Unbezähmbare Wut

„I am an angry man, yeah / I vent it when I can, yeah“
– Sinéad O‘ Connor: It’s All Good

„Irgendwie fängt irgendwann irgendwo die Zukunft an / ich warte nicht mehr lang“
– Nena: Irgendwie, irgendwo, irgendwann

Ich bin auf der Suche nach dem verlorenen Groove. Ein Blogeintrag fasst den Hintergrund mit Verweisen auf alle Blogeinträge aus Q2/2020 zusammen. Seitdem habe ich über den Sinn des Zorn, Verletzbarkeit, die Zeit vor fünf bzw. zehn Jahren, dass das Leben keinen Sinn haben muss und drei wertvolle Einsichten geschrieben sowie zuletzt über „So viele Sommer„.

Das Wochenende mit meiner Familie in Nordwalde hat mir sehr gut getan. Eine Sache ist mir dabei deutlich geworden: In mir steckt ein unglaubliches Maß an Wut. Diese Wut trage ich schon lange mit mir herum und sie ist seit zwei Jahren immer weiter gewachsen.

Ich muss von ihr loskommen, sonst sprudelt sie irgendwann aus mir heraus und übermannt mich. Nun zahlte es sich aus, dass ich mir bereits vorher darüber Gedanken gemacht hatte, was Zorn eigentlich bedeutet: Ich bin in einer Situation, die mir nicht gut tut oder die ich nicht als fair empfinde, und brauche Veränderung!

Ich bin jetzt nicht plötzlich glücklich oder ganz ausgeglichen geworden – ich schwanke immer noch zwischen Zorn und Traurigkeit. Dennoch bleibt festzuhalten:

Ich habe in einer Woche mehr geschafft als in den Monaten zuvor.

Anstatt in einer passiven Rolle zu bleiben und einen Opferstatus zu pflegen, habe ich selbst und aktiv Schritte eingeleitet, um mein Leben zu verändern.

Vieles davon tut weh. Es schmerzt, weil das Unternehmen der Schritte auch bedeutet, dass ich so manche Hoffnung aufgegeben habe und dass ich am Ende jahrelang vergeblich auf so manche Sachen erst hingearbeitet und danach gewartet habe. Aber in einer festgefahrenen Situation zu verweilen, wird auf Dauer immer mehr weh tun. Solange ich nichts ändere, komme ich mir immer mehr vor wie der letzte Penner, der nichts mehr auf die Kette kriegt.

Also Schluss damit. Es wird allerhöchste Zeit, mein Leben wieder selbst in die Hand zu nehmen und zur Not einige alte Brücken abzureißen. Erst wenn ich meine Wut nach und nach produktiv auslebe, werde ich wieder Frieden finden.

So viele Sommer

Ich bin auf der Suche nach dem verlorenen Groove. Ein Blogeintrag fasst den Hintergrund mit Verweisen auf alle Blogeinträge aus Q2/2020 zusammen. Seitdem habe ich über den Sinn des Zorn, Verletzbarkeit, die Zeit vor fünf bzw. zehn Jahren und dass das Leben keinen Sinn haben muss geschrieben sowie zuletzt über drei wertvolle Einsichten.

Heute geht es um eine Kleinigkeit, die mir dennoch viel bedeutet. Eine Freundin machte mich vor ein paar Monaten auf das Wohnzimmerkonzert von Reinhard Mey aufmerksam. Dabei präsentiert er drei Lieder, unter anderem „So viele Sommer“ (ab 3:58):

Das Lied brachte mich zum Weinen. Was für ein großartiger Inhalt! Was für eine tolle Darbietung dazu – ganz schlicht dargeboten mit Gitarre und Gesang, mit leiser Stimme gesungen, so zerbrechlich und authentisch.

Das Stück ist erst aus dem Jahre 2016, also gerade kein Klassiker aus seinem Repertoire. Ohne die Folgen der ungewöhnlichen Zeiten, in denen wir leben, wäre ich wahrscheinlich nie darauf gestoßen. Hier zum Vergleich die Albumversion:

Da es angenehmerweise Text, Noten und Akkorde als PDF im Netz gibt, habe ich mich daran gemacht, das Stück auf Ukulele spielen zu lernen. Ich singe am besten drei Halbtöne höher als das Original (ging mir auch bei „Gute Nacht, Freunde“ so).

Am Wochenende habe ich die erste längere Reise seit einem halben Jahr unternommen – zur Goldenen Hochzeit meiner Eltern. Für diesen Anlass hatte ich es gelernt.

Und siehe da – ich kam nicht ins Stocken bei meiner Darbietung und es kam gut an. Wer hätte gedacht, dass ich durch die verrückte Weltlage so einen Treffer landen würde?

Drei wertvolle Einsichten

„We don’t see things as they are, we see them as we are“
Marillion: Rich

Ich bin auf der Suche nach dem verlorenen Groove. Ein Blogeintrag fasst den Hintergrund mit Verweisen auf alle Blogeinträge aus Q2/2020 zusammen. Seitdem habe ich über den Sinn des Zorn, Verletzbarkeit und die Zeit vor fünf bzw. zehn Jahren geschrieben sowie zuletzt darüber, dass das Leben keinen Sinn haben muss.

Heute möchte ich mich mit drei Erkenntnissen befassen, die alle gemeinsam haben, auf eine Situation anders zu blicken, ohne sofort etwas ändern zu müssen.

Nervosität im richtigen Maß sehe ich seit Jahren als eine gute Sache. Nervös zu sein heißt nichts anderes, dass ich weiß, dass etwas schiefgehen kann und ich nicht möchte, dass das passiert. Mit anderen Worten: Mir liegt etwas an dem, das ich tue. Die Dinge bedeuten mir etwas. Keinen Bezug zu dem zu haben, das ich mache, wäre sehr traurig – und Nervosität ist das beste Signal, dass es mir nicht so geht. Daher brauche ich sogar ein wenig Lampenfieber, wenn ich auf die Bühne gehe.

Von einer Freundin kam noch der Hinweis, Zorn als Trotz zu sehen. Der wiederum ist ein schöner Motivator („Jetzt erst recht!“).

Als ich während meiner Auszeit schrieb, dass Traurigkeit nicht die innerste Wahrheit ist, erwähnte ich auch Stimmungsschwankungen. Dazu ist mir erst in den letzten Tagen etwas eingefallen: Launen bedeuten, dass auch unangenehme Gefühle schnell vorübergehen.

Ohne Sinn und Zweck – und Spaß dabei

„All my life here I’ve spent /
With my faith in God, the church and the government“
– The Simple Minds: Belfast Child

Ich habe mich auf die Suche nach dem verlorenen Groove begeben. Ein Artikel über den Hintergrund mit Verweisen auf alle Blogeinträge aus Q2/2020 fasst die ersten drei Monate zusammen. Seitdem habe ich über den Sinn des Zorn und Verletzbarkeit geschrieben sowie zuletzt auf die Zeit vor fünf bzw. zehn Jahren zurückgeblickt.

Dieser Blick zurück hat mich noch sehr beschäftigt. Die innere Unruhe war dabei allerdings ein gutes Zeichen, denn sie bedeutet, dass es mir gesundheitlich wieder so gut geht, dass ich Kraft habe und mich nach einer würdigen Aufgabe sehne.

Die große Frage, die mich umtrieb, lautet: Wer bin ich, wenn ich mich nicht mehr der bin, der ich durch die Rollen in den vergangenen fünf Jahren war? Ich war so beschäftigt, sie auszufüllen, dass ich dabei mich selbst vernachlässigt habe. Dahin zurück möchte ich nicht mehr, denn das hat mich erst in die Knie gezwungen.

Aber wohin soll die Reise dann gehen? Ich fühle mich ein wenig, so wie es das Eingangszitat andeutet: Der Sänger stellt scheinbar mit Erstaunen fest, dass der Glaube an die Institutionen nicht ausreicht als Leitung fürs Leben. Auch ein grundlegendes Konzept wie „Menschenwürde“ alleine ist kein Lebenszweck.

Es war erst heute, als ich in Frieden einen alten Glauben loslassen konnte: Dass das Leben einen Sinn haben oder einen Zweck erfüllen müsste.

Die Idee hatte ich schon vorher gehört, zum Beispiel im Buch The F**k It Therapy von John C. Parkin, das mir eine Freundin empfohlen hatte. Aber bisher hatte mich das immer wütend gemacht oder erschreckt.

Im Nachhinein klingt es sehr schlüssig: Mein Leben ist auch dann nicht verschwendet und wird auch dann nicht vergebens gewesen sein, wenn es keinem höheren Zweck dient und keinen Sinn gehabt haben wird, der über das Leben selbst hinausging. Das macht mich unglaublich friedlich.

Ich bin nicht erst wertvoll, wenn ich eine Mission habe. Ich bin es sowieso schon!

Vor zehn Jahren: Am Boden

Auf der Suche nach dem verlorenen Groove – so lautet das spannendste Abenteuer meines Lebens. Nach Artikeln über den Hintergrund mit Verweisen auf alle Blogeinträge aus Q2/2020 und den Sinn des Zorns hatte ich zuletzt über Verletzbarkeit geschrieben.

1991-07-22 war ein besonderes Datum in meinem Leben. Seitdem schaue ich am 22. Juli auf mein Leben – da trifft es sich gut, dass dieser Tag dieses Jahr auf einen Mittwoch fällt. Vor 5 Jahren schrieb ich, wie ich vor nun 10 Jahren am Boden war.

Die Krise vor zehn Jahren war schwerer als die, durch die ich derzeit gehe. Gleichzeitig war vor fünf Jahren die letzte zusammenhängende unbeschwerte Zeit. Auf einiges, was ich damals geschrieben habe, hätte ich hören sollen: Etwa, dass sich nichts planen oder vorhersehen läßt und dass es kaum etwas gibt, auf dass ich gezielt hätte hinarbeiten können. Dass mein Einfluss auf die großen Dinge in meinem Leben begrenzt ist und dass es einer Menge Glück bedurfte, um es zu verbessern – auch wenn ich sich bietende Gelegenheiten genutzt habe. Dass ich nicht an das große Ganze glaube, sondern die guten Zwischenphasen genieße. Das zeigt mir, dass ich nicht damals naiv gewesen bin – sondern danach, als ich dachte, ich müsste mich beweisen.

Die ersten Warnzeichen waren schnell zu erkennen: Ich habe kein neues Land besucht seit 2014, obwohl das doch einer meiner Träume war.

Ich habe mein Äußeres vernachlässigt, wenn auch nur leicht und schleichend: Ich habe mich weniger gepflegt. Das zeigte sich durch Kleinigkeiten wie seltener einen Haarschnitt zu bekommen, ein paar Kilos zuzunehmen, keine neuen Klamotten mehr zu kaufen. All das war ein Signal dafür, sich in der eigenen Haut nicht wohlzufühlen und das auch auszustrahlen, nicht 100% in seinem Körper zu Hause zu sein, nicht im Hier und Jetzt zu sein.

Beim letzten Mal habe ich, um endlich wieder ich selbst zu sein, die Auszeit begonnen. Das wird diesmal schwieriger werden – insbesondere derzeit, was das Reisen angeht. Wenigstens habe ich heute eine symbolische Radtour zum Flughafen Schiphol gemacht.

Schiphol 20200722

Eine Sache kann ich jedoch in die Tat umsetzen, und zwar einen Ratschlag, den ich vor einigen Jahren in einem anderen Kontext gelesen habe: „Lacht kaputt, was Euch kaputt macht.“

Wenn Menschen lachen, haben sie keine Angst (mehr). Ich habe mich viel zu lange von Angst im Zaum halten lassen. Ich kann nicht verändern, wie andere Menschen mit mir umgehen – ich kann aber verändern, wie ich darauf reagiere. Zeit, den falschen Respekt und den Ernst abzulegen und dann zu lachen, wenn es verdient ist.

Verletzbarkeit

Ich bin auf der Suche nach dem verlorenen Groove. Nach einem Artikel über den Hintergrund mit Verweisen auf alle Blogeinträge aus Q2/2020 habe ich mich mit dem Sinn des Zorns beschäftigt.

Zu Beginn meiner Suche habe ich aus dem Filmtrailer zu „Der Herr der Ringe: Die Rückkehr des Königs“ zitiert. Es gibt eine Szene im Film, die mich schon beim ersten Mal im Kino beeindruckt hat und mir seitdem nicht aus dem Kopf gegangen ist. Bevor er in die letzte Schlacht stürmt, dreht sich Aragorn noch einmal zu seinen Gefährten um und sagt leise: „Für Frodo“.

Während er kurz vorher noch eine flammende Rede gehalten hat, um der eigenen Armee Mut zuzusprechen, zeigt er hier, wie sehr ihm das Schicksal seines Freundes (der vielleicht schon tot ist) zu Herzen geht. In diesem Blick läßt er seine Gefühle zu und zeigt sie gegenüber seinen Freunden. Warum hat sich ausgerechnet diese Szene so in mein Gedächtnis gebrannt?

Interessanterweise hat das, was dort geschieht, gerade nichts mit Fantasy zu tun. Argorn zeigt seine eigene Verletzbarkeit. Damit unterscheidet er sich von vielen Klischeehelden, die einfach immer stark und unerschütterlich sind. Genau das gibt ihm Tiefe.

Erst Jahre später habe ich gelernt, dass genau das die Eigenschaft eines guten Anführers ist. Verletzbarkeit zu zeigen wird tatsächlich als eine der entscheidenden Qualitäten für authentische Persönlichkeiten angesehen, die inspirieren und begeistern können.

Ich habe in den letzten Monaten zahlreiche professionelle Vorbilder erlebt. Stephanie Ockerman etwa schreibt in ihrem beruflichen Blog darüber, wie sie vor einigen Jahren den Sinn in dem vermisste, was sie tat, auch wenn sie erfolgreich war. Das erinnert mich so sehr an mich selbst zu Beginn meiner Auszeit.

Verletzbarkeit hingegen als Schwäche zu sehen und nach außen hin grundsätzlich nur Stärke zu demonstrieren zeugt von Unsicherheit, Kleingeistigkeit und Mittelmaß. Wer so bedacht ist, ein perfektes Bild abzugeben, steht überhaupt nicht über den Dingen, sondern hat ständig Angst davor, was passiert, wenn die Leute hinter die Maske blicken. Doch selbst wenn es gelingt, so eine Fassade aufrechtzuerhalten, führt das zu nichts – denn die Leute wissen um ihre eigenen Schwächen und Grenzen und können sich an „perfekten“ Menschen nicht orientieren, um zu wachsen.

Das erklärt auch, warum der Zugang zu meinen Gefühlen so wichtig ist und warum es immer so schädlich war, wenn ich sie unterdrückt habe: Wahre Größe habe ich immer nur dann erreicht, wenn ich mit ihnen und nicht etwa ohne oder gegen sie gelebt habe.

Ein einziger wichtiger Hinweis ist vonnöten: Es gibt gute und schlechte Verletzbarkeit. Die schlechte erkannt man daran, dann man durch sie Bestätigung von außen sucht. Das kann zu keiner eigenen Stärke aus sich selbst führen.

Ansonsten gilt: Verletzbarkeit zu zeigen ist Stärke. Der Witz ist: Ich konnte das immer erst verstehen, wenn ich es nicht mehr so nötig brauchte. Aber als ich das erkannt hatte, konnte ich herzlich über mich selbst und meine Situation lachen.

Vom Sinn des Zorns

„Du musst nicht akzeptieren, was Dir überhaupt nicht passt.“
– Die Ärzte: Deine Schuld

Vor über drei Monaten habe ich mich auf die Suche nach dem verlorenen Groove begeben. Wie es dazu kam und was ich bisher gelernt habe, habe ich im letzten Artikel zusammengefasst, der auf alle Blogeinträge aus Q2/2020 verweist.

Heute möchte ich mich einer weiteren Emotion widmen, die oft als störend und unangenehm empfunden wird, denn ein vollständiger Zugang zu meinen Gefühlen besteht gerade daraus, auch zu ihnen eine Verbindung zu haben, die für mich gesund ist.

Das schlimmste, was einem Mann neben Weinen und Angst passieren kann, ist Zorn. Offenbar ist ein zorniger Mann nicht mehr Herr der Lage, ja eventuell sogar eine Bedrohung für seine Umgebung. Dabei wird gerne das Wort Wut verwendet – denn blinde Wut ist gefährlich, das weiß doch jeder. Das ist natürlich nur die Außenwahrnehmung.

Viel spannender ist es, was im Inneren vorgeht. Wann bin ich zornig? Was erzeugt großen Zorn in mir? Was will mir dieses Gefühl sagen? Denn wenn ich von starken Gefühlen überrumpelt werde, ist das bereits der schlechte Ausgang einer Situation und nicht die mögliche Normalität.

Ich habe in den letzten Monaten mehrmals erlebt, dass ich sehr zornig war – und wenn ich in mich hineingelauscht habe, konnte ich innerhalb von zwei Minuten völlig ruhig werden. Der Zorn war also ein starkes Signal, dass ich mir selbst Aufmerksamkeit widmen sollte.

Was habe ich dabei gelernt?

  1. Zorn kommt von Unzufriedenheit mit der aktuellen Lebenssituation.
  2. Zorn ist eine Warnung davor, in einer schlechten oder ungerechten Lage zu bleiben und klein beizugeben.
  3. Zorn drückt die Sehnsucht nach Veränderung aus und mobilisiert Kraft dafür, das auch wirklich umzusetzen.

Unzufriedenheit, Sehnsucht nach Veränderung, Kraft zur Umsetzung – das klingt nicht nach einer Gefahr, sondern nach den Zutaten für die Heldenreise. Das ist eine Version des Zorns, die tatsächlich anerkannt ist: Der gerechte Zorn, der sich gegen etwas aufbäumt, das nicht in Ordnung ist, und Gerechtigkeit einfordert.

Im Film Dragonheart, den ich schon zu Beginn meiner Auszeit 2014 zitiert habe, lautet der letzte Satz des alten Kodex der Ritter: „Sein Zorn zerschlägt die Bösen.“ Das Bild eines Ritters hat mich bereits früher inspiriert.

Ein letzter Gegentest: Könnten nicht Fanatiker genau diese Überlegungen anstellen und so zu Verbrechen motiviert werden? Wo unterscheide ich mich da von ihnen?

Dazu zwei Einwände: Zum einen habe ich ein hohes Verantwortungsgefühl. Das hat mich in der Vergangenheit nicht zu wenig, sondern sogar zu sehr gebremst. Zum anderen habe ich erkannt, dass die Quelle meiner Kraft in mir selbst ist – nicht in der Außenwelt. Fanatiker hingegen brauchen immer eine Pseudo-Erklärung, warum der Rest der Welt sie bedroht und sie sich daher nur verteidigen, wenn sie schlimme Dinge tun.

Natürlich hat alles seine Kehrseite. Stärken können wie Schwächen wirken und umgekehrt: Mut erscheint als Leichtsinn, Feigheit als Vernunft.

Angst warnt einen vor der möglichen Gefahr, wenn man etwas tut. Zorn warnt einen vor der möglichen Gefahr, wenn man etwas nicht tut.

Den Sinn meines Zorns habe ich erkannt: Ich soll weitermachen mit meiner Veränderung, auch wenn es anderen Menschen nicht gefällt.

Georg Schramm hat vor einigen Jahren dem Zorn ein Hohelied gesungen, dabei Papst Gregor den Großen bzw. Thomas von Aquin zitiert (auch wenn über den eigentlichen Wortlaut – natürlich zornig – diskutiert wird).

Umschalten

Vor drei Monaten habe ich begonnen, über meine Suche nach dem verlorenen Groove zu schreiben. Vieles ist mir inzwischen klar geworden: Ich erinnere mich daran, dass ich aus jeder Krise stärker als zuvor zurückgekommen bin. Ich weiß wieder, wann ich den Groove hatte und wo ich ihn finden kann. Ich weiß, dass der Groove eine innere Kraft ist, die mit Selbstachtung und Selbstvertrauen zu tun hat. Ich habe erkannt, was den Zugang zu meinen Gefühlen, der wie Superkräfte wirkt, blockierte – sozusagen was mein Kryptonit ist. Ich verstehe inzwischen, dass es mir gut gehen muss, damit mir tolle Dinge passieren können – nicht umgekehrt. Ich habe endlich durchblickt, dass Selbstwert und Respekt kein Luxus sind. Ich habe drei augenöffnende Ratschläge bekommen. Mir ist klar, dass mein hohes Verantwortungsgefühl, eigentlich eine Stärke, auch gegen mich verwendet werden kann. Ich habe einige falsche Lehren aus der Popkultur erkannt und abgelegt. Ich weiß, wie wichtig das Ausleben aller Gefühle – auch das Weinen – ist. All das hilft, die Bitterkeit zu überwinden.

Letzteres ist wichtig, um umzuschalten und nach vorne zu schauen. Wie läßt sich das konkret in Worte fassen?

In den Phasen von Unzufriedenheit in meinem Leben kam mir häufig folgender Satz in den Sinn:

„Das kann’s doch nicht gewesen sein.“

Es braucht seine Zeit, diese Einstellung, die den Blick zurück in die Vergangenheit richtet, zu verändern. Im letzten Vierteljahr habe ich es geschafft, einen neuen Satz zu formen:

„Das soll’s noch nicht gewesen sein.“

Es muss noch mehr geben im Leben als das, was wir kurzfristig erfahren können – für diese Stimmung fällt mir ein Lied ein, das mir in den letzten Monaten in verschiedenen Versionen über den Weg gelaufen ist: „Higher Love“.

Im September letzten Jahres, ich aß in Nordwalde im Imbiss zu Mittag, hörte ich im Radio, das im Hintergrund lief, eine aktuell klingende Version. Die Stimme der Sängerin gefiel mir überraschend gut – dabei habe ich oft den Eindruck, mit der neuesten Musik oft nichts anfangen zu können. Als ich später kontrollierte, wer es war, musste ich lachen: Es war ein neu instrumentiertes Stück von Whitney Houston!

Das Original ist von Steve Winwood:

Lilly Winwood, Tochter von Steve, hat vor einigen Jahren noch eine Version aufgenommen, bei der ihr Vater das Klavier und den Hintergrundgesang übernommen hat.

Das Lied ist wirklich unkaputtbar, auch wenn es nicht leicht zu spielen oder zu singen ist. Hier eine Liveversion von einer niederländischen Band:

Das Überwinden der Bitterkeit

Ich bin auf der Suche nach dem verlorenen Groove. War ich früher in derselben Situation ratlos und verzweifelt, so habe ich inzwischen erkannt, dass der Zugang zu meinen Gefühlen – und zwar allen! – ein Schlüsselement zum Ziel ist. Meine Heldenreise hat bislang einiges zu bieten: Ich stelle mich den inneren Dämonen, erkenne falsche Vorbilder ebenso wie die eigenen Stärken und bekomme unerwartete Unterstützung. Selbstachtung hat entscheidend mit meiner eigenen Kraft zu tun und sie wird mich letzten Endes zurück zu mir selbst führen.

Gerade deswegen sind mir Gefühle und der selbstbestimmte Zugang zu ihnen sehr wichtig. Darum möchte ich mich diesmal mit Bitterkeit befassen.

Was ist Bitterkeit überhaupt? Typische Aussagen, die ich mit ihr verbinde:

  1. „Das ist doch alles sinnlos.“
  2. „Es wird sowieso nicht klappen.“
  3. „Davon ist nichts zu erwarten.“

Bitterkeit hat mit einer pessimistischen Einschätzung der Zukunft zu tun – insbesondere, was eigene Vorhaben angeht. Der Schlüssel zu ihr liegt aber in der Vergangenheit.

Warum würde jemand freiwillig bitter werden? Bitterkeit ist nützlich in einer Situation, aus der man nicht entkommen kann und die einem permanenten Schmerz bereitet. Sie kann sich wie eine wärmende Decke über einen legen, trösten und verhindern, dass man (weiter) ausbrennt: „Du brauchst Dich nicht weiter anstrengen. Lass es gut sein.“ Sie kann ebenso als „Erklärungsmodell“ dienen („Dass Dir etwas Schlechtes passiert ist, ist kein Unglück – es konnte ja nichts anderes passieren, die Welt ist so.“). Das zeigt auch das langfristige Problem mit Bitterkeit auf.

Bitterkeit schützt einen vor weiteren Verletzungen und Enttäuschungen. Bitterkeit verhindert gleichzeitig, dass man neue, andere Erfahrungen macht.

Bitterkeit veträgt sich nicht mit Mut und Träumen. Die sind aber notwendig, um voranzuschreiten und aus der Situation herauszugehen.

Wenn Bitterkeit so lange einen Schutz gegen die grausame Welt geboten hat, dann ist es schwer, sie wieder abzulegen. Denn die Angst ist groß, dass die Verletzungen wiederkommen. Aber gewisse Risiken muss man eingehen. Sonst ist alles fade im Leben.

Das Überwinden der Bitterkeit kann nicht von außen befohlen werden (auch wenn es oft getan wird) – das muss man schon selbst bestimmen! Der richtige Zeitpunkt zum Loslassen ist gekommen, wenn man genug Energie gesammelt hat, um etwas Neues zu erleben.

Traurigkeit ist nicht die innerste Wahrheit. Bitterkeit auch nicht.

Ich habe erst vor wenigen Tagen ein Musikstück gefunden, das meine Stimmung sehr gut wiedergibt, wenn es um das Loslassen von Bitterkeit geht.

Der Sänger hatte vorher eine glänzende Karriere als Mitglied des Acapella-Ensembles Pentatonix (als Beispiel sei ihr Daft-Punk-Medley erwähnt). Er hat all das hinter sich gelassen und zeigt jetzt, dass er jenseits dieser schillernden Gruppe noch ganz andere Sachen drauf hat. Ein inspirierendes Beispiel!

Avi Kaplan: I’ll Get By

Vom Sinn des Weinens

„Doch bevor eine neue Sonne aufgehen kann, müssen noch die finstersten Stunden vorüberziehen.“
War Wind, Shama’Li-Kampagne

Die Suche nach dem verlorenen Groove ist das spannendste Abenteuer meines Lebens. Auf meiner Reise, die mich zu mir selbst führt, habe ich meine Stärken erkannt und unerwartete Unterstützung bekommen. Die brauche ich auch, um mich den inneren Dämonen zu stellen. Während ich früher planlos und verzweifelt war, wenn ich den Groove verloren hatte, weiß ich diesmal, dass er wie eine Kraftquelle ist, die mit Selbstachtung und einem Zugang zu meinen Gefühlen zu tun hat.

Nachdem ich einige falsche Lehren erkannt habe, stellt sich die Frage: Was ist denn ein gesundes Verhältnis zu den eigenen Emotionen?

Eines kann ich mit Sicherheit feststellen: Wenn die eigenen Gefühle nur dann ok sind, wenn es sich um Freude oder Überraschung handelt, dann ist man eine arme Sau. Das ist so ähnlich, als ob man „nur positive Neuigkeiten“ berichten oder nur mit warmen Farben malen darf. Alles, was nicht in dieses enge Schema passt, muss unterdrückt oder heimlich ausgelebt werden. Das kann auf Dauer natürlich nicht gutgehen.

„Zorn“ wird eventuell noch als „Unzufriedenheit“ gedeutet und dann als „Willen zur Veränderung“ und „Tatendrang“ verpackt. „Angst““ schickt sich schon weniger für einen Mann. Dabei ist sie im richtigen Maße ein wertvoller Ratgeber und ein Hinweis auf eine mögliche Gefahr. Klar klingt „Mut“ besser – der kann aber ebenso in Leichtsinnigkeit umschlagen. Da sind mir ein geschärfter Blick auf die Dinge und Verantwortungsgefühl lieber.

Aber das schlimmste, verbotene Gefühl für einen Mann ist Traurigkeit oder Ergriffenheit, die einen zum Weinen bringt. Es ist das skurille Ergebnis einer völlig verkorksten Entwicklung, dass Männer einerseits Gefühle haben und zeigen sollen, andererseits dann dafür abgelehnt oder als schwächlich angesehen werden. Die einzige richtige Reaktion ist, sich einen Dreck darum zu scheren und seine Gefühle zuzulassen. Ein Mann muss stark sein, um sich Schwäche erlauben zu können.

Entgegen der landläufigen Wahrnehmung ist es nicht am schlimmsten, wenn man viel weinen muss. Wirklich schlimm ist es, wenn man überhaupt nicht mehr weinen kann.

Als beste Analogie fällt mir das Märchen ein, in dem der König seine Töchter fragt, wie sehr sie ihn lieben, und eine antwortet „wie das Salz“. Das erzürnt den Vater, der daraufhin die Prinzessin verstößt. Mit einem Mal verwandelt sich aber alles Salz im Königreich in Gold. Alle Speisen schmecken fad, viele Rezepte funktionieren nicht mehr, die Stimmung ist im Keller. Das Salz, so dämmert es dem König, hat das Leben erst richtig lebenswert gemacht. Es war in kleinen Mengen so allgegenwärtig, dass es einem gar nicht mehr aufgefallen ist.

Ich erinnere mich an eine Verfilmung aus der Tschechoslowakei namens „Der Salzprinz“, in der gegen teures Geld Salz aus dem Ausland herbeigeschafft werden soll. Doch kaum haben die Truhen und Wagen die Grenze passiert, verwandelt sich das importierte Salz ebenfalls in Gold.

Es hilft alles nichts: Der ursprüngliche Fehler muss berichtigt werden, bevor das Leben wieder weitergehen kann. Wie mit dem Salz, so ist es mit dem Weinen – was sogar ein wenig naheliegt, schließlich sind Tränen salzig.

Ende 2012, mitten in den Jahren vor der Auszeit, hörte ich eine Predigt über das Lied „Die Nacht ist vorgedrungen“. Das Stück ist während der Nazizeit entstanden und offenbahrt einen beeindruckenden Optimismus auch während der tiefsten Nacht, dass der Tag bald kommen möge.

Ich habe daraufhin eine Aufnahme gesucht und gefunden (Quelle). Die Version ohne musikalische Begleitung, also der reine Gesang, hat mich tief berührt, weil sie so verletzlich herüberkommt. Als ich zum ersten Mal seit langer Zeit wieder weinen konnte, da fiel eine unglaubliche innere Last von mir ab.

Dass auch die tiefste Nacht vorübergeht, dass ich wieder ganz gesund werden würde – das wagte ich mir damals nicht vorzustellen. Darum hat mich der Liedtext so ergriffen. Das deutet darauf hin, dass das Weinen nicht „einfach so“ passiert, sondern mir signalisiert, was mir wichtig ist.

Eine Variante, die ich immer wieder erlebe: Wenn eine Person, ein Tier oder selbst ein fiktiver Charakter angeblich „zu nichts nütze ist“ oder „von niemandem geliebt wird“, dann kommen mir schnell die Tränen. Ich erinnere mich an die eigene Erfahrung, selbst nach reinen Nützlichkeitserwägungen beurteilt und weggeworfen worden zu sein oder Liebe „nicht verdient zu haben“. Diese unheimlich grausame Behandlung möchte ich weder für mich noch für jemand anderen. Das ist eine Überzeugung, die mir sehr viel wert ist.

Ich schien immer gefühlvoller als andere Menschen in meiner Umgebung zu sein – vielleicht feinfühliger. Es hat Jahrzehnte gedauert, bis ich das nicht mehr als „Schwäche“ oder „Defekt“ angesehen, sondern als normalen Teil meiner Persönlichkeit akzeptiert habe. Äußere Umstände – kulturelle Normen und Tabus, aber auch Reaktionen von anderen – haben ihren Teil dazu beigetragen, dass es so lange gedauert hat. Die Zeit ist gekommen, diese Facette meiner Person willkommen zu heißen und Frieden mit mir selbst zu schließen.