Manche Wunden heilen doch

„Are you such a loser, you can’t tell when you’ve won?“
From Dusk Till Dawn

Ich bin auf der Suche nach dem verlorenen Groove. Acht Blogeinträge fassen jeweils alle Blogeinträge aus einem Quartal zusammen:

Zuletzt habe ich darüber gebloggt, wie der Groove nach zwei Jahren zurückkam, Selbstliebe statt Angst, wie ich Ostern nicht alleine war, einen zweiten Lernerfolg in diesem Jahr, wie ich an einem Tag mit dem Fahrrad ans Meer und zum Flughafen fuhr, ein Wochenende in Frankfurt, meinen Aufenthalt in Paris, wie ich mich von meiner alten Lederjacke verabschiedete, wie ich den Groove an einem Gebet und einem Lied bemerkte, die Kunst mich selbst zu lieben sowie wie ich erkannte, kein Versager zu sein.

Letztes Wochenende war ich wieder in Deutschland. Ich war nach einem halben Jahr wieder in Münster, um 20 Bücher loszuwerden und in ein öffentliches Bücherregal zu stellen (die Operation Augias geht weiter). Ich hatte Zeit dafür, weil ich schon am Donnerstag angereist war und den Freitag freigenommen hatte.

Anlass war, dass mich meine ehemalige Schule, das Gymnasium Borghorst, zur feierlichen Übergabe der Abiturzeugnisse für den Jahrgang 2022 eingeladen hatte. Mein eigenes Abitur ist dieses Jahr 26 Jahre her. Da in den letzten zwei Jahren die „silbernen Jahrgänge“ nicht eingeladen werden konnten, holte man das jetzt nach. Ich war sehr angetan von der Idee, zumal ich letztes Jahr nichts mitbekommen und schon befürchtet hatte, ich hätte die Einladung verpasst. Sie wahrzunehmen wäre ohnehin ein Wagnis gewesen: Ich war um diese Zeit noch nicht vollständig geimpft.

Bei mir ist es mit Rückblicken auf die Schulzeit und Jugend so, dass ich leicht traurig und bitter werde, wenn ich an diese Jahre erinnert werde. Was sollte ich außerdem erzählen, wenn ich gefragt würde, was aus mir geworden sei? Ich bin gleichzeitig sehr erfolgreich und ein totaler Versager – je nachdem, welche Maßstäbe man anwendet. Nun hatte ich erst letzte Woche festgestellt, dass ich gar kein Versager bin. Das ist richtig – nur gelten in meiner alten Heimat deutlich engere Maßstäbe, die ich praktisch nie erfüllen konnte. Das Wiedersehen mit dortigen Orten der Vergangenheit ist daher immer schwierig.

Aber – ein weiteres Mal – sollte es ganz anders kommen, als ich es befürchtet hatte. Ich war freundlicher Zuschauer und Zuhörer bei den Reden, Filmen und der Musik, mit denen die diesjährigen Abiturienten geehrt wurden. Danach wurden die Ehemaligen zu einem Schulrundgang eingeladen. Ich hatte einen viel positiveren Eindruck als beim 50-jährigen Schuljubiläum vor sechs Jahren. Damals kam mir alles so klein und schäbig vor. Jetzt hatte sich einiges geändert! Die Pavillons, in denen ich zwei Jahre Unterricht hatte und die untrennbar mit der schlechtesten Zeit meines Lebens verbunden waren, sind abgerissen. Das tat sehr gut zu sehen!

Die Einladungen waren nur knapp eine Woche vorher rausgegangen. Dennoch war ich überrascht, der einzige Vertreter meines Jahrgangs zu sein. Vom Abi 95 waren 2-3 Leute da und etwa ein Dutzend von Abi 97 – die ja immerhin tatsächlich dieses Jahr ihr 25-jähriges Abitur feierten und sich schon länger darauf hatten einstellen können, wiederzukommen. Als ich mit dieser Gruppe beisammen stand, fühlte ich mich sofort gut. Ich erkannte einige wieder, andere überhaupt nicht, vielleicht hatte ich sogar zu Schulzeiten nie mit ihnen etwas zu tun gehabt. Aber mir waren die Leute sympathisch. Man freute sich über die anderen, die gekommen waren, es gab viel freundliches Lächeln und gemütliches Plaudern, alle wirkten entspannt. Und vor allem gab es kein Angeben oder Theater darüber, was man alles in seinem Leben gemacht oder erreicht hatte. Wohl deswegen fühlte ich kein „etwas beweisen müssen“ von meiner Seite.

Wie ich so durch meine ehemalige Schule gehe, da merke ich, dass ich nicht nur völlig unerwartet entspannt bin, sondern mich auch nicht verstelle. Beachtlich, zumal ich mir vorgenommen hatte, auf gar keinen Fall „versöhnlich“ oder verklärend auf die Vergangenheit zu blicken. Es gelingt mir recht schnell, zu verstehen, warum das so ist. Es ist die Antwort auf eine einfache Frage. In Anbetracht der Tatsache, dass die Leute hier freundlich zu mir sind und ich keinen Groll gegen sie hege: Sind mir vergangene Verletzungen wichtiger als ein Genießen im jetzigen Augenblick? Oder anders ausgedrückt: Möchte ich mich lieber durch ein Festhalten an meinem Schmerz definieren als durch das, was ich noch erleben kann? Es ist wie die Frage im Film „From Dusk Till Dawn“, der passenderweise kurz nach meinem Abi in die Kinos kam.

Für mich war die Antwort klar. Nach dem Rundgang gingen wir an den Sportplatz an der Haselstiege. Jemand hatte einen Kasten Bier im Kofferraum mitgebracht. Ich trank zwar nichts, unterhielt mich wunderbar mit den Leuten. Alles schien so leicht und selbstverständlich.

An diesem Tag hat eine Wunde in mir zu heilen begonnen, von dem ich nie dachte, dass sie sich jemals schließen würde. Ich habe früher gedacht, alles sei Vergangenheit und vorbei. Dann habe ich gemerkt, wie mich einiges aus meiner Schulzeit noch Jahre später in seinem Bann gehalten hat. Also habe ich angenommen, ich müsste das alles aufarbeiten. Jetzt sehe ich, wie ich vielleicht einen guten Kompromiss gefunden habe. Was für eine Gnade des Lebens!

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