Amsterdam – Frankfurt – Paris

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Ich bin auf der Suche nach dem verlorenen Groove. Acht Blogeinträge fassen jeweils alle Blogeinträge aus einem Quartal zusammen: Q2/2020 / Q3/2020 / Q4/2020 / Q1/2021 Q2/2021 / Q3/2021 / Q4/2021 / Q1/2022 Zuletzt habe ich darüber gebloggt, wie der … Weiterlesen

Bis ans Meer und zum Flughafen

„Und dann beim ersten Mal / Als wir am Meer waren /
War es kalt und neblig / doch das störte nicht“
– Klee: Tausendfach

Ich bin auf der Suche nach dem verlorenen Groove. Acht Blogeinträge fassen jeweils alle Blogeinträge aus einem Quartal zusammen:

Zuletzt habe ich darüber gebloggt, wie der Groove nach zwei Jahren zurückkam, Selbstliebe statt Angst, wie ich Ostern nicht alleine war sowie einen zweiten Lernerfolg in diesem Jahr.

Am Sonntag war der 1. Mai und damit der erste Tag meiner neuen Stelle. Irgendwo in meinem Unterbewusstsein fühlte ich wohl die Angst, gefangen in den Umständen zu sein und nicht mehr ausbrechen zu können. Jedenfalls bekam ich eine große Lust, eine Fahrradtour zu machen. Es war hervorragendes Wetter – sonnig und nicht windig.

Da dachte ich an eine Idee, die ich schon vor Monaten vorgehabt hatte, als ich einmal auf die Karte der Niederlande geguckt hatte: Ich wohne etwa 17 km vom Meer entfernt. Warum war ich eigentlich in über sechseinhalb Jahren noch nie mit dem Fahrrad bis ans Meer gefahren? Ich hatte mir diesen verrückten Traum im Hinterkopf gespeichert, aber nie konkret in Angriff genommen. Das Wetter war zu schlecht, es war draußen zu früh dunkel, mein Fahrrad war nicht in Schuss, ich war immer so müde… aber jetzt war das Wetter gut, es blieb draußen lange genug hell, mein Fahrrad war in Ordnung und ich war wieder einigermaßen fit.

Es könnte natürlich viel passieren. Ich könnte einen Platten haben und mitten unterwegs gestrandet sein. Oder plötzlich kommt ein Platzregen und ich bin falsch angezogen (schon erlebt!). Oder ich verfahre mich total.

Aber dann musste ich auch an Christo Foerster und seine Abenteuer denken. Wenn nichts schiefgehen kann, ist die Erfahrung nichts wert! Die Möglichkeit zu scheitern ist Grundvoraussetzung dafür, dass etwas als bereichernd empfunden wird.

Also machte ich mich auf den Weg. Zuerst bis zur Eisdiele, die ich noch eine Woche vorher mit dem Rad besucht hatte. Das fühlte sich allerhöchstens wie ein Aufwärmen an. Ein sehr verheißungsvolles Zeichen! Dann ging es weiter, ich verfuhr mich kurz und entdeckte dadurch einen schönen Radweg. Schließlich sah ich zwar Dünen, aber irgendwie stimmte die Richtung nicht. Ich schien mich verfranzt zu haben. Ich wollte schon umkehren, guckte dann aber noch einmal auf die Karte. Ich war schon ganz nahe!

Und dann, als ich mich dem Fahrrad plötzlich das Meer sah, da war es wie eine Mischung aus dem Lied „Tausendfach“ von Klee und dem Film „Knockin‘ On Heaven’s Door„. Ich sah das Meer, als ob es das erste Mal wäre. Als ob ich gerade eine Filmszene sah, die durch einen Filter geschickt wurde und nebenbei romantische Musik ertönte.

Digital Elvis & Zero – Theme For Elvis Instrumental

Kurioserweise kamen gleichzeitig alte Erinnerungen hoch – Phantomschmerzen aus der Zeit, als ich das letzte Mal am Meer war und der Zeit davor, aus der die Fotos auf dem alten Laptop stammten.

Und gleichzeitig war es so, als würde das Meer mich freundlich fragen: „Warum kommst Du erst jetzt? Du hättest mich viel früher besuchen können. Das war doch ganz leicht für Dich.“

Mich überkam eine ganz merkwürdige, leichte Stimmung. Ich fühlte mich wie auf meinem Jugendstil-Rundgang im Kreuzviertel in Münster zu Beginn meiner Auszeit. Aber diesmal war keine Traurigkeit oder Bitterkeit dabei. Ich konnte den leichten Wind genießen, die Musik aus den Restaurants in der Nähe sowie alles, was ich sah. Ich musste nicht einmal schnell ein Ziel erreichen, etwas tun, nützlich sein. Ich konnte in dem Moment leben. Das war ein Teil des Grooves!

Ich hatte eine alte Schranke durchbrochen, die mich von nun an nie mehr zurückhalten musste. 17 Kilometer ans Meer? Kein Problem! Auf dem Rückweg wurde ich sogar übermütig: Warum nicht – wie einige Male in den letzten zweieinhalb Jahren – eine Radtour zum Flughafen Schiphol? Dann wären es rund 50 km an einem Tag. Ich könnte ja immer noch vorher umdrehen, wenn es zuviel würde.

Aber es wurde nicht zuviel. Mir tat nichts weh, ich wurde nicht müde, ich fühlte mich so kräftig und fit wie seit Jahren nicht mehr. Als ich am Flughafen stand, da war ich glücklich, denn ich hatte mir eines selbst gezeigt: Ich brauche keine Angst zu haben, dass ich hier gebunden bin durch die Umstände. Wenn ich nicht mehr will, kann ich einfach aus allem ausbrechen. Ich schaffe es aus eigener Kraft ans Meer und bis zum Flughafen.

Das war genau das richtige, das ich machen musste vor meinem ersten Arbeitstag. Ich habe dazu noch eine weitere Antwort gefunden auf die Frage nach Angst, die mich begrenzt: „Was wäre möglich, wenn Du diese Angst nicht hättest?“

Ich hätte keine Angst, einen Teil dessen zu verlieren, der ich einst war, und wäre nicht darüber besorgt, wer ich jetzt nicht bin, und einzig aufgeregt und neugierig darauf, wer ich werden kann.

Ostern – nicht alleine

Ich bin auf der Suche nach dem verlorenen Groove. Acht Blogeinträge fassen jeweils alle Blogeinträge aus einem Quartal zusammen:

Zuletzt habe ich darüber gebloggt, wie der Groove nach zwei Jahren zurückkam sowie Selbstliebe statt Angst.

Was für ein Unterschied: Während ich letztes Jahr Ostern alleine war, konnte ich diesmal wie selbstverständlich nach Deuschland reisen. Dort habe ich:

  • gemeinsam das Ende der Fastenzeit gefeiert – und als erste Süßigkeit Schokolade aus der Ukraine genossen
  • die große Familie wiedergesehen
  • Kaffee und Kuchen genossen
  • ein ernstes Gespräch bei einem Spaziergang geführt

Was hat mir das alles gut getan! Wann habe ich zuletzt ein so unbeschwertes Osterfest erlebt? Vor fünf Jahren? Oder sogar noch früher?

Nebenbei bin ich noch vier Bücher losgeworden. Gleichzeitig habe ich fast einen Koffer voller Bücher von Nordwalde nach Hoofddorp mitgenommen. Die Operation Augias geht weiter!

Krieg in der Ukraine

Ich bin auf der Suche nach dem verlorenen Groove. Sieben Blogeinträge fassen jeweils alle Blogeinträge aus einem Quartal zusammen:

Zuletzt habe ich darüber gebloggt, wie das neue Jahr mit einem Traum begann, Zuversicht im neuen Jahr, die schöpferische Kraft der Zerstörung, Platz für Veränderung, wie ich den Träumen treu blieb, ein Wochenende wie früher, wie ich zwei Schritter weiter kam sowie falsche Scham.

Seit letztem Donnerstag ist die Welt eine andere. Es gibt kein anderes Thema, dass so dringend oder wichtig wäre, um darüber zu bloggen.

Im Krieg enden alle Regeln der Zivilisation.

Es gibt mindestens drei Optionen für Länder, die nicht im Krieg sind:

  1. Luftraum schließen
  2. Flüchtlinge aufnehmen
  3. Zahlungsströme abstellen

Für Personen gibt es mindestens zwei offensichtliche Möglichkeiten:

  1. Geld spenden – eine Liste von Organisationen
  2. Klar sagen, was man von seiner Regierung will

Natürlich kostet das Geld. Dann ist das eben so.

Das klingt vielleicht dramatisch und irrational. Das ist nicht im Vergleich zu Krieg. Krieg ist das absolute Böse.

Ich habe bislang 300 Euro an verschiedene Hilfsorganisationen gespendet und die Ukrainer in meinem Freundeskreis und beruflichen Netzwerk gefragt, wie ich ihnen helfen kann. Ich kann von Glück sagen, dass ich zufällig die deutsche Staatsangehörigkeit habe und in den Niederlanden lebe. Als ukrainischer Mann in der Ukraine wäre es mir verboten, vor dem Krieg zu fliehen.

Das Foto in diesem Eintrag habe ich im Sommer 2011 gemacht, als ich Gast in der Ukraine war anlässlich des Esperanto-Jugendweltkongresses in Kiew. (Ich hatte diesen für mich ganz besonderen Sommer bisher nur mehrmals am Rande erwähnt.) Natürlich habe ich viel schönere Bilder und Erinnerungen an diesen Urlaub. Diesmal geht’s um die Farben.

Ein Wochenende wie früher

Ich bin auf der Suche nach dem verlorenen Groove. Sieben Blogeinträge fassen jeweils alle Blogeinträge aus einem Quartal zusammen:

Zuletzt habe ich darüber gebloggt, wie das neue Jahr mit einem Traum begann, Zuversicht im neuen Jahr, die schöpferische Kraft der Zerstörung, Platz für Veränderung sowie wie ich den Träumen treu blieb.

Letztes Wochenende habe ich mich mit Freunden getroffen. Es ging – wie zuletzt vor zwei Jahren – in die Ferienwohnung Burgblick in Jesberg in Hessen. Über die Wochenenden dort 2014 und 2015, kurz nach Beginn bzw. Ende meiner Auszeit, hatte ich seinerzeit gebloggt.

So wie das wunderbare Wochenende Ende Oktober letzten Jahres schien ein Zauber auf diesem Wochenende zu liegen. Alles wirkte so normal! Es war so angenehm und entspannend!

Was habe ich diese Gelegenheiten vermisst, in denen das Leben so einfach schien, in denen weder der Kopf noch das Herz schwer waren. Was habe ich mich wieder wohl gefühlt in meiner Haut. Was war es schön, so viele Sinneseindrücke zu sammeln und sich ganz auf den Moment und die Situation einlassen zu können.

Nebenbei haben wir eine Menge Ideen für Kreativität ausgetauscht. Das hat mich sehr beflügelt.

Den Freitag hatte ich mir für die Anreise frei genommen. Das war mein erster Urlaubstag seit Anfang Januar. Ich möchte, dass ihm bald weitere folgen können!

Zuversicht im neuen Jahr

Ich bin auf der Suche nach dem verlorenen Groove. Sieben Blogeinträge fassen jeweils alle Blogeinträge aus einem Quartal zusammen:

Zuletzt habe ich darüber gebloggt, wie das neue Jahr mit einem Traum begann.

Es gibt weitere Anzeichen dafür, dass dieses Jahr besser wird als das letzte. 2021 war es bereits toll, dass ich vor Ablauf des ersten Halbjahres meine zweite Impfung bekam. Meine nun fällige Auffrischungsimpfung habe ich hingegen bereits hinter mir! Und das kam so:

Auch während meiner Zeit in Nordwalde verfolgte ich die niederländischen Nachrichten. Nach und nach durften sich die Jahrgänge Termine zur 3. Impfung holen. Am 27.12. las ich spätabends, dass im Stadion von Twente Enschede solche Impfungen verabreicht würden – man brauche nur einen Termin. Die entscheidende Nachricht für meinen Jahrgang war sogar noch im Verlauf des 26.12. eingegangen. Klare Sache, her mit dem nächsten Termin! Ich bekam einen für den 3. Januar nachmittags. Zum Vergleich: Von Hoofddorp aus wäre der nächste Termin erst am 17. Januar gewesen.

So fuhr ich mit der Bahn mal eben über die Grenze: Die Grolsche Veste liegt praktischerweise direkt neben dem Bahnhof Enschede Kennispark nur einen Halt hinter Enschede Hauptbahnhof. Damit ist eine wichtige Bedingung für meinen Wunsch, in diesem Jahr wieder mehr zu reisen, bereits erfüllt.

Zweitens bin ich vor dem Jahresende noch 9 Bücher losgeworden – der nächste größere Schub seit den 18 im August. Damit sind nicht automatisch weniger Bücher in meiner Sammlung, denn ich bekam einige zu Weihnachten und kaufte mir drei gebrauchte, die seit 2011 (!) auf meiner Wunschliste bei Bookcrossing waren. Es war Zeit, endlich eine Entscheidung zu treffen, und mein Wunsch, bestimmte Serien zu vervollständigen, war nach wie vor vorhanden. Ich werte das als wichtiges Signal, dass ich wieder mehr auf meine eigenen Wünsche und Bedürfnisse achte.

Und schließlich habe ich heute meinen Lebenslauf aktualisiert. Ich hatte das seit Monaten auf dem Zettel und konnte mich nie richtig aufraffen. Jetzt habe ich das innerhalb eines Tages erledigt und sogar 4 Iterationen geschafft.

Scrum, für das ich mich bekanntlich sehr interessiere, kennt fünf Werte: Respekt, Fokus, Engagement, Offenheit und Mut. (Beim Agile Learning Lab Berlin wird statt letzterem „Zuversicht“ verwendet.)

Ich hatte gegen Ende des Jahres erlebt, wieviel ich schaffe, wenn ich fokussiert bin, und will das unbedingt im neuen Jahr fortsetzen. Die Selbstvernachlässigung war das Gegenteil von Fokus: Ich ließ es zu, dass mich andere fremdbestimmten und immer in andere Richtungen zogen.

Ich bin nicht sehr respektvoll mit mir selbst umgegangen. Das ist eine traurige Erkenntnis, die mir aber jetzt, wo ich sie niederschreibe, nicht mehr wehtut. Stattdessen wird es darauf ankommen, mich daran zu erinnern, während das noch neue Jahr langsam fortschreitet. Mir selbst gegenüber den nötigen Respekt aufzubringen und deswegen den Fokus aufrechtzuerhalten – das ist eine weitere gute Leitidee für dieses Jahr.

Absage mit Ansage

„Through our entire existence we seek purpose. (…) It’s ok to feel lonely in the moments when nobody is around and it’s ok to be sad and frustrated when the path to the dreams seems to be lost. (…) Never give up on yourself and your dreams.“ – ALPHA 9: The Purpose Is You

„There is always a purpose: the person that you see in the mirror.” – ARTY aka ALPHA 9.

Ich bin auf der Suche nach dem verlorenen Groove. Sechs Blogeinträge fassen jeweils alle Blogeinträge aus einem Quartal zusammen:

Zuletzt habe ich darüber gebloggt, dass sich niemand wegwerfen muss, wie mein Geburtstag besser war als der ein Jahr zuvor, dass ich ganz im hier und jetzt sein will, ein wunderbares Wochenende sowie ASMR.

Es sieht ganz danach aus, als würde sich meine Sehnsucht, in diesem Jahr endlich ein neues Land zu sehen, nicht erfüllen. Ich habe für nächste Woche einen Urlaub abgesagt (zum Glück war noch nichts gebucht!), weil ich dann die Grippeschutzimpfung bekomme. Die möchte ich auf keinen Fall verpassen, denn die nächsten Monate werden hart. Auch eine für letztes Wochenende geplante Fahrt nach Nordwalde musste ich in letzter Minute absagen – Störung durch eine Baustelle auf der Strecke, Ende unbekannt. Umso wichtiger, im Oktober das tolle Wochenende mit Freunden erlebt zu haben! Davon zehre ich noch immer.

Ich brauche nicht streng mit mir selbst sein, dass ich nicht um jeden Preis genau jetzt eine Woche Urlaub mache, nur um auf Biegen und Brechen mein Ziel zu erreichen. Es war nicht abzusehen, wie turbulent und kompliziert dieses Jahr auch in der zweiten Jahreshälfte noch werden würde. Ich habe ein gutes Gewissen, weil ich weiß, dass ich die richtigen Prioritäten gesetzt habe.

Ich habe mir stattdessen Ende Oktober auf einer Feier bei der Arbeit – die erste seit fast zwei Jahren und wahrscheinlich die letzte für einige Monate – einige Ideen für eine zukünftige Reise geholt. Das zeigt mir, dass ich meine Ziele nicht mehr aus den Augen verliere, egal, was gerade passiert.

Mir kommt es in dieser Zeit sehr gelegen, einen weiteren musikalischen Lichtstrahl zu erfahren: Nach dem Lied „Du kannst es spüren“ und dem Debütalbum von Leaving Laurel ist mir ein weiteres elektronisches Lied aufgefallen – diesmal als Teil von Above & Beyond – Group Therapy 457 (ABGT).

Der russische Künstler Artem Stolyarov alis Arty sagt selbst über dieses neue Stück, dass es sehr persönlich ist, dass er es in einer sehr schweren Zeit konzipiert hat, dass er unter anderem mit Depressionen kämpfte. Ein weiteres Mal wird elektronische Musik mit geistiger Gesundheit verknüpft – beeindruckend!

Was für eine großartige Ansage am Ende. Das hilft mir sehr, über meine eigenen Absagen hinwegzukommen.

ALPHA 9: The Purpose Is You

Auch Wut braucht ihren Platz

Ich bin auf der Suche nach dem verlorenen Groove. Fünf Blogeinträge fassen jeweils alle Blogeinträge aus einem Quartal zusammen:

Zuletzt habe ich hoffnungsvoll über die bessere Jahreshälfte gebloggt sowie darüber, endlich wieder unterwegs zu sein, meine besten Freunde wiederzusehen, Jahrestage und Phantomschmerzen, was ich bin und was nicht, wie die Energie langsam zurückkommt, die Fragen, wo ich hingehe und ab wann es schiefging in meinem Leben, Jahre, die zu mir sprechen, Platz für Verletztheit sowie Lei{d|t}motive.

Am Wochenende war ich wieder in Nordwalde bei einer Familienfeier. Es tat sehr gut, all die Leute wiederzusehen. In den Tagen um dieses Wochenende ist mir eines an mir aufgefallen (diesmal auch vorher): In mir wohnt nach wie vor sehr viel Wut. Es war kein Zufall, dass ich vor einem Jahr ebenfalls nach einer Familienfeier über unbezähmbare Wut gebloggt habe. Denn all diese netten Menschen zu sehen, die Normalität von einem guten Zusammenleben, von einfach so akzeptiert zu werden, das hat mir vor Augen geführt, was für ein krankmachendes Leben ich in den letzten Jahren geführt habe und wie schlecht ich mich habe behandeln lassen. Erst, wenn man zurück in die Wärme geht, merkt man, wie kalt es vorher gewesen ist.

Ich hatte davor schon einmal über den Sinn des Zorns geschrieben und ich habe ein Jahr später auch eine neue Einstellung zur Wut. Sie ist nicht mehr eine gefährliche Kraft, die mich zu übermannen droht. Sie ist sogar ein wichtiger Bestandteil eines richtiges Lebens. Zu einem Regenbogen gehören auch die dunklen Farben, sonst ist er nicht vollständig. So ist es auch mit den Gefühlen. Nichts ist so unsicher und schädlich als nur einen Teil seiner Gefühle zulassen zu dürfen.

Das ich diese Wut endlich spüren kann, ohne dass sie plötzlich in mir hochkommt und explosionsartig ausbricht, ist ein wichtiges Signal für meine emotionale Entwicklung. Überhaupt diese Wut „einfach mal so“ spüren so können, ist ein Fortschritt.

Der erste Schritt zur Überwindung der Bitterkeit besteht darin, den Schmerz zuzulassen. Der zweite Schritt zur Überwindung der Bitterkeit besteht darin, Verletzungen anzuerkennen. Der dritte Schritt zur Überwindung der Bitterkeit besteht darin, der Wut ihren Platz zu geben.

Ich habe alles Recht der Welt, wütend zu sein. Jemand, dem ich vertraut habe, hat mich sehr verletzt und mir gleichzeitig mitgeteilt, dass meine Gefühle völlig unangemessen und meine Bedürfnisse eine schreckliche Last sind. Deswegen habe ich mir lange selbst nicht mehr getraut und an mir selbst gezweifelt. Was für ein Unsinn! Ich war es doch, der die ganze Zeit in Ordnung war.

Es wird sehr, sehr wichtig sein, die Wut nicht mehr wegzudrücken, sondern sie anzunehmen und aktiv mit ihr umzugehen. Dazu gehört auch, offen anderen gegenüber zu sein darüber, wie es um meine Gefühlslage bestellt ist.

Nur sieben Wochen, nachdem ich ein altes Fahrrad zur Deponie gebracht habe, habe ich auch das zweite Fahrrad weggebracht – diesmal eines, das ich selbst gekauft hatte und das damals neu gewesen war. Ein paar Idioten hatten es, als ich es am Bahnhof in Hoofddorp abgestellt hatte, soweit demoliert, dass sich eine Reparatur nicht mehr lohnte. Was soll’s! Die Operation Augias geht weiter. Fürs neue Fahrrad habe ich gelernt, wo ich es sicher abstellen kann – und es kostet nicht einmal viel.

Ab wann ging es schief in meinem Leben?

Ich bin auf der Suche nach dem verlorenen Groove. Fünf Blogeinträge fassen jeweils alle Blogeinträge aus einem Quartal zusammen:

Zuletzt habe ich hoffnungsvoll über die bessere Jahreshälfte gebloggt sowie darüber, endlich wieder unterwegs zu sein, meine besten Freunde wiederzusehen, Jahrestage und Phantomschmerzen, was ich bin und was nicht, wie die Energie langsam zurückkommt sowie die Frage, wo ich hingehe.

Dieselbe Person, die mich seinerzeit auf das Lied The Dawn Will Come aufmerksam gemacht hat, hat mich zu einer Frage angeregt. Die Idee, darüber zu schreiben, schleppe ich seit Wochen, wenn nicht Monaten mit mir herum – warum also nicht?

Ab wann ging es eigentlich schief in meinem Leben?

Ich hätte mich das früher gar nicht getraut, öffentlich zu fragen, weil ich Angst hatte, als „zu sehr in der Vergangenheit verhaftet“ oder „grübelnd“ zu wirken. Ich glaube jedoch inzwischen, dass es sehr nützlich für mich ist, diese Frage zu stellen und zu beantworten. Mir ist die Antwort auch recht schnell klar geworden, ohne dass ich wehmütig zurückblicke.

Seit der 2. Jahreshälfte 2000 ist mein Leben aus dem Ruder gelaufen.

Egal, was ich danach noch für Hochphasen hatte: Im wesentlichen hatte ich den Eindruck, den allgemeinen Erwartungen hinterherzulaufen, nicht das zu schaffen, was ich zu leisten hätte, „nicht gut genug zu sein“. Ich war viele Jahre außer Atem und verzweifelt, weil ich scheinbar meinen Platz im Leben nicht fand.

Mir ist erst in diesem Jahr so richtig klar geworden: Wer mir jetzt noch nichts zutraut, wer tatsächlich glaubt, ich müsste noch etwas beweisen oder erst etwas leisten, bevor ich ok wäre, dem ist nicht zu helfen. Ich habe viel zuviel Zeit damit verplempert, Angst vor negativen Beurteilungen zu haben (die auch tatsächlich kamen und mich vor anderen entwertet haben!) und mich für irgendwelche unrealistischen Maßstäbe anderer Leute abgestrampelt.

Ich sehe mit dem Abstand von heute viel klarer, was für ein absoluter Dreck es ist, dass jungen Absolventen von der Uni durch die Bank nichts zugetraut wird und man sie gerne mit schlechtbezahlten befristeten Stellen zappeln läßt. Ich gehörte zu den ersten Vertretern der Generation Praktikum. Solange das passiert, brauchen wir über einen „Fachkräftemangel“ nicht zu reden!

Ich erinnere mich aber auch daran, wie mich schon zu Teenagerzeiten einige Leute für voll genommen und mir einen Vertrauensvorschuss gegeben haben. Diese Erfahrung habe ich nie vergessen und bin noch heute sehr dankbar dafür! Das möchte ich am liebsten zurückgeben und wo ich es kann, tue ich es auch. Ich glaube nicht, dass es Jugendlichen und jungen Erwachsenen gut tut, systematisch mit Misstrauen begegnet zu werden.

Das ist die eine wichtige Lehre aus der Zeit: Es selbst besser machen. Die andere lautet: Es kann mir völlig egal sein, was andere denken.

Bevor mein Leben zwei Jahrzehnte lang fast durchgehend so fremdbestimmt wurde, durchlebte ich Anfang 2000 eine Phase, die zu den besten Zeiten meines Lebens gehörte. Ich erinnere mich an eine Begebenheit in einer Kneipe in Catania, als eine Diskussion über das neue Lied von Madonna – eine Coverversion – aufkam. Damals fand ich das Lied gar nicht so beachtlich, aber durch dieses Erlebnis hat es sich in mein Gedächtnis eingebrannt.

Madonna: American Pie

Es gab eine Zeit, da habe ich mich über mich selbst erschreckt, wenn ich mich auf alten Fotos aus dieser Zeit gesehen habe und mich daran erinnerte, wie frei und zuversichtlich ich damals gewesen bin – und was aus mir geworden ist: Ein veränstigter, tief verunsicherter Mensch, der sich mehr als einmal freiwillig in geistige Knechtschaft begeben hat.

Aber das ist nicht das Ende meiner Lebensgeschichte – sondern ein Wendepunkt! So schrecklich die Ketten sind, so herrlich ist das Gefühl gesprengter geistiger Ketten.

Ich glaube, dass es mir gut tun wird, Frieden mit meiner Vergangenheit und mit mir selbst zu schließen. Ich verstehe inzwischen auch, warum ich soviel Krempel angesammelt habe: Ich hatte immer Angst, das Vergangene nicht hinreichend zu ehren und dadurch „nicht würdig“ für ein glückliches Leben zu sein. Diesen psychischen Widerstand zu verstehen ist ein wichtiger Schritt, um die Operation Augias voranzutreiben und letztendlich wieder glücklich zu werden.

Letztes Wochenende war ich wieder in Köln. Diesmal bin ich 18 Bücher über einen Öffentlichen Bücherschrank losgeworden (siehe Bookcrossing). Mit Büchern hatte ich seinerzeit die Operation Augias begonnen. Zeit, in kleinen Schritten weiterzugehen!

Die Zeit ist reif

Ich bin auf der Suche nach dem verlorenen Groove. Fünf Blogeinträge fassen jeweils alle Blogeinträge aus einem Quartal zusammen:

Zuletzt habe ich hoffnungsvoll über die bessere Jahreshälfte gebloggt sowie darüber, endlich wieder unterwegs zu sein.

Was war das für ein tolles verlängertes Wochenende in Köln und Kempen! Ich habe meine beiden besten Freunde zum ersten Mal seit über einem Jahr gesehen. Dass wir alle drei zusammen waren, ist sogar zwei Jahre her.

Es war so erfrischend, endlich mal wieder etwas anderes zu erleben… die Landschaft, das Essen, die Musik, die guten Gespräche… Balsam für die Seele!

Es fühlte sich wie ein Traumurlaub an. So weit ist mein Alltagsleben derzeit davon entfernt. Ich muss sagen, dass ich Deutschland in dieser Form vermisst habe.

Wie schon das Wochenende zuvor tat es mir sehr gut, mit Menschen zusammen zu sein, bei denen ich weiß, dass ich so, wie ich bin, gut genug bin. Außerdem habe ich Bestätigung für eine Erkenntnis bekommen, die schon länger in mir gereift war: Es ist wichtig, das zu tun, was man gut kann und einem Spaß macht. Es hat keinen Sinn, an suboptimalen Lebensumständen festzuhalten, denn sie zehren zuviel Kraft, die man doch besser woanders einsetzen könnte. Es hat auch keinen Sinn, zu warten. Eine bessere Zeit wird nie kommen.

Was das für konkrete Folgen hat, kann ich noch nicht absehen. Das macht aber nichts. Entscheidend ist, dass ich mich an diesem Prinzip orientiere und dann feststelle, was nicht passt.

Nenas „Irgendwie, irgendwo, irgendwann“ hatte ich schon zitiert. Am Wochenende entdeckte ich dann eine wunderschöne Coverversion, minimal arrangiert mit Gesang, Klavier und Gitarre. Eine weitere Erinnerung daran, dass die Zeit für Sehnsucht und Leidenschaft nicht „später“ sein darf, sondern „jetzt“ ist.

Claudia Koreck: Irgendwie, irgendwo, irgendwann