Einer der schönsten Tage in meinem Leben

Zehn Tage nichts Neues gebloggt – was ist los? Keine große Reiserei im Moment (dafür mehrere kleine), aber ansonsten scheint sich einzustellen, was ich schon oft auf Esperanto geschrieben habe: Entweder ich lebe oder ich blogge über das Leben!

Es war ein Teil meines Sardinien-Urlaubs und ich hatte im Rückblick auf den April schon angekündigt, dass ich darüber schreiben wollte. Aber dann wollte ich es besonders gut machen und am Ende schrieb ich bislang gar nichts. Mal wieder hat mich die alte Perfektionismusfalle geschnappt: Daher jetzt oder nie!

Erst einmal ein wenig langatmigen Vorlauf, der leider sein muss, um das Thema zu verstehen. Esperanto ist meine zweite Muttersprache (neben Deutsch) und ich liebe Musik.

Eine meiner schönsten Kindheitserinnerungen ist das Konzert der Esperanto-Rockband Amplifiki Mitte der 1980er Jahre. Ab hier kann ich mich selbst zitieren aus einem alten Artikel über moderne Esperanto-Musik:

„Ab spätestens den 1980er Jahren wurde Rockmusik ein fest verankerter Teil der Esperanto-Kultur. In diese Zeit fiel die Gründung der heute legendären Rockband Amplifiki, deren Mitglieder aus Schweden, Dänemark und Frankreich kamen. Die Lieder ihres ersten Albums Tute negravas („Ist ganz unwichtig“ oder „Macht überhaupt nichts“) genießen noch heute Kultstatus unter jugendlichen „Espis“. Als sich drei der Musiker während des Esperanto-Jugendweltkongresses 1999 zum ersten Mal seit vielen Jahren zu einem gemeinsamen Konzert zusammenfanden, wurde dies zu einem unvergeßlichen Erlebnis. Obwohl der größte Teil des dortigen Publikums Amplifiki nur von alten Kassettenaufnahmen kannte, sangen alle die Texte begeistert mit.“

Von diesem Konzert gibt es seit neuestem Ausschnitte bei Youtube zu sehen. Es sind nur kleine Ausschnitte, aber das hält mich in meiner Nostalgie nicht zurück (außerdem bin ich eitel und muss das Video einbetten, weil ich mich selbst dort entdeckt habe):

Über diesen Kongress gab es einen Artikel namens „Vera oro„, in dem auch dieses Foto auftauchte, auf dem vorne im Publikum mein Bruder zu sehen ist. Was er da hochhält und warum er das macht (es war ein Vorschlag von mir!), ist eine eigene Anekdote.

Wunder des Internets: Dieses Foto wurde bei Facebook wiederveröffentlicht und daraufhin bekam einer der Organisatoren des Treffens in Italien die Idee, die gesamte Originalbesetzung einzuladen. Als ich das las, war ich von Donner gerührt.

Das war in etwa so, als hätten die Beatles (zwischen 1970 und 1980, versteht sich) einfach mal so wieder zusammen ein Konzert gegeben. Amplifiki waren sicherlich nicht so originell oder künstlerisch ausgereift wie die Beatles (den entsprechenden Beitrag in der Geschichte der Esperanto-Rockmusik haben dann andere Bands, allem von Persone, übernommen), aber sie waren die ersten mit anhaltender Wirkung. Die Kassette (!) „Tute negravas“ habe ich ungezählte Male vor dem Einschlafen gehört. Als ich vor 9 Jahren hörte, dass das Album wieder erhältlich sei, habe ich es sofort auf Esperanto geschrieben: „Wenn ich nur ein Esperanto-Album auswählen und empfehlen könnte – dieses hier wäre es.“

Der Italien-Urlaub versprach also gewissermaßen eine Reise zurück in die Kindheit zu werden. Schon 1999 hatte ich Tränen in den Augen, und jetzt sollte die gesamte Band wieder zusammenkommen!

Große Erwartungen haben leider den Nachteil, dass sie oft enttäuscht werden. Aber es sollte ganz anders kommen…

Am Flughafen in Mailand-Linate stellte sich heraus, dass mein einstündiger Flug drei Stunden Verspätung hatte. Ein Unfall mit einem Traktor in Pescara, die Ersatzmaschine aus Rom würde solange brauchen. Die anwesenden Italiener tobten; ich war mir sicher, mein Ziel noch am selben Tag zu erreichen (genau deswegen hatte ich einen Flug am Morgen gewählt!) und packte zur Entspannung meine Ukulele aus. (Über Ukulele spielen und was ich damit schon erlebt habe, muss ich noch eigene Einträge schreiben.)

Da sprach mich eine Dame auf Esperanto an. Sie hatte messerscharf kombiniert: Im Flughafen Ukulele spielen – so verrückt kann ja nur ein Esperantosprecher sein! Ihre Begleitung stellte sich als Aline vor. Aline – so wie Aline, die Sängerin von Amplifki, und das gleichnamige Lied auf dem ersten Album. Wie sich herausstellte, waren die beiden Frauen niemand anders als die Sängerinnen von Amplifiki! Helden meiner Kindheit!

Wir verbrachten noch nach der Ankunft in Alghero einige Zeit im Flughafen, um auf dem Bus zu warten. Sie übten einige Texte und ich sang mit. Irgendwann kam die Idee auf (war es, als wir die anderen Musiker direkt nach der Ankunft in Lu Bagnu im Café getroffen hatten?), dass ich doch als Gastsänger auftreten könnte, da Martin Wiese (ein schwedischer Musiker und eines meiner musikalischen Idole schlechthin) leider nicht kommen konnte. Das muss man sich mal vorstellen! [Name Deiner Lieblingsband] gibt ein Konzert und sie fragen Dich nebenbei, ob Du nicht Lust hättest, für ein paar Lieder einzuspringen!

Im Grunde eine Erzählung, wie man sie aus schlechten Filmen kennt: Der promoted Fanboy („beförderte Fan“), wie er im Buche steht (bzw. Im TV-Tropes-Wiki, was aber hier auf dasselbe hinausläuft).

Nun kann es ja sehr desillusionierend sein, die Idole seiner Kindheit in echt und hautnah zu erleben. Am Ende sind Musiker auch nur Menschen mit Fehlern und Schwächern.

Aber diese Enttäuschung blieb aus, im Gegenteil: Nichts fand ich so rührend und beeindruckend wie bei den Proben zu erleben, dass sich alle Beteiligten voll auf die Vorbereitungen für das Konzert konzentrierten. Von „ich bin eine lebende Legende und brauche mich nicht vorbereiten“ keine Spur. Und dann höre ich einige der wichtigsten Lieder meiner Kindheit (und auch meines ganzen bisherigen Lebens) und werde selbst Teil dieser Darbietung… es schien mir wie ein Traum zu sein, aber es war alles echt.

Am Abend des Konzerts waren alle recht nervös. Würde das Wetter mitspielen (das Konzert fand im Freien statt) und würde die Technik funktionieren? Ich hatte auf dem Treffen bereits zweimal als Gastmusiker (mit Ukulele) fungiert, aber dieses Konzert, wie man nach allen bisherigen Ausführungen ahnen kann, stellte alles bisherige in den Schatten. Die gewissenhaften Proben zahlten sich aus. Ich sang „Somera temp'“, „Brava bardo“ und „Por ĉiam“ und war ganz in meinem Element.

Mit diesem Konzert wurde ein Stück Esperanto-Musikgeschichte geschrieben. Die anwesenden Veteranen, die Amplifiki noch aus alten Zeiten kannten, waren gerührt; im Internet bedauerten zahlreiche andere, dass sie nicht dabei sein konnten. Vielen jüngeren Leuten war es vielleicht nicht bewusst, was sie für einen bedeutendes Ereignis erlebten. Es spielt aber keine Rolle, denn es war so oder so ein absoluter Meilenstein.

Dass ich persönlich dazu beitragen konnte, ist nur eine Randnotiz, aber für mich war das einer der schönsten Momente in meinem Leben. Tja, wer hätte das gedacht? Es können unerwartet tolle Sachen passieren. Ich habe mir zu Beginn meiner Auszeit sehr kritisch (aber auch sehr ehrlich) in Erinnerung gerufen, dass ich zwar eine gesundheitlich sehr schwierige Zeit in meinem Leben überstanden habe, dass ich aber keine Antwort darauf finde, wofür ich das gemacht habe. Jetzt weiß ich den Grund. Es war für dieses Konzert, für diese einmalige Erfahrung. Das war – ohne Übertreibung – einer der schönsten Tage in meinem Leben.

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