Schuld und Schuldgefühle

Ich bin auf der Suche nach dem verlorenen Groove. Zwei Blogeinträge fassen jeweils alle Blogeinträge aus Q2/2020 und alle Blogeinträge aus Q3/2020 zusammen. Zuletzt habe ich gebloggt über Lieder, die mich durch die Nacht bringen, das neue Lebensjahr, vom Sinn des Staunens, was dieses Blog hier wird (und was nicht), die eigene Aufgabe zu erkennen, ein erstaunlich tiefgründiges Lied von Sasha, Glauben und Zweifel, wie der Groove zurückkam, Jahresendmüdigkeit sowie über menschliche Männlichkeit.

An den Eintrag von letzter Woche anknüpfend möchte ich heute über eine weitere Erkenntnis berichten, zu der ich erst kürzlich gekommen bin und die mich umgehauen hat: Wie schnell sich Schuldgefühle einschleichen!

Von dem Konzept, dass sich Leute von überflüssigen Schuldgefühlen leiten lassen und dadurch gebückt und sich selbst einschränkend durchs Leben gehen, hatte ich schon gehört. Aber ich hätte nie gedacht, dass das auch auf mich zutreffen würde! Ich hatte doch einen hohen Sinn für Freiheit! Wie könnte ich mich da so sehr selbst knechten?

Mir war klar, dass sie eine „Anleitung zum Unglücklichsein“ (Paul Watzlawik) sind. Schuld hat eine soziale Funktion: Man zeigt Reue, damit man nicht ausgeschlossen wird aus der Gemeinschaft. Sich selbst mit Schuldgefühlen zu überhäufen und dann zu bestrafen hat jedoch keinen Sinn. Niemand hat etwas davon!

Beim Nachdenken über mein Leben, meine Gefühle und ihre Auslöser bin ich jedoch immer wieder darauf gestoßen, dass sich Schuldgefühle eingeschlichen haben. Einige Beispiele:

Ich tute mich mit irgendeiner Sache oder Aufgabe schwer. Plötzlich fühle ich mich schuldig, „weil ich nicht einmal das hinkriege“. Dabei steht nirgendwo geschrieben, dass jeder alles können muss oder dass einem alles leicht von der Hand gehen muss, um ein anständiger Mensch zu sein.

Ich sehe irgendetwas in der Wohnung, das nicht gut aufgeräumt ist. Ich bekomme Schuldgefühle, „wie wenig ich doch mein Leben im Griff habe“. Es gibt jedoch nach meiner Erfahrung niemanden, der eine 100% Tipptopp-Picobello-aufgeräumte Wohnung hat. Und diejenigen Leute, die das schaffen, stelle ich mir als sehr langweilig vor.

Ich habe viele Projekte, von denen die meisten aus Zeitgründen ruhen. Ich habe Schuldgefühle, „weil ich offenbar nichts zuende bringen kann“. Allerdings merke ich bei den meisten Aktivitäten, dass ich länger am Ball bleibe als andere. Ich habe nur viele Interessen und widme mich einer Sache lieber ganz, als sie „so irgendwie halb nebenher“ zu machen.

In meiner Sammlung gibt es viele ungelesene Bücher und ungehörte CDs. Mich überkommt ein Gefühl von Schuld, „dass sie ungenutzt rumstehen und ich für viele noch keine Rezension geschrieben habe“. Dabei sind solche Dinge zum Vergnügen und Entspannen da, nicht als Pflicht.

Solche künstlichen Schuldgefühle führen dazu, dass ich Schlechtes akzeptiere, das mir passiert (etwa schlecht behandelt zu werden) und dass ich das als „gerechte Strafe“ empfinde. Ich glaube, dass auch mein übersteigertes Verantwortungsgefühl zusammen mit der Erfahrung schlechter Behandlung dazu geführt hat, dass ich Angst davor habe, etwas „einfach zu genießen“ (mir könnte ja etwas passieren).

Dazu ein Satz von Alain de Botton über die Liebe: „Wir suchen uns Zähne, die zu unseren Wunden passen.“ Ich habe mit Erschrecken festgestellt, dass ich oft die Liebe gesucht habe, die schwierig ist, die ich „mir verdienen“ musste, bei der ich „mich stark beweisen“ musste.

Kein Wunder, dass ich so schnell ausgelaugt war. Ich bin oft nur unter den allerschwersten Bedingungen angetreten und habe nie geglaubt, dass ich darunter überhaupt eine Chance gehabt hätte, geliebt zu werden. Aber Erkenntnis ist der erste Schritt auf dem Weg zum Ausstieg!