Namenstag in Catania

Ich bin auf der Suche nach dem verlorenen Groove. Zehn Blogeinträge fassen jeweils alle Blogeinträge aus einem Quartal zusammen:

Zuletzt habe ich darüber gebloggt, dass der Morgen nahe ist sowie wie ich an meinem Geburtstag endlich wieder unterwegs war.

1999/2000 habe ich ein Erasmusjahr in Catania auf Sizilien verbracht. Über diese Zeit kann ich zahlreiche Geschichten erzählen. Zum Glück für den Lese- und Schreibfluss habe ich mich in diesem Blog weitestgehend zurückhalten können, was das Thema angeht.

Obwohl dieses Jahr sehr prägend für mein späteres Leben war, war ich nie wieder nach Catania zurückgekehrt. Ich hatte während der Auszeit die Idee, als es 15 Jahre her war, und mich zuletzt beim Genuss sizilianischer Spezialitäten in Amsterdam gefragt, warum ich das nie gemacht habe.

Ich glaube, ich habe Angst gehabt, dass ich im Rückblick ein totaler Versager gewesen bin. Ich weiß noch, wie verloren ich mich am Ende dieses Jahres gefühlt habe. Die Gründe dafür waren vielfältig, zum Teil nachvollziehbar, aber nichts hier und jetzt für dieses Blog.

Einen ersten Hinweis, dass ein Wiedersehen mit Catania gar nicht so schlecht ausfallen würde, bekam ich Ende 2019 durch einen meiner besten Freunde. Ich besuchte ihn, weil ich in einer akuten persönlichen Krise steckte, und probierte seine VR-Brille aus. Google Maps zusammen mit dieser VR-Umgebung ließen mich unter anderem nach Catania reisen. Ich stand in derselben Straße wie 20 Jahre zuvor – und ich war einfach nur staunend und fasziniert.

Allein die Zeit ist begrenzt, und mein Plan war ja, die Liste der Länder endlich zu erweitern. Ein Dilemma! Doch manchmal hilft der Zufall. Als ich nach Flügen nach Malta suchte, stellte ich fest, dass es von Schiphol keine Direktverbindung gab. Möglicher Zwischenstopp war Catania. Da ich mich daran erinnerte, dass es auch eine Fähre von Sizilien nach Malta gab, suchte ich danach. Es gab eine Verbindung von Catania aus, die allerdings nicht sehr häufig befahren wurde und sehr lange dauerte. Von Pozzallo im Süden aus waren es jedoch nur 1 Stunde und 45 Minuten bis Valletta.

Das sah ich als einen Fingerzeig des Lebens: Es wäre einfacher, vor und nach Malta auf Sizilien zu sein. Damit war die Sache klar und ich buchte die Flüge von und nach Catania.

Als Vorbereitung guckte ich alte Erinnerungsstücke von meinem Erasmusjahr durch. Wie eine Recherche ergab, gab es die meisten Kneipen und Restaurants von damals inzwischen nicht mehr. Ich packte allerdings drei alte Ausweise mit Foto ein, um sie bei Bedarf herumzeigen zu können. Auch schrieb ich alle möglichen Orte auf, die seinerzeit eine Rolle gespielt hatten. Einzig der Name einer Bar auf den Treppen, wahrscheinlich nahe des Theaters Bellini, wollte mir nicht mehr einfallen.

Ich las noch einmal meinen (nie vollendeten) Catania-Bericht. Wie ich die ersten Tage unter widrigen Umständen überlegt habe, war noch einmal gut zu lesen. Ansonsten klang das, was ich damals geschrieben habe, aus heutiger Sicht sehr bitter und hart.

Im Flughafen Schiphol musste ich zwei Stunden lang in der Schlange vor der Sicherheitskontrolle warten. Ein Schicksal, mit dem ich in den vergangenen zweieinhalb Jahren jederzeit gerne getauscht hätte! Als ich im Flugzeug saß und unter mir die Landschaft sah, da fühlte ich mich herrlich.

Ich kam um ca. 18 Uhr in meiner Unterkunft Casa Provenza an und kam gleich in Hochstimmung: Mein Italienisch funktionierte noch wunderbar, um ganz entspannt ein Gespräch zu führen! Ich holte mir einige Tipps, um abends auszugehen.

Als erstes ging ich zu „u liotru“, der Elefantenstatue und dem Wahrzeichen der Stadt. Danach ging es in die Via Gugliemo Oberdan 174, wo ich 1999/2000 die ersten Monate gewohnt habe und sich auch die Mensa befand. Die Bar war leider permanent geschlossen, aber mit den Leuten, die am Empfang arbeiteten, fing ich ein Schwätzchen an und zeigte meine alten Ausweise vor. Das war ein Spaß und ich fühlte mich erneut sehr gut, weil ich einfach so ins Gespräch kommen konnte – wie in alten Zeiten. Dann gönnte mir ein Abendessen in der Trattoria Giglio Rosso, der ersten Empfehlung. Als Nachtisch ging ich auf der Via Etnea ins Scardaci und aß eine brioche con gelato di limone – ein Croissant mit Zitroneneis – was mir seinerzeit meine Italienischlehrerin vor 24 Jahren empfohlen hatte (inklusive dem Café!).

Nun war die Zeit fürs Nachtleben gekommen. Mir war das „Mono“ zum Abtanzen empfohlen worden. Die Musik (House/Hiphop) ging ca. 23 Uhr los, aber noch wollte niemand tanzen. Ich erinnerte mich vage, dass die Nächte ab und zu nur langsam in Schwung kamen. Ich fiel natürlich auf, da ich alleine war und wahrscheinlich der einzige Ausländer. Irgendwann war mir aber alles egal, denn ich wollte unbedingt in meinen Namenstag hineinfeiern. und ich fing an zu tanzen. Nach und nach kamen weitere Leute hinzu, bis die beiden Tanzflächen wirklich voll waren.

Im Laufe dieser Nacht geschahen drei wundersame Dinge: Drei junge Damen wollten ein Foto mit mir, weil ich so toll tanzte. Auch wenn das nicht notwendig für einen guten Abend ist und nicht mein Ziel war, so war das doch sehr gut für mein Selbstvertrauen! Als ich zwischen den Tanzflächen wechselte, machte ein Typ seine zwei Freunde auf mich aufmerksam und zeigte auf mich. Ich dachte erst, das könnte Ärger geben. Hatte irgendeine der Damen, die mir zugelächelt hatte, für Eifersucht gesorgt? Stattdessen sprachen die drei Kerle mich an und sagten mir, dass ich die Nummer 1 sei. Später auf der Tanzfläche ging eine Frau völlig ab, während sie mit mir tanzte, und die Umstehenden jubelten. Was hat mir das alles gut getan! Irgendwann wurde ich müde und ich schaute auf die Uhr. Ich hatte drei Stunden ohne Pause getanzt. Ich war endlich wieder auf 100% meiner üblichen Form! Ich wurde nach 3 Uhr zwar müde, erlebte aber noch, wie der eine DJ Schluss machte. Der andere machte mindestens noch eine halbe Stunde länger weiter, und normalerweise ist es mein Ziel, bis zum Ende der Musik zu tanzen, aber dann beschloss ich doch, nach Hause zu gehen. Immerhin war ich in den letzten 24 Stunden eine längere Reise gemacht und war den Rest des Tages zu Fuß unterwegs gewesen.

Während ich noch völlig beeindruckt von diesem großartigen Abend war, hörte ich mich selbst in meinem Kopf. Eine etwas traurige Stimme sagte mir: „Das hättest Du schon viel früher machen können.“ Eine andere sanfte Stimme entgegnete: „Das hättest Du so nicht vorher haben können. Du musstest erst den Groove wiederfinden, um es so zu erleben und das zu spüren.“ Das war eine neue Stimme, wie ich sie selbst während meiner Auszeit nicht gehört hatte, auch wenn ich diese Zeit mal als Meisterstück meines Lebens bezeichnet habe. Das war ein Zeichen dafür, dass ich mich in gewisser Hinsicht endlich übertroffen habe im Vergleich zu damals und nicht mehr alten Höhepunkten hinterhertrauern muss.

Am nächsten Morgen schlief ich erst einmal aus. Dann ging ich auf meine Erinnerungstour. Das normannische Castello Ursino war schön anzusehen, während ich das Teatro Massimo Bellini in meinem Jahr in Catania meistens nachts gesehen hatte. Danach gönnte ich mir im Cafè Prestipino ein Cannolo und eine granita caffè mandorla. Von dieser Art Granita habe ich jahrzehntelang geschwärmt und sie schmeckte genauso gut, wie ich sie in Erinnerung hatte. Der Espresso ist sehr bitter, das Mandeleis sehr süß – eine fantastische Kombination – und man wird davon wach! Sollte ich einmal zum Tode verurteilt werden, werde ich das als Henkersmahlzeit wählen, und der Henker wird sich fragen, warum jemand entspannt und lachend zum Richtblock schreitet oder sich freiwillig an die Wand stellt. Auch das Cannolo schmeckte viel besser als die in Amsterdam.

Nun ging ich kurz in den Park „Villa Bellini“ und schließlich in die gegenüberliegende Pasticceria Savia, die mir alternativ als Ort für eine Granita empfohlen worden war. Dies war allerdings ein Ort, der mit einer weiteren wichtigen Erinnerung verbunden worden war: Hier hatte ich mein erstes Arancino gegessen! Also bestellte ich genau das wieder. Und wie herrlich es schmeckte! Das Café in Amsterdam, so gut es auch ist, es kann nicht mit Sizilien mithalten.

Jetzt war die Zeit gekommen, um auf dem Corso Italia Richtung Meer zu gehen. Da die Straße sowohl in der Nähe des Studentenwohnheims Oberdan als auch der Fakultät für Ökonomie war, bin ich hier während meines Auslandsstudiums zigmal entlanggegangen. Am Piazza Trento holte ich mir ein frappé alla fragola – wie in meiner Zeit als Erasmusstudent.

Ich fand zwar nicht mehr den genauen Platz am Strand mit Lavafelsen, an dem ich an meinem 23. Geburtstag im Meer gebadet hatte, aber der Blick auf die Felsen und das Meer brachten viele Erinnerungen zurück. Danach lief ich noch in die andere Richtung bis zum früheren Studentenwohnheim in der Via Ammiraglio Caracciolo 108B, das 2000 ganz frisch eröffnet wurde und, wie man mir am Vortag im Oberdan erzählt hatte, 2018 geschlossen worden war. Die Erinnerungen an dieses Wohnheim sind nicht so gut, aber ich genehmigte mir dennoch aus Spaß noch einen Espresso in einer Bar in der Nachbarschaft.

Am Abend ging ich in die Pizzeria Sazi e Sani, das mir ebenfalls empfohlen worden war. Hier aß ich eine der drei besten Pizzen meines Lebens, mit Mehl aus besonderem Getreide und vielen lokalen Zutaten. Da ich an diesem Tag bereits ein Cannolo gehabt hatte, wählte ich diesmal Torte als Nachtisch. Abends ging ich noch gut gelaunt die Via Etnea entlang und kaufte mir am Piazza Stesicoro einen Comic – ganz wie damals.

Das war nicht einfach nur ein toller Urlaub. Das war Heilung. Ich habe ein Stück von mir selbst wiedergefunden, von dem ich mir nicht einmal bewusst war, dass ich es verloren hatte. Ich war wieder ein eleganter und eloquenter Mann, der in einer Stadt in Italien zu Hause war. Dass ich das wieder sein kann, dass ich das nicht verloren habe, dass das nicht nur wehmütige Erinnerungen sind, das hat mich erschüttert. Denn wenn das möglich ist, was müsste ich tun, um das öfters zu erleben?

Ich hatte einmal aufgeschrieben, was ich nicht bin. Mit diesen neuerlichen Erlebnissen in Catania möchte ich ergänzen:

  1. Ich bin nicht meine Erinnerungen.
  2. Ich bin nicht mein Schmerz.
  3. Ich bin nicht meine Enttäuschungen.
  4. Ich bin nicht meine Erfahrungen.
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