln einer Metropole? Am Ende stellte es sich als ein Fußweg von weniger als 5 Minuten heraus, der entlang von noch bevölkerten Restaurants ging.

Dann hatte ich ein wenig Bedenken, als ungeschickter Tourist zu erscheinen. Ich war seit November 2014 nicht mehr in Frankreich gewesen. Würde ich zurechtkommen? Tatsächlich wartete an der Rezeption ein freundlicher Angestellter, den ich ohne Problem verstand. Mich überkam ein Hochgefühl. Ich war aus meinem Alltag ausgebrochen!

Das Hotel ibis Styles Paris Gare de l’Est Magenta stellte sich als Glücksgriff heraus, denn es passte hervorragend zu meinen Bedürfnissen und man sah, dass alles recht neu war (Eröffnung im April 2021). Zum Mittagessen traf ich mich spontan mit einer Kollegin, mit der ich schon seit 1,5 Jahren zusammengearbeitet habe, die ich aber zuvor noch nie im echten Leben getroffen hatte. Was für eine tolle Erfahrung, in einem typisch französischen Restaurant ganz in der Nähe meines Hotels zu speisen.

Nachmittags machte ich einen langen Spaziergang bis an die Seine, dann zum Eiffelturm und schließlich zurück. Das Straßenbild von Paris erinnerte mich ganz leicht an Italien. Ich fühlte mich beschwingt davon, in der Ferne zu sein, und gleichzeitig nicht in der Fremde – das Beste aus zwei Welten.

Ich hatte einige Zeit, über mein Leben nachzudenken. Es hätte so wie damals in Barcelona werden können, als ich plötzlich drei verschiedene Deutungen über mein eigenes Leben bekam. Tatsächlich fand ich aber diesmal, dass meine Freude über die vielen schönen kleinen Dinge – das schöne Frühstück, die freundlichen Hotelmitarbeiter, das Essen mit der Kollegin, die interessanten Aussichten beim Spazierengehen – ein ganze anderes Bild zeichnet: Das eines anständigen Kerls, der ein grundsätzlich liebenswerter Mensch ist. Ich fand es auch interessant, wie sehr ein Ortswechsel einige gute Seiten in mir hervorbringt, die im Alltag oft verborgen bleiben. Das war ein wichtiger Hinweis darauf, worauf ich für mich selbst achten möchte: Ich brauche ein Leben jenseits von Pflicht, Verantwortung und Routine. Nur dann kann ich wirklich zeigen, was in mir steckt.

So gut tat mir eine Reise in ein Land, in dem ich bereits gewesen bin. Wie wird es wohl erst sein, wenn ich endlich wieder ein neues Land sehen werde?

Am Dienstag und Mittwoch hatte ich eine berufliche Veranstaltung in Paris. Auch hier war der Eindruck: Toll, so viele Leute zum ersten Mal von Angesicht zu Angesicht zu sehen! Wie ich vor einigen Monaten gelernt habe, wird diese Kombination aus Urlaub und Arbeit in der Ferne Neudeutsch „Workation“ genannt. Durch die Urlaubstage davor und danach musste ich an den zwei Arbeitstagen selbst nur innerhalb von Paris reisen – etwa jeweils 1,5 Stunden.

Am Mittwoch abend war ich so voller Eindrücke, dass ich den Abend in meinem Hotelzimmer verbrachte. Das war eine wichtige Lehre aus meiner Entdeckung, wahrscheinlich eine extrovertierte hochsensible Persönlichkeit zu sein: Um das Mischpult des Lebens richtig einzustellen, muss ich darauf achten, weder unter- noch überreizt zu sein und bei Bedarf entweder einfach nach draußen zu gehen oder mich mal ein paar Stunden abzuschotten. Deswegen fühlte ich mich auch nicht schuldig, nicht soviel wie möglich zu sehen.

Auch wenn ich noch am Freitag frei hatte, fuhr ich bereits am Donnerstag morgen vom Gare du Nord mit einem direkten Zug zurück nach Schiphol. Ich hatte am Nachmittag noch in Haarlem ein weiteres Treffen mit Kollegen – in denselbem Café, das ich letzten Sommer entdeckt hatte.

Rückblickend fiel mir eines auf: Was hatte ich mir einen Kopf gemacht um die Reisevorbereitungen! Das sei ja alles ganz schwer und umständlich, wie sollte ich das nur schaffen, was sei ich nur für ein schwieriger Fall mit meinen Spezialwünschen, vor und nach der beruflichen Veranstaltung in Paris zu sein… Am Ende stellte sich heraus: Das war genau die richtige Idee, weil ich an den beiden Tagen selbst nur eine relativ kurze Reise hatte, mir am Tag zuvor ordentlich die Beine vertreten hatte, ich entspannt und ausgeruht anreiste und am Abend danach ebenfalls gemütlich im Hotel eine ruhige Kugel schieben konnte. Mit anderen Worten: Ich habe etwas fundamental richtig gemacht.

Ich kann viel mehr auf mich selbst vertrauen. Ich darf auf meine Gefühle und meinen Körper hören.

5 Gedanken zu „Paris

  1. Pingback: Operation Augias: Die Lederjacke | Auf der Suche nach dem verlorenen Groove

  2. Pingback: Ein Gebet, ein Lied – und der Groove | Auf der Suche nach dem verlorenen Groove

  3. Pingback: Kontext oder die Kunst, mich selbst zu lieben | Auf der Suche nach dem verlorenen Groove

  4. Pingback: Kein Versager | Auf der Suche nach dem verlorenen Groove

  5. Pingback: Manche Wunden heilen doch | Auf der Suche nach dem verlorenen Groove

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s