Von himmelhoch jauchzend zu Tode betrübt

Ich bin auf der Suche nach dem verlorenen Groove. Drei Blogeinträge fassen jeweils alle Blogeinträge aus einem Quartal zusammen:

Zuletzt habe ich darüber gebloggt, meine Sehnsucht zu bewahren, Wegweiser fürs neue Jahr, den Kurs zu halten, Erkenntnisse, die den Blick verändern, einen Lernerfolg, dass ich die ganze Zeit ok war, Probleme, die tatsächlich Lösungen sind sowie emotionale Intelligenz, Hochsensibilität und den inneren Dialog.

Heute abend bin ich so friedlich wie schon lange nicht mehr. Als ich vor über einem halben Jar endlich Veränderung angestoßen habe, hätte ich nicht gedacht, wie lange es dauern würde. Es sollte ein langer Marsch werden. Aber immerhin, ich bin (wieder) auf dem Weg!

Was mir sehr hilft, auch wenn es immer noch bewusste Anstrengung erfordert und sich ein wenig egoistisch anfühlt, ist die Konzentration auf mich selbst. Ein Aspekt der extrovertierten hochsensiblen Personen (HSP), der mich besonders angesprochen hat, war die starke Reaktion auf Kunst, Musik und Natur.

Ich kann Musikstücke fast wie einen Stimmungsregler verwenden. Wenn ich möchte, kann ich innerhalb von zwei Liedern von fröhlich und voller Energie zu abgrundtief traurig und niedergeschlagen wechseln – und umgekehrt! Dazu zwei Beispiele:

La Pegatina: La Negra

Veronika Fischer: In jener Nacht

Seit ich verstanden habe, dass ich ein sehr gefühlvoller Mensch bin, verstehe ich endlich, warum mich so viele internationale Musik anspricht: Sie drückt oft Aspekte aus, die ich aus Deutschland nicht gewohnt bin. Erst mit allen Facetten zusammen passt es endlich:

Natürlich liebe ich es, wenn Musik so voller Energie von Lebensfreude ist! Das klingt so, wie ich mich oft fühle, und dann erinnere ich mich an frühere Gelegenheiten, in denen ich gefeiert, gelacht und getanzt habe.

Doch auch das traurige Lied berührt mich sehr: Der Franz Bartzsch hat eine Verletzbarkeit in seiner Stimme, es klingt, als drücke er seine Gefühle ganz unverfälscht aus. Wenn ich so ein Lied über Melancholie und verlorene Liebe höre, dann erinnere ich mich an all die Male, als ich unglücklich verliebt war oder eine Beziehung zuende ging – und auch die Erfahrung, dass meine Gefühle – Traurigkeit, Verletztheit – als „nicht ok“ abgestempelt wurden. Das ist eine falsche Bewertung, wie ich zum Glück endlich erkannt habe.

Das erklärt, warum ich Musik nicht gerne nebenbei als Hintergrundgeplätscher höre: Weil ich sehr stark auf sie anspreche und weil ich leicht einen Bezug zu ihr herstellen kann.

Ich habe das lange Zeit als Schwäche angesehen: Ich sei eben wankelmütig und beeinflussbar. Dabei ist das genauso eine Stärke: Ich kann mich auf etwas einlassen. Mir sind die Dinge nicht egal.

Der Trick liegt also darin, melancholische Lieder nur in geringen Dosen zu hören und ansonsten Stücke zu suchen, die Freude, Staunen oder Gelassenheit ausdrücken.

Die Sehnsucht bewahren

Ich bin auf der Suche nach dem verlorenen Groove. Drei Blogeinträge fassen jeweils alle Blogeinträge aus einem Quartal zusammen:

Meine Idee, für Silvester einen Discord-Server einzurichten, hat sich als große Klasse erwiesen. Ich habe Dutzende Freunde wiedergesehen und mit einigen von ihnen sogar aus der Entfernung getanzt! Ein – unter den gegebenen Umständen – großartiger Abschluss des Jahres!

Ein neues Jahr bringt immer Hoffnung auf Veränderung, aber auch das Risiko, schnell enttäuscht zu werden. Deswegen möchte ich mich diesmal von Anfang an auf das konzentrieren, das mir persönlich wichtig ist. Pflichten wird es genug geben!

So wie im letzten Eintrag möchte ich das mit einem Foto und einem Lied zum Ausdruck bringen. Das Foto ist vom Januar letzten Jahres und zeigt die Sprachbücher, die ich gekauft hatte, um meiner Länderliste wenigstens ein neues Land hinzuzufügen:

Kauderwelsch Wort für Wort 2020-01-17 215925

4 Strings – Take Me Away (Into The Night)

Dieses Lied kenne ich durch eine CD, die einer meiner besten Freunde Ende 2002 für mich zusammengestellt hat.

Darauf befanden sich einige Stücke von Chicane, dessen Musik sowohl während meiner Auszeit als auch als Erinnerung an meine Träume eine Rolle spielt. Dieses Trance-Stück geht in eine ganz ähnliche Richtung. Ich verbinde damit sogar sehr viele Dinge:

  • die Erinnerung an eine Freundschaft, die sich gerade in schlechten Zeiten bewährt
  • der Wunsch, aus dem Alltag auszubrechen
  • das Verlangen nach Kreativität, insbesondere selbst Musik zu machen
  • die Sehnsucht nach dem Reisen

An das Lied wurde ich durch eine neuere Version erinnert, auf die ich wie ein anderes Stück durch denselben Freund Ende Februar / Anfang März letzten Jahres aufmerksam gemacht wurde. Kurioserweise habe ich erst vor einigen Monaten erfahren, dass das Stück aus den Niederlanden stammt:

The story behind „4 Strings – Take Me Away (Into The Night)“ with Carlo Resoort | Muzikxpress 061

Es gibt also sogar eine Verbindung zu meiner Wahlheimat!

Die Stimmung und der Titel drücken es für mich so klar aus: Ich möchte noch einmal verreisen, all die Pflichten hinter mir lassen, mich selbst in einem anderen Kontext erleben, zeigen, was ich außer Routine noch kann. Ich habe mir das verdient. Ich bin es mir wert.

Auf der Schwelle zum neuen Jahr

Übermorgen sind es genau neun Monate, seitdem ich mich auf die Suche nach dem verlorenen Groove gemacht habe. Zwei Blogeinträge fassen jeweils alle Blogeinträge aus Q2/2020 und alle Blogeinträge aus Q3/2020 zusammen.

Was habe ich im dritten Quartal meiner Suche erlebt?

Am wichtigsten waren sicherlich die Minuten, in denen der Groove zurückkam sowie meine wiedergefundene Kreativität. Das waren ohne Zweifel Höhepunkte des Jahres.

Dabei war auch das letzte Quartal alles andere als einfach: Die Lieder, die mich durch die Nacht bringen sowie ein erstaunlich tiefgründiges Lied von Sasha hatte ich bitter nötig.

Ich habe kurz geklärt, was dieses Blog hier wird (und was nicht), und mich dann mit den Dingen beschäftigt, die mich früher und bislang zurückgehalten haben, etwa Schuld und Schuldgefühle.

Das neue Lebensjahr nahm ich zum Anlass, zu überlegen, wie ein Neuanfang aussehen kann.

Durch meine Beschäftigung mit Glauben und Zweifel kam ich auf eine persönliche Vision: Nicht weggeworfen zu werden für die eigenen Gefühle. Eine andere Facette der Vision meiner persönlichen Zukunft ist eine wirklich moderne Männlichkeit.

Für den Blick nach vorne war es wichtig, mich an den Sinn des Staunens zu erinnern, um zu erkennen, dass das Gute, das geschieht, nicht allein durch unsere Taten oder das Jetzt bestimmt wird.

Ich habe meine eigene Aufgabe erkannt und dabei drei konkrete Ansatzpunkte für den Alltag formulieren können.

Selbst in der Jahresendmüdigkeit habe ich noch einen positiven Ausblick auf das nächste Jahr formulieren können.

Ich möchte den letzten Eintrag diesen Jahres mit einem Foto und einem Lied abschließen.

Vác 2019-12-27 073215

Das Foto habe ich in Vác aufgenommen, am 27.12. letzten Jahres, frühmorgens, als ich auf einen Anschlusszug gewartet habe zu Beginn meiner letzten großen internationalen Reise von Ungarn über die Slowakei und Tschechien nach Polen. Es ging mir damals unglaublich schlecht, und doch – ich erinnere mich daran, wie mich die alte Reiselust überkam, die so lange hatte pausieren müssen. Im neuen Jahr möchte ich schaffen, was ich schon für dieses geplant hatte, und endlich meine Länderliste um einen neuen Eintrag ergänzen.

Ich bin dieses Jahr zum ersten Mal seit 32 Jahren zu Hause. So sehr es mich schmerzt, die Tradition dieses Jahr nicht wie gewohnt fortführen zu können, so sehr freue ich mich über einige Möglichkeiten des Internets. Ich habe vor einigen Tagen einen Discord-Server erstellt, auf dem ich eine Disco aus der Ferne machen kann. Vielleicht klappt es sogar, den Menschen in verschiedenen Zeitzonen zum neuen Jahr zu gratulieren!

Der Text des Liedes „Nova jaro“ (neues Jahr) von Martin Wiese bekommt diesmal noch eine besondere Bedeutung:

„La jaroj venas kaj malaperas /
Pri kelkaj eble vi ne fieras /
kaj se fiaskis la pasinta /
via venonta certe estos la pinta“

„Die Jahre kommen und gehen /
auf einige bist Du vielleicht nicht stolz /
und wenn das vergangene ein Misserfolg war /
wird Dein nächstes sicherlich das beste“

Der Blick zurück hat mir sehr geholfen, denn er zeigt eines ganz deutlich: Dieses Jahr endet für mich in allen wichtigen Lebensbereichen besser, als es begonnen hat!

Die Nacht ist schon im Schwinden

Ich bin auf der Suche nach dem verlorenen Groove. Zwei Blogeinträge fassen jeweils alle Blogeinträge aus Q2/2020 und alle Blogeinträge aus Q3/2020 zusammen. Zuletzt habe ich gebloggt über Lieder, die mich durch die Nacht bringen, das neue Lebensjahr, vom Sinn des Staunens, was dieses Blog hier wird (und was nicht), die eigene Aufgabe zu erkennen, ein erstaunlich tiefgründiges Lied von Sasha, Glauben und Zweifel, wie der Groove zurückkam, Jahresendmüdigkeit, menschliche Männlichkeit
sowie über Schuld und Schuldgefühle.

Der dunkelste Tag ist vorbei! Seit vorgestern gewinnen wir ein halbes Jahr lang täglich einige Minuten Helligkeit dazu. Die Talsohle ist durchschritten. Und so fühle ich mich auch persönlich. Ich habe beim Durchsehen von Fotos einige von mir von Ende letzten Jahres gefunden: Mein Gott, wie fertig ich aussehe. Ich habe andere Fotos gefunden, die mich daran erinnerten, wie ich fast nichts mehr genießen konnte, wie sehr mich bestimmte Themen in Beschlag hielten – und wie ich in meiner damaligen Rolle einfach nicht glücklich werden konnte.

Derzeit habe ich zwei Wochen Urlaub. Was ich beachtlich finde, ist dabei, wie ich mich fühle: Eine so geringe Alltagslast habe ich seit bestimmt fünf Jahren nicht mehr gehabt. Jeden Tag erledige ich ein paar Pflichten und dann ist noch so viel Zeit und Energie da. Und das in einer Jahreszeit, in der ich normalerweise deutlich müder bin!

Jetzt, wo mein Geist endlich einmal zur Ruhe kommen kann, kommt eine meiner wertvollsten Eigenschaften wieder zurück (also eine, die ich selbst am meisten an mir schätze), nämlich meine Kreativität. Kreativ war ich auch während diesen Jahres, keine Frage. Dennoch habe ich mich oft auf die kleinen Dinge beschränkt. Für große Sprünge war keine Kraft und Konzentration da.

Was ich darunter verstehe? Ich schreibe, übersetze und dichte seit vielen Jahren Lieder um. Für jedes Jahr habe ich mir vorgenommen, zumindest einen neuen Text zu schaffen. Dafür habe ich inzwischen Dateien und Papierhefter mit Notizen aller Art: Fragmenten, Ideen, Textzeilen, Reimen, Akkorden und sogar der Analyse der Originalstruktur eines Textes. Leider ging mir das schon einige Jahre nicht mehr leicht von der Hand; irgendwie hatte ich meistens eine geistige Blockade, die Inspiration kam einfach nicht mehr. Am besten ging es immer noch während Veranstaltungen (inklusive An- und Abreise), weil ich dann die richtige Stimmung hatte. Aber dieses Jahr war mit Treffen und Reisen ja nicht viel los…

Ich hatte mir vorgenommen, vor Ende des Jahres dennoch einen Text zuende zu bekommen. Das war eine der wenigen Sachen, die mir für dieses Jahr noch wichtig waren! Und was soll ich sagen? Plötzlich ging einiges wieder.

Seit 2001 bin ich Mitglied der Band „La Kuracistoj“, die „Die Ärzte“-Lieder auf Esperanto nachspielt. Das allererste Repertoire stammt nicht von mir; seit 2002 habe ich jedoch einige Übersetzungen beigetragen. Diese Liedertext-Übersetzungen stellten für mich – abgesehen von meinem eigenen Lied „Al la liberec'“ – immer die Krönung meines Schaffens dar.

In den letzten Tagen ist für mich ein kleines Wunder geschehen: Ich habe eine erste Fassung einer neuen Übersetzung fertigbekommen. Die Idee, genau dieses Lied zu übersetzen, hatte ich schon vor vielen Jahren – ich meine sogar, es sei eine meiner ersten Einfälle überhaupt gewesen. Dann war aber lange Schluss mit der Inspiration: Die Übersetzung lebte in Form von Notizen jahrelang in einem Schnellhefter, ohne dass mir zündende Ideen kamen. Ich habe zum Teil sogar mehrere Entwürfe für dieselben Abschnitte notiert, war dennoch nicht zufrieden. Und jetzt habe ich innerhalb weniger Tage alle ausstehenden Übersetzungsprobleme gelöst, ohne sogar in einer Esperanto-Umgebung zu sein! (Welches Lied ist es ist, verrate ich übrigens noch nicht – es muss immer noch das Korrekturlesen durch jemand anderen kommen und dann ein eventueller Feinschliff.)

Diese Kreativität, die Fähigkeit meines Hirns, so eine kreative Leistung zu vollbringen, ist für mich einer der eindeutigsten Hinweise darauf, dass es mir besser geht. Wunder über Wunder: Für ein anderes Lied sind mir ebenfalls bereits Zeilen eingefallen – ich hielt es zuvor für „schwer übersetzbar“. Mal sehen, was daraus wird!

Ich wollte bei der Gelegenheit endlich meine elektronischen Notizen aktualisieren und einmal nachlesen, wann ich denn das letzte Mal „Die Ärzte“ (zuende) übersetzt habe. Stellt sich raus: Sommer 2011. Neuneinhalb Jahre!

Das hat mir zu denken gegeben. Wenn ich wenige Pflichten habe, bekomme ich Sachen hin, die mir wichtig sind und bei denen ich den Teil meiner Persönlichkeit zeigen kann, die ich für am wertvollsten halte. Warum soll es denn nicht so weitergehen? Wenn ich mich freischaufele, kann das häufiger geschehen! Ich habe dieses Jahr besonders gespürt, dass die Zeit begrenzt ist und ich sie so gut wie möglich nutzen sollte. In diesem Sinne:

  • Es wird keine bessere Zeit kommen als heute.
  • Es wird keine günstigere Gelegenheit geben als die jetzt.
  • Ich kann niemals jemandem so wichtig sein wie ich mir selbst.

Um meine Kreativität so gut wie möglich zu fördern, möchte ich:

  • Alle Notizen zu einer Quelle zusammentragen. Ich bin es mir wert!
  • Alle anderen Aktivitäten (Rezensionen für andere…) ruhen lassen, bis ich meinen eigenen Kram sortiert habe.

Jahresendmüdigkeit

„Sometimes it seems that the going is just too rough /
And things go wrong no matter what I do /
Now and then I feel that life is just too much“
The Source featuring Candi Staton: You Got the Love

„Zerstöre nicht die Herzen anderer /
Erdulde keine Menschen, die Deines zerstören“
– Faktor 7 (featuring Manfred Lehmann) – Everybody’s Fee (to wear sunscreen) / Sonnenschutz

„What’s past is past / don’t turn around“
Phil Collins: Dance into the Light

Ich bin auf der Suche nach dem verlorenen Groove. Zwei Blogeinträge fassen jeweils alle Blogeinträge aus Q2/2020 und alle Blogeinträge aus Q3/2020 zusammen. Zuletzt habe ich gebloggt über Lieder, die mich durch die Nacht bringen, das neue Lebensjahr, vom Sinn des Staunens, was dieses Blog hier wird (und was nicht), die eigene Aufgabe zu erkennen, ein erstaunlich tiefgründiges Lied von Sasha, Glauben und Zweifel sowie darüber, wie der Groove zurückkam.

Der letzte Monat des Jahres hat begonnen. Ähnlich wie beim Herbstanfang überkommt mich regelmäßig eine besondere Stimmung, wenn sich das Ende des Jahres abzeichnet: Es geht in den Endspurt, Weihnachten und Silvester erfordern einige Vorbereitung, es ist noch so viel zu tun, und draußen ist es lange dunkel. Diese Mischung aus Hektik und wenig Energie drückt bei mir aufs Gemüt. Bei mir entsteht dann schnell das Gefühl, nicht genug hinzubekommen im Leben und mit all den Pflichten überfordert zu sein. Bei genauerem Nachdenken bin ich diesmal jedoch deutlich friedlicher und zufriedener geworden, denn mir sind folgende Punkte eingefallen:

  • Ich habe einiges geschafft.
  • Es ist normal, dass ich müde bin.
  • Es geht mir viel besser als vor einem Jahr.
  • Die Aussichten fürs nächste Jahr sind besser – schon für den Anfang.

Die gesundheitliche und mentale Talsohle ist wahrscheinlich längst durchschritten. Und im neuen Jahr wird vielleicht schon bald wieder Reisen möglich sein.

Für eine besssere Stimmung habe ich die eingangs erwähnten Liederzitate gesammelt. Ein weiteres ist mir noch in den Sinn gekommen:

„Do you believe in life after love?“
Cher: Believe

Auf das dazugehörige Album bin ich seinerzeit durch die wunderschöne Frau gestoßen. Es wurde damals die beste Zeit meines Lebens.

Das Feuer in meinem Herzen

„Backbeat / the word is on the street that the fire in your heart is out /
I’m sure you’ve heard it all before but you never really had a doubt“ – Oasis: Wonderwall

Ich bin auf der Suche nach dem verlorenen Groove. Zwei Blogeinträge fassen jeweils alle Blogeinträge aus Q2/2020 und alle Blogeinträge aus Q3/2020 zusammen. Zuletzt habe ich gebloggt über Lieder, die mich durch die Nacht bringen, das neue Lebensjahr, vom Sinn des Staunens, was dieses Blog hier wird (und was nicht), die eigene Aufgabe zu erkennen, ein erstaunlich tiefgründiges Lied von Sasha sowie über Glauben und Zweifel.

Letzten Freitag ist etwas Bedeutendes passiert: Ich habe für ein paar Minuten den Groove wieder gehabt!

Ich bin immer noch erstaunt, wie er auf einmal wieder da war, und habe darüber nachgedacht, wie das zustande kam. Es waren sicherlich nicht besonders vorteilhafte Umstände nötig, denn es war früher Abend, ich war bereits etwas müde und hatte vorher sogar etwas schlechte Laune.

Die Situation: Ich war auf einer Internet-Veranstaltung, jemand stellte eine Frage, und ich beantwortete sie mit einer Vision von einer aufregenden Zukunft (denn das war der Frage angemessen). Ich spürte, wie mich das tief berührte, wie ich ganz bei mir war. Die anderen Teilnehmer reagierten begeistert, kommentierten meine Antwort mit „wie poetisch“ und applaudierten.

Der Groove, lange Zeit verschüttet und verborgen, war plötzlich wieder da. Er war die ganze Zeit in mir; alles, was es brauchte, war eine Gelegenheit, bei der ich es passend fand, mit Begeisterung und voller Leidenschaft von etwas zu sprechen.

Bei anderer Gelegenheit hat mir ein Bekannter vorgeschlagen, meine Queste anders zu benennen, und zwar „Auf der Suche nach dem nicht verlorenen Groove“. Ich fand das „verloren“ nicht negativ – es bedeutet ja, etwas einmal gehabt zu haben, und was man einmal erlebt hat, ist sicher kein Traum. Dennoch nahm ich die Anregung auf und kam auf eine eigene Variation: „Auf der Suche nach dem verborgenen Groove“!

Und tatsächlich kann ich eine meiner tiefsten Ängste benennen, die das Gegenteil vom Groove ist. Sie kommt zum Ausdruck im Eingangszitat von Oasis und auch in einer Beerdigungsrede bei Game of Thrones, in der es heißt, jemand sei ein Drache gewesen, doch nun sei sein Feuer erloschen. Ich bin im Jahr des Drachen geboren. Die Vorstellung, mein eigenes Feuer sei erloschen, hat mich immer besonders erschreckt.

Seit letzter Woche weiß ich: Ich kann den Groove sogar inmitten einer schweren Zeit und einer persönlichen Krise haben. Es braucht nur eine Situation, in der ich mit Hingabe und mit vollem Gefühl bei der Sache sein kann.

Ryan Adams: Wonderwall

Wie das Leben so spielt… ich habe erst dieses Jahr Ryan Adams‘ Version von „Wonderwall“ entdeckt und mochte sie auf Anhieb. „Wonderwall“ ist ein klassisches Lied aus meinen besten Zeiten. Es ist unkaputtbar und muss nicht aufgehübscht werden. Auch diese neue Version hat jedoch ihren Reiz. Sie stellt einen anderen Weg dar, dem Lied etwas abzugewinnen. Dass ich mich für eine Coverversion begeistern kann, wenn ich das Original so liebe, ist ungewöhnlich – und es freut mich sehr, dass ich mich noch selbst überraschen kann!

Das Leben danach

„It is possible to commit no mistakes and still lose. That is not a weakness, that is life.“
Jean-Luc Picard

Ich bin auf der Suche nach dem verlorenen Groove. Zwei Blogeinträge fassen jeweils alle Blogeinträge aus Q2/2020 und alle Blogeinträge aus Q3/2020 zusammen. Zuletzt habe ich gebloggt über Lieder, die mich durch die Nacht bringen, das neue Lebensjahr, vom Sinn des Staunens, was dieses Blog hier wird (und was nicht) sowie darüber, die eigene Aufgabe zu erkennen.

Das Leben hält doch noch positive Überraschungen bereit. Popsänger Sasha aus Soest, seit den späten 90ern mit radiokompatibler Popmusik unterwegs, hat 2018 ein Album ganz auf Deutsch herausgebraucht. Ich hatte das gar nicht mitbekommen und bin nur zufällig darauf gestoßen, als ich zuletzt seine „Schrott-Songs“ gesehen und gehört habe (Teil 1, Teil 2, Interview danach). So kann’s kommen: Ein alberner Streich mit der versteckten Kamera führt einen zu Liedern mit Tiefgang:

Sasha: „Leben danach“

Das spricht mir aus der Seele. Ich hätte nicht gedacht, dass jemand so stilvoll über diese Situation singen kann. Drei besonders gelungene Lieblingstextzeilen:

  • „Du hast gedacht, Du wärst längst angekommen“
  • „So viele Jahre und Erinnerungen löscht man nicht mal so eben“
  • „Nachts liegst Du wach, hängst Euren Träumen nach / Dein Herz macht Überstunden“

Aber besonders berührt mich der Übergang: „wenn mit nem lauten Knall alle Türen zufallen / werden neue aufgehen, Du musst nur noch rausgehen“. Vor zehn Jahren, während meiner letzten großen Krise, hatte mir eine Freundin geschrieben: „Für jede Tür, die sich schließt, öffnet sich eine andere.“ Ich konnte das damals nicht gut annehmen – ich sah keine neuen Möglichkeiten. Ich habe damals tatsächlich sehr lange gebraucht, um wieder hochzukommen – mehrere Jahre. Heute sehe ich das anders: Da ist tatsächlich etwas dran, und ich habe mir im letzten halben Jahr einige neue Chancen erkämpft.

Dass ein eigentlich leicht beschwingter Sänger einen richtig tiefsinnigen Text darbieten kann, war mir schon vorher bekannt. Peter Maria (der Mann hinter „Tony Mono“) hat vor einigen Jahren ein ernstes Album aufgenommen. Da heißt es etwa:

„Ich will, dass sich der Himmel verdunkelt, wenn dieses Schiff hier auf Grund geht
(…) wenn dieses Bild wirklich entzwei ist, dass wirklich alles vorbei ist“

Peter Maria: „Wenn Du gehst, nimm mich mit“

Ich hatte immer den Eindruck, dass man als Mann mit Problemen eine lächerliche Figur abgibt, die auch noch zum Ziel von Hohn und Spott wird. Sasha und Peter Maria haben das hingegen umgedreht und aus Liebesleid ein paar tolle Lieder gemacht. Das ist eine Möglichkeit, den Groove wiederzufinden!

Vom Sinn des Staunens

Ich bin auf der Suche nach dem verlorenen Groove. Zwei Blogeinträge fassen jeweils alle Blogeinträge aus Q2/2020 und alle Blogeinträge aus Q3/2020 zusammen. Zuletzt habe ich gebloggt über Lieder, die mich durch die Nacht bringen sowie das neue Lebensjahr.

Was ich im letzten Eintrag als Ausblick beschrieben habe, hat mich auf das Thema des heutigen Blogeintrags gebracht. Schon vorher hatte ich über den Sinn von Gefühlen geschrieben über das Weinen wie den Zorn (sogar zweimal!). Heute möchte ich mich dem Staunen widmen, einer weiteren Grundemotion.

Der Kaiser Friedrich II. bekam den Beinamen stupor mundi – „das Staunen der Welt“. Er verfasste ein Buch über die Falkenjagd und scheute sich nicht davor, zur Zeit der Kreuzzüge auch von muslimischen Quellen und Gelehrten zu lernen. Die Folge der ZDF-Serie „Die Deutschen“ mag ein wenig plakativ daherkommen mit ihren gespielten Szenen – den interessanten Teil von Friedrichs Persönlichkeit schafft sie dennoch herüberzubringen, so dass sie mir auch Jahre nach ihrer Erstausstrahlung noch im Gedächtnis geblieben ist.

Die Deutschen: Friedrich II. und der Kreuzzug

Zuletzt habe ich gestaunt über die Serie „Journey Quest“ (von denselben Leuten, die schon „Gamers“ und „Gamers: Dorkness Rising“ gemacht haben). Ich finde die Schauspieler sympathisch und sehr natürlich, der Plot und die Charaktere interessieren mich – und nicht zuletzt bin ich immer beeindruckt davon, was mit einem kleinen Budget auf die Beine gestellt werden konnte. Die Titelmusik hat es mir ebenfalls angetan (so wie die fröhliche orkische Musik am Ende der 2. Staffel):

Steve Wolbrecht: Journey Quest Perf Runs/Opening Title

Dieses Staunen ist eng verbunden mit Freude – über die Welt an sich, über das, was möglich ist, über das überrascht werden und überrascht werden können. Aber auch darüber, dass bestehende Grenzen überwunden wurden, dass etwas Großartiges möglich war, dass Ideen frei fließen konnten. Dieses Element des Grenzenüberwindens ist etwas, das ich an Fantasy so attraktiv finde. Fantasy ist eng verbunden mit dem Erzählen von Geschichten – einer der ältesten menschlichen Traditionen. Wenn das Unfug wäre, wäre es längst ausgestorben. Im Gegenteil, hier wird eines unserer menschlichen Bedürfnisse erfüllt. Bei Fantasy geht es nicht um die Flucht aus dem Alltag oder eigenen Leben (Eskapismus), sondern das zusätzliche Leben, das lebendig sein unter ganz anderen Umständen, das sich erleben in einem anderen Kontext.

Darum ist Staunen so wichtig: Es ist das Gegenteil von Routine und Pflicht. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, aber ab und zu muss er träumen – ich zumindest. Staunen, mit offenem Mund und großen Augen, ist ein wenig wie nach wie vor Kind sein – die Größe der Welt entdecken. Für diese Lebensfreude hatte ich schon einmal einen anderen Ausdruck – Zukunftslust. Die Offenheit, die mit Staunen verbunden ist und wichtige Voraussetzung für Kreativität ist, bekomme ich sehr leicht durch Fantasy. Zwei Beispiele, die bei mir immer wieder funktionieren:

Zum einen die Nordlandtrilogie. Im ersten Teil gibt es ein Gesicht (wird z.B. für einen Händler verwendet), das ich immer als staunend gedeutet habe und das bei mir selbst immer wieder Staunen hervorruft. Im zweiten Teil spricht man mit Einwohnern verschiedener Orte und erfährt von einem Bündnis zwischen Elfen und Zwergen vor langer Zeit, eine Händlerin kommt aufgeregt auf einen zugelaufen und verkauft einem ein Amulett… diese vielen möglichen Erlebnisse selbst in einem kleinen Ort bringen mich zum Staunen. Das Erkunden einer Welt mit ihren vielen liebevollen Details ist ein Grund, warum alle drei Teile zu meinen liebsten Computerspielen zählen.

Zum anderen James Horners Soundtrack zum Film „Willow“. Gerade der Chor, den man zum ersten Mal hört, wenn man von der Prophezeihung liest, hat für mich immer etwas Mystisches. Das Musikstück „Elora Danan“ ist auch deswegen interessant, weil es durch so viele verschiedenen Stimmungen geht. (Zur Unterhaltung: Man beachte im folgenden Video die Frau im Chor mit den Elfenohren!)

The Danish National Symphony Orchestra: Willow – Elora Danan’s Birth (Live)

Ein Element, das im Film Willow eine große Rolle spielt und das an das anknüpft, das ich letzte Woche noch geschrieben habe: Nicht alles läßt sich vorhersehen. Das Gute, das uns geschehen kann, wird nicht alleine durch unsere Taten bestimmt oder das, was wir jetzt gerade sind.

Ich bring‘ Dich durch die Nacht

Ich bin auf der Suche nach dem verlorenen Groove. Zwei Blogeinträge fassen jeweils alle Blogeinträge aus Q2/2020 und alle Blogeinträge aus Q3/2020 zusammen.

Zu dem Lied „The Dawn Will Come“ und meinen Gedanken dazu gab es noch eine schöne Rückmeldung:

Reinhard Mey, dessen Lied „So viele Sommer“ ich dieses Jahr zu spielen und singen gelernt habe, hat ebenfalls ein Stück zum selben Thema anzubieten:

Reinhard Mey: Ich bring‘ Dich durch die Nacht

Die letzte Woche hat mir noch einmal einiges an Energie abverlangt. Umso wichtiger ist es, Dinge zu finden, aus denen man wieder neue Kraft schöpfen kann!

Deswegen folgen noch vier weitere Versionen von „The Dawn Will Come“, die es mir angetan haben.

Die erste finde ich sehr zart arrangiert, die zweite hat mich besonders ergriffen, die dritte hat ein ein besonders schönes begleitendes Video. Da der Text sehr wichtig ist, habe ich die Instrumentalversionen weitestgehend außen vor gelassen – aber Lindsey Stirling ist mit ihrer Darbietung und ihrem Video wieder einmal eine Klasse für sich. Daher ist dies die vierte Version meiner heutigen Auswahl.

Malukah

Folkore Guild

Igromanija

Lindsey Stirling

Mag‘ die Nacht auch lang noch sein…

Morgen ist es ein halbes Jahr her, dass ich begonnen habe, mich auf die Suche nach dem verlorenen Groove zu machen. In einem Blogeintrag hatte ich den Hintergrund mit Verweisen auf alle Blogeinträge aus Q2/2020 zusammengefasst.

Was habe ich in dem nun endenden Quartal erlebt und gelernt?

Ich habe den Sinn des Zorn erkannt. Angestoßen durch die unbezähmbare Wut, die sich in mir angestaut hatte, habe endlich für Veränderung gesorgt.

Ich habe auf die Zeit vor fünf bzw. zehn Jahren und Gemeinsamkeiten wie Unterschiede mit meiner heutigen Situation zurückgeblickt – und was ich damals schon begriffen, aber zwischenzeitlich wieder verdrängt hatte. Dazu gesellten sich drei wertvolle Einsichten ebenso wie die Erkenntnis, dass das Leben keinen Sinn haben muss.

Ich sehne mich nach einem Leben in Würde. Dazu gehört, Verletzbarkeit zu zeigen gegenüber den Menschen, denen ich vertraue.

Einer meiner musikalischen Höhepunkte des Sommers war meine Darbietung des Liedes „So viele Sommer„. Kreativität ist einer der wenigen Bereiche meines Lebens, der derzeit nicht brachliegt und in dem ich ganz bei mir selbst bin.

Solche kleinen Erfolge hatte ich auch bitter nötig, denn die große Müdigkeit war allzu oft präsent. Mein oberstes Ziel wird darin bestehen, mich selbst zu retten. Trotz allem habe ich einige Erwartungen an die Zukunft formulieren können.

Passend dazu wurde mir heute ein Lied empfohlen:

Dragon Age Inquisition: „The Dawn Will Come“

Wie heißt es in dem Lied: Die Nacht ist lang und der Weg ist dunkel. Ich musste sofort an „Die Nacht ist vorgedrungen“ denken und reagierte auch genauso: Ich war so gerührt, dass mir die Tränen kamen.

Dieses Lied drückt etwas aus, was ich derzeit fühle – und etwas, das ich brauche. Sehr schön kommt das in folgender Version zum Ausdruck:

Peter Hollens‘ virtueller Chor mit mehr als 500 Leuten

Ja, jetzt sind wir vielleicht in finsterer Nacht. Aber diese Zeit wird nicht für ewig bleiben.

Ich musste an Enyas Lieder aus dem ersten Teil der „Herr der Ringe“-Trilogie denken. Am Ende eines Filmes, der mit bedrückender Stimmung endet, drückt sie in „May It Be“ doch ein Fünkchen Hoffnung aus – auch wenn der Weg noch lang ist. Und in Aníron heißt es sogar übersetzt: „Siehe! Ein Stern erhebt sich aus der Dunkelheit“.

Das ist für mich der entscheidende Unterschied zu „Game of Thrones“, auch wenn beides hochkarätige Fantasy-Produktionen sind. Dort heißt es schlicht „Die Nacht ist dunkel und voller Schatten.“ Eine fesselnde Serie, aber mit überaus düsterer Grundstimmung.

Ich brauche etwas anderes. Wie ich zu Beginn meiner Suche sagte: „We shall see the Shire again!“

Oder wie mir heute jemand schrieb: Jede Reise beginnt mit einem Schritt.

Ich habe für mich eingesehen, dass es keinen Sinn hat, den starken Kerl zu spielen. Ich habe mir sowohl Unterstützung bei meinen Freunden als auch professionelle Hilfe geholt. Am Anfang überwog noch ein Gefühl aus Scham und Schuld, „es nicht alleine geschafft zu haben“, „nicht stark genug gewesen zu sein“ oder gar „die eigene Rolle nicht richtig erfüllt zu haben“. Aber all das ist Unsinn. Die Friedhöfe sind voll von Leuten, die unbedingt alleine stark sein wollten. Die meisten hätten viel länger unter uns bleiben können. Den Tod wird es nicht kümmern, ob wir „uns selbst optimiert“ und unser Leben „höchst effizient“ gelebt haben.

Es ist eine Illusion zu glauben, im Meer des Lebens gäbe es Gewässer ohne Gefahren, man müsse sich nur richtig anstrengen, um sie zu finden. Es ist umgekehrt: Man hat immer noch dort die besten Chancen, wo man die tückischen Strömungen und die Riffe knapp unter Oberfläche kennt.

Ich habe für mich erkannt, dass Verletzbarkeit ein ganz entscheidender Teil meines Menschseins ist. Wer damit nicht zurechtkommt, mit dem sollte ich auch nichts weiter zu tun haben, denn es wäre ein toxisches Verhältnis, das mich nur auslaugen würde.

Ich kann „den harten Krieger“ nicht auf eine Weise verkörpern, die auf Dauer für mich gesund wäre. Und selbst wenn ich es könnte: Ich habe schlicht keine Lust mehr darauf, denn ich finde das unglaublich langweilig.

Ich bin inzwischen fest davon überzeugt, dass es zum Mannsein gehört, seinen eigenen Weg zu gehen und einen persönlichen Umgang mit allen Gefühlen zu finden – und nicht nur denen, die in der jeweiligen Situation gefordert oder von anderen zugestanden werden.

Sich in allen Facetten zu schätzen, auch denen, die nicht gerade angesagt sind – das ist die wahre Panzerung, der echte Schutz gegen jeden Sturm, der da draußen im Leben toben sollte. Das sei mein Leitmotiv für die Monate, die da kommen werden. Jede Reise beginnt mit einem Schritt.