Aostatal

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Der erste Urlaub nach dem Jahr Auszeit führte mich – wie bereits zuletzt erwähnt – nach Italien. Es ist schon sehr praktisch, in Amsterdam zu arbeiten: Ich konnte von der Arbeit aus direkt zum Flughafen. Was für ein Riesenvorteil, direkt … Weiterlesen

Das Jahr ist rum!

Als ich heute vor genau einem Jahr verkündete, ein Auszeit vom Berufsleben anzutreten, da waren zwar einige grundsätzliche Sachen mit meinem Leben wieder in Ordnung, aber vieles lag im argen. Einerseits hatte ich mich von einer schweren gesundheitlichen Phase wieder hochgekämpft, gerade eine anstrengende, aber auch erfolgreiche Zeit in Hamburg hinter mir, jede Menge Spaß mit einer wachsenden Sammlung von Ukulelen, langsam wieder meine normale Figur zurück und ich war im Jahr zuvor in sechs verschiedenen Ländern gewesen. Auf der anderen Seite fragte ich mich ernsthaft, ob das, was ich tat, mich auf die Dauer glücklich machen würde. Aus den vielen kleinen Puzzlestücken des Lebens wollte sich kein großes Ganzes ergeben.

Obwohl es insgesamt ganz okay lief, dachte ich mir: Das kann es nicht gewesen sein.

Heute kommt mir das alles unglaublich lange her vor. In gewisser Weise ist das auch richtig: Ich habe in einem Jahr die Erfahrungen gemacht, für die ich sonst gut und gern fünf Jahre gebraucht hätte.

In dem Sinne habe ich die Zeit, die ich hatte, genau richtig genutzt: Ich habe das Leben mal wieder so richtig gekostet, bin aus mir rausgegangen, habe alle möglichen verrückten (aber harmlosen) Sachen gemacht, die ich immer mal tun wollte und für die scheinbar nie Zeit war.

Um zu erleben, wer ich bin oder was ich sein kann, musste ich mich in allerhand verschiedene Situationen versetzen. Sicher, manches davon ist nicht glorreich oder heldenhaft verlaufen, sondern war einfach trivial oder eher peinlich. Leider gab es auch einige sehr traurige Ereignisse, die aber privater Natur sind und nicht in die Öffentlichkeit gehören.

Mehr als ich es erhofft hatte habe ich mir durch die all die verschiedenen Eindrücke einen frischen Wind um den Kopf wehen lassen, um die Dinge endlich einmal wieder aus einem anderen Blickwinkel zu sehen. Das war das große Ziel und es ist mir gelungen. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, was ich andernfalls getan hätte.

Zum Glück hatte ich schon grobe Vorstellungen, was ich machen wollte, und viele gute Ansätze aus der Vergangenheit. Nur hatte ich mich bisher viel zu sehr davon treiben lassen, einen Beitrag zu leisten und Ansprüche zu erfüllen, die an mich gestellt wurden. Das ist im Prinzip auch keine schlechte Einstellung, aber sie läuft ins Leere, wenn man nicht unter passenden Rahmebedingungen arbeitet, um eine realistische Chance zu haben, und sich dabei selbst aus den Augen verliert.

Und das ist das allerwichtigste, das ich in diesem Jahr gelernt habe: Wieviel ich selbst an meinem Leben ändern kann und wie sehr ich selbst dafür verantwortlich bin. Verantwortung heißt gerade nicht, einfach meine Pflicht zu erfüllen, sondern mich zu fragen, ob ich gerade am richtigen Ort mit der richtigen Aufgabe für mich bin. Wenn ich darauf nicht achte, geht’s mir nicht gut und am Ende leiden auch andere darunter, weil sie mich in diesem Zustand ertragen müssen.

Verantwortung bedeutete auch, gerade nicht die Erwartungen zu erfüllen, sondern mit ihnen zu brechen, wenn es notwendig war. Das war sehr schwer für mich zu lernen, denn ich habe mehrere Male in meinem Leben mitbekommen, wie mit denen umgegangen wird, die nicht als nützlich erachtet werden und das war keine schöne Erfahrung.

Ich möchte heute aber kein endgültiges Fazit ziehen oder einen kompletten Rückblick auf das Jahr machen. Dafür war es viel zu facettenreich. Ich hatte mir schon einmal überlegt, eine Gesamtübersicht anzulegen. Außerdem gibt es noch einige Themen für dieses Blog, um es weiterzuschreiben, selbst wenn die Frequenz der Einträge geringer werden dürfte.

Turin

Eigentlich wäre heute mein erster Arbeitstag. Weil ich jedoch zwei Monate früher wieder angefangen habe zu arbeiten – ein internationales Projekt in Amsterdam war einfach zu interessant, um ausgelassen zu werden – bin ich kurioserweise inzwischen wieder unterwegs. Es klingt wie ein schlechter Aprilscherz, aber ich genieße heute meinen letzten Urlaubstag 2013. Übernachtet habe ich in einem schönen Hotel in Turin (siehe das Foto vom Frühstück). Wohin es weiter ging, erzähle ich später.

Pavia

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Eine Reise nach Frankreich, Übernachten in Marseille und Nizza, ein Tagesausflug nach Monaco – was würde noch kommen auf meiner Herbstreise? Am Morgen meines Aufbruchs hatte ich noch ein Gespräch über Gesellschaft und Politik mit einem französischen Hotelgast beim Frühstück. … Weiterlesen

Rom wurde auch nicht an einem Tag erbaut

Rom war toll: Ich habe den Vatikan gesehen, die wichtigsten Sehenswürdigkeiten und war in den Vatikanischen Museen. Am letzten Abend habe ich noch einige Fotos im Lateransviertel gemacht, in dem mein Hotel stand. Wie erwähnt ist es schwer, irgendwohin zu gehen und nicht etwas Interessantes zu sehen. Abends aß ich wieder im Lokal ganz in der Nähe (die Adresse lautet via Santa Croce in Gerusalemme 31; sie haben die Speisekarte inklusive Touristenmenüs außen an der Mauer!).

Nach dem Abendessen machte ich noch einen kleinen Ausflug zum Forum Romanum und einen nächtlichen Spaziergang bis zum Kapitol. Dabei habe ich allerdings keine Kamera mitgenommen. Angenehmerweise waren um diese Zeit noch genügend Leute unterwegs, so dass es sicher war.

Die Rückreise am nächsten Tag war problemlos. Insbesondere der direkte Zug zum Flughafen, für den ich mir am späten Nachmittag vorher bereits eine Fahrkarte gekauft hatte, machte die Sache angenehm entspannt. Das Wetter in Deuschland war dann überraschend kalt und regnerisch. Da wäre ich gerne in Rom geblieben, wenn ich nicht gewusst hätte, dass ich bereits am nächsten Tag Besuch bekommen würde…

Aber ich habe ja noch eine kleine Anekdote versprochen. Nach meinem sechsstündigen Marathon in den Museen ging ich in das Lokal, das ich schon zweimal besucht hatte. Ich fand nicht nur Essen und Getränke gut, die Bedienung schien sich doch beide Male sehr zu freuen, dass ich wiederkam und dass man mit mir Italienisch reden konnte.

Diesmal setzte ich mich draußen hin, um die Frischluft zu genießen. An einem Tisch neben mir saß scheinbar auch eine Touristin, denn ich hatte beim Vorbeigehen ein Buch namens „Italie“ gesehen. Allerdings sah sie nicht wie eine typische Touristin aus, recht adrett gekleidet, ohne aufreizend oder aufgedonnert zu sein, eine richtig stilvolle Dame, die irgendetwas zwischen Mitte 20 und Mitte 30 sein konnte. Sie ging zwischendurch hinein. Als sie wiederkam, sprach ich sie an, denn es ist ja durchaus nicht ungefährlich, seine Sachen unbeaufsichtigt draußen zu lassen. Wie sich herausstellte, war sie Französin. Sie antwortete auf Englisch, da sie mein (automatisch gewähltes) Italienisch nicht verstand, und ich redete auf Französisch weiter. Sie fragte mich noch ein paar Sachen, ich fragte sie aber meinerseits dann nicht zurück, weil ich sie auch nicht belästigen wollte. Nachdem wir beide bezahlt hatten, habe ich sie aber noch einmal kurz angesprochen. Sie wollte noch zu Fuß gehen und hatte nach dem Weg gefragt, ich wollte zur Metro, weil mir doch ein wenig die Füße weh taten und ich noch eigene Ziele hatte (bestimmte Sachen ansehen, Fahrkarte kaufen, wie oben erwähnt).

Schade, dass es so kurz war, aber trotzdem (oder gerade deswegen, weil ich nicht so gedrängt habe) eine sehr nette Zufallsbekanntschaft! Vor allen Dingen zahlte sich jetzt die elegante Kleidung aus, die ihrer in nichts nachstand. So war ich eben nicht der typische Tourist, den man sofort erkennen konnte, sondern zumindest interessant. Es waren auch ideale Bedingungen gewesen, um meine übliche Schüchternheit zu überwinden: Ich fühlte mich so richtig wohl, ich kannte den Ort, an dem ich war, sprach die Sprache, ja konnte sogar anderen Touristen (wieder auf Französich) helfen, die zwischendurch vorbeikamen und die Metro suchten und mich erst auf Englisch angesprochen hatten. Ich hatte die Lage im Griff und kam mir souverän vor. Ist es ein Wunder, wenn ich dann ganz locker vom Hocker bin und offensichtlich auch so rüberkomme? Und genau diese Lockerheit ist es, die ich in den letzten Jahren so sehr vermisst habe.

Ich habe mich viel zu sehr von dem leiten lassen, was ich als meine Pflicht angesehen habe, und das alles viel zu ernst genommen. Dabei ist locker sein doch das Salz in der Suppe des Lebens, ohne das schmeckt alles so fad…

Diese Situation, in der ich Souveränität ausstrahlte, erinnerte mich an die besten Zeiten meines Lebens. Ob Liebe oder Musik, in diesen Phasen gelang es mir immer, alle Zweifel auszublenden so wie störendes Rauschen im Hintergrund. Da möchte ich wieder hin. Ich glaube, dass es auch für andere Menschen besser ist, wenn ich wieder öfters so eine Ausstrahlung habe. Der Kampf hin zu mehr Selbstbewusstsein ist ein lohnendes Ziel.

Die spinnen, die Römer!

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Im Rahmen meines Aufenthaltes in Rom hatte ich am ersten vollen Tag den Vatikan besucht und am zweiten Tag klassische touristische Sehenswürdigkeiten in der ganzen Stadt besichtigt. Am dritten und letzten ganzen Tag wollte ich dann in ein Museum. Am … Weiterlesen

Wenn Du in Rom bist…

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…mach, was die Römer machen. Das bedeutete für mich vor allem: Ordentlich anziehen! Keine bunten Hemden, kurze Hosen und weiße Sandalen mit Socken, woran man einen Großteil der Touristen erkennt, sondern lange schwarze Hose, schwarze Lederschuhe, weißes Hemd mit Krawatte … Weiterlesen

Da boxt der Papst im Kettenhemd

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Die Reise nach Rom hatte als oberstes Ziel, ein neues Land zu besuchen, in dem ich noch nie zuvor gewesen war. Am Morgen nach meiner Ankunft machte ich mich daher auf Richtung Vatikan. Die genaue Grenze zwischen Italien und dem … Weiterlesen

Alle Wege führen nach Rom

Ich hatte gestern bereits verraten, dass ich zur Zeit in Rom bin. Warum war das schwerer als gedacht? Zum einen wollte die neue Kreditkarte noch nicht so, wie ich es will, sprich: Geld war genug drauf, aber das Limit noch nicht erhöht. Für mich eine ungewohnte Erfahrung, trotz genug Geld nicht zahlen zu können – ich weiß schon, warum ich bisher im Leben Kredikarten vermieden habe wie der Teufel das Weihwasser. Dabei sollte eine Kreditkarte das Bezahlen doch einfacher machen, nicht schwerer…

Als das Buchen der Reise und der Unterkunft über ein Reisebüro endlich inklusive Bezahlvorgang abgeschlossen war, habe ich mir noch, damit die Reise nicht zu einfach wird, zwei Verpeiltheiten geleistet, für die man mich gerne „Verpeilian“ nennen kann:

Zum einen habe ich die Nacht vorher noch ordentlich einen draufgemacht. Gut, es war nach wie vor kein Alkohol im Spiel und ich musste einfach raus und mich bewegen. Ich hätte aber wenigstens vorher schon packen können – zumindest all die Dinge, von denen ich sowieso wusste, dass ich sie brauchen würde. Aber nichts da, ich hatte einfach keinen Bock, das könnte ich ja morgen früh noch machen. Was uns zur zweiten Verpeiltheit führt.

Zum anderen habe ich, gerade weil ich ja die Reisedaten so früh schriftlich wusste, diese nicht im Kopf abgespeichert. Prompt stellte ich mittags fest, dass ich die Abflugzeit falsch in Erinnerung hatte – sie war zwei Stunden früher! Also nichts mit in aller Ruhe zusammenpacken (natürlich war ich spät aufgestanden, denn wozu sich beeilen).

Wenigstens kann ich inzwischen einigermaßen schnell packen. Diesmal brauchte ich keine Viertelstunde, vielleicht sogar unter zehn Minuten. Dann habe ich flugs die Zugfahrt organisiert. Ich kam dann zwar nicht zwei Stunden vorher in Düsseldorf an (diese Möglichkeit hatte ich durch meine Verpeiltheit um einige Minuten verpasst), sondern eine halbe Stunde später. Das reichte aber locker, um die Reisedokumente vom Schalter abzuholen.

Dank eines Rom-Reiseführers meiner Eltern konnte ich vor dem Abflug bereits lesen, wie ich ab der Landung weiterkommen würde. Wenigstens die Adresse des Hotels hatte ich zu Hause bereits auf der Karte ermittelt, alles andere wäre wirklich nicht entschuldbar gewesen!

Unglaublich, aber wahr: Obwohl ich schon oft in Italien war, bin ich noch nie in Rom gewesen. Gut, ich bin einmal auf der Rückreise Ostern 2001 in Rom umgestiegen, aber das zählt nicht richtig.

Dennoch kam ich ab der Landung wunderbar zurecht (die direkten Züge zum Bahnhof Roma Termini sind toll!). Mein Hotel liegt nur zwei Metrostationen weg und ist ein ehemaliges Kloster!

Schon beim Fußweg von der Metro zum Hotel war mir eine Pizzeria ganz in der Nähe aufgefallen, in der ich dann zu Abend gegessen habe. Mittags noch in der eigenen Wohnung gewesen, abends in Rom essen – wie cool ist das denn? Dabei kam mir das alles wie ein Heimspiel vor, so stark wirkten die Erfahrung mit Italien und die Italienischkenntnisse.

Es hätte vielleicht wie eine Wiederholung der Reise nach Mailand einen Monat vorher wirken können, als ich abends ankam und direkt neben dem Hotel essen ging. Aber jetzt merkte ich noch einmal, wieviel anders war, was alles fehlte: Die Negativität, die Stimmungsschwankungen, die tiefe Traurigkeit – und vor allem das Wissen, nach wie vor nicht gesund zu sein und deswegen keinen Alkohol trinken zu dürfen. (Gut, damals in Mailand war eh Fastenzeit… aber auf der Rückreise nach Ostern, als ich im selben Lokal erneut einkehrte, galt das Alkoholverbot immer noch.)

Nicht zu fassen, wieviel sich seitdem in meinem Innern verändert hat und wie stark sich das auswirkt. Es ist, als würde ich alles in einem neuen Licht sehen.

Die Heimatfront

2013 habe ich es wie erwähnt in sechs Länder geschafft. Fast ein Jahr habe ich beruflich in Hamburg verbracht, so dass ich meine Wohnung nur am Wochenende (und selbst dann manches Mal nur Sonntag abends oder gar nicht) gesehen habe.

Das hatte den unschönen Nebeneffekt, dass meine Wohnung immer unordentlicher wurde, was sich auch auf mein Gemüt niederschlug. Schon vorher stand zuviel Krempel unsortiert herum. Die ganze „Operation Augias“ ist also nur ein Teil des Plans, endlich wieder eine gemütliche Behausung zu haben. Besuch konnte ich noch empfangen, weil das Wohnzimmer noch eine wenig genutzte Oase der Ruhe war.

Aber ansonsten verstärkte sich der Effekt, der unter Esperanto-Sprechern nur allzu gut bekannt ist: Man fühlt sich toll, überall wo man in der Welt gerade ist – und die große Niedergeschlagenheit wartet zu Hause auf einen.

In den letzten Wochen habe ich sortiert, eingeräumt, umgeräumt, aussortiert – und das Ergebnis ist für mich offensichtlich: Ich fühle mich wieder wohl.

Jetzt könnte man das natürlich als Ausrede dafür ansehen, dass ich seit einem Monat nicht mehr im Ausland war – und seit eineinhalb Monaten kein neues Land von meiner Liste besucht habe. Habe ich meine Pläne so schnell vernachlässigt und letzten Endes vergessen?

Nun, ich hatte ja erwähnt, dass es bei den Vorbereitungen für die nächste Reise einige Schwierigkeiten gab. Aber diesen Eintrag tippe ich von meinem Hotel in Rom aus. Die Zeit des Herumlungerns zu Hause hat endlich ein Ende – und es wurde auch Zeit. Ich bin wieder da (bzw. weg)!

Einer der schönsten Tage in meinem Leben

Zehn Tage nichts Neues gebloggt – was ist los? Keine große Reiserei im Moment (dafür mehrere kleine), aber ansonsten scheint sich einzustellen, was ich schon oft auf Esperanto geschrieben habe: Entweder ich lebe oder ich blogge über das Leben!

Es war ein Teil meines Sardinien-Urlaubs und ich hatte im Rückblick auf den April schon angekündigt, dass ich darüber schreiben wollte. Aber dann wollte ich es besonders gut machen und am Ende schrieb ich bislang gar nichts. Mal wieder hat mich die alte Perfektionismusfalle geschnappt: Daher jetzt oder nie!

Erst einmal ein wenig langatmigen Vorlauf, der leider sein muss, um das Thema zu verstehen. Esperanto ist meine zweite Muttersprache (neben Deutsch) und ich liebe Musik.

Eine meiner schönsten Kindheitserinnerungen ist das Konzert der Esperanto-Rockband Amplifiki Mitte der 1980er Jahre. Ab hier kann ich mich selbst zitieren aus einem alten Artikel über moderne Esperanto-Musik:

„Ab spätestens den 1980er Jahren wurde Rockmusik ein fest verankerter Teil der Esperanto-Kultur. In diese Zeit fiel die Gründung der heute legendären Rockband Amplifiki, deren Mitglieder aus Schweden, Dänemark und Frankreich kamen. Die Lieder ihres ersten Albums Tute negravas („Ist ganz unwichtig“ oder „Macht überhaupt nichts“) genießen noch heute Kultstatus unter jugendlichen „Espis“. Als sich drei der Musiker während des Esperanto-Jugendweltkongresses 1999 zum ersten Mal seit vielen Jahren zu einem gemeinsamen Konzert zusammenfanden, wurde dies zu einem unvergeßlichen Erlebnis. Obwohl der größte Teil des dortigen Publikums Amplifiki nur von alten Kassettenaufnahmen kannte, sangen alle die Texte begeistert mit.“

Von diesem Konzert gibt es seit neuestem Ausschnitte bei Youtube zu sehen. Es sind nur kleine Ausschnitte, aber das hält mich in meiner Nostalgie nicht zurück (außerdem bin ich eitel und muss das Video einbetten, weil ich mich selbst dort entdeckt habe):

Über diesen Kongress gab es einen Artikel namens „Vera oro„, in dem auch dieses Foto auftauchte, auf dem vorne im Publikum mein Bruder zu sehen ist. Was er da hochhält und warum er das macht (es war ein Vorschlag von mir!), ist eine eigene Anekdote.

Wunder des Internets: Dieses Foto wurde bei Facebook wiederveröffentlicht und daraufhin bekam einer der Organisatoren des Treffens in Italien die Idee, die gesamte Originalbesetzung einzuladen. Als ich das las, war ich von Donner gerührt.

Das war in etwa so, als hätten die Beatles (zwischen 1970 und 1980, versteht sich) einfach mal so wieder zusammen ein Konzert gegeben. Amplifiki waren sicherlich nicht so originell oder künstlerisch ausgereift wie die Beatles (den entsprechenden Beitrag in der Geschichte der Esperanto-Rockmusik haben dann andere Bands, allem von Persone, übernommen), aber sie waren die ersten mit anhaltender Wirkung. Die Kassette (!) „Tute negravas“ habe ich ungezählte Male vor dem Einschlafen gehört. Als ich vor 9 Jahren hörte, dass das Album wieder erhältlich sei, habe ich es sofort auf Esperanto geschrieben: „Wenn ich nur ein Esperanto-Album auswählen und empfehlen könnte – dieses hier wäre es.“

Der Italien-Urlaub versprach also gewissermaßen eine Reise zurück in die Kindheit zu werden. Schon 1999 hatte ich Tränen in den Augen, und jetzt sollte die gesamte Band wieder zusammenkommen!

Große Erwartungen haben leider den Nachteil, dass sie oft enttäuscht werden. Aber es sollte ganz anders kommen…

Am Flughafen in Mailand-Linate stellte sich heraus, dass mein einstündiger Flug drei Stunden Verspätung hatte. Ein Unfall mit einem Traktor in Pescara, die Ersatzmaschine aus Rom würde solange brauchen. Die anwesenden Italiener tobten; ich war mir sicher, mein Ziel noch am selben Tag zu erreichen (genau deswegen hatte ich einen Flug am Morgen gewählt!) und packte zur Entspannung meine Ukulele aus. (Über Ukulele spielen und was ich damit schon erlebt habe, muss ich noch eigene Einträge schreiben.)

Da sprach mich eine Dame auf Esperanto an. Sie hatte messerscharf kombiniert: Im Flughafen Ukulele spielen – so verrückt kann ja nur ein Esperantosprecher sein! Ihre Begleitung stellte sich als Aline vor. Aline – so wie Aline, die Sängerin von Amplifki, und das gleichnamige Lied auf dem ersten Album. Wie sich herausstellte, waren die beiden Frauen niemand anders als die Sängerinnen von Amplifiki! Helden meiner Kindheit!

Wir verbrachten noch nach der Ankunft in Alghero einige Zeit im Flughafen, um auf dem Bus zu warten. Sie übten einige Texte und ich sang mit. Irgendwann kam die Idee auf (war es, als wir die anderen Musiker direkt nach der Ankunft in Lu Bagnu im Café getroffen hatten?), dass ich doch als Gastsänger auftreten könnte, da Martin Wiese (ein schwedischer Musiker und eines meiner musikalischen Idole schlechthin) leider nicht kommen konnte. Das muss man sich mal vorstellen! [Name Deiner Lieblingsband] gibt ein Konzert und sie fragen Dich nebenbei, ob Du nicht Lust hättest, für ein paar Lieder einzuspringen!

Im Grunde eine Erzählung, wie man sie aus schlechten Filmen kennt: Der promoted Fanboy („beförderte Fan“), wie er im Buche steht (bzw. Im TV-Tropes-Wiki, was aber hier auf dasselbe hinausläuft).

Nun kann es ja sehr desillusionierend sein, die Idole seiner Kindheit in echt und hautnah zu erleben. Am Ende sind Musiker auch nur Menschen mit Fehlern und Schwächern.

Aber diese Enttäuschung blieb aus, im Gegenteil: Nichts fand ich so rührend und beeindruckend wie bei den Proben zu erleben, dass sich alle Beteiligten voll auf die Vorbereitungen für das Konzert konzentrierten. Von „ich bin eine lebende Legende und brauche mich nicht vorbereiten“ keine Spur. Und dann höre ich einige der wichtigsten Lieder meiner Kindheit (und auch meines ganzen bisherigen Lebens) und werde selbst Teil dieser Darbietung… es schien mir wie ein Traum zu sein, aber es war alles echt.

Am Abend des Konzerts waren alle recht nervös. Würde das Wetter mitspielen (das Konzert fand im Freien statt) und würde die Technik funktionieren? Ich hatte auf dem Treffen bereits zweimal als Gastmusiker (mit Ukulele) fungiert, aber dieses Konzert, wie man nach allen bisherigen Ausführungen ahnen kann, stellte alles bisherige in den Schatten. Die gewissenhaften Proben zahlten sich aus. Ich sang „Somera temp'“, „Brava bardo“ und „Por ĉiam“ und war ganz in meinem Element.

Mit diesem Konzert wurde ein Stück Esperanto-Musikgeschichte geschrieben. Die anwesenden Veteranen, die Amplifiki noch aus alten Zeiten kannten, waren gerührt; im Internet bedauerten zahlreiche andere, dass sie nicht dabei sein konnten. Vielen jüngeren Leuten war es vielleicht nicht bewusst, was sie für einen bedeutendes Ereignis erlebten. Es spielt aber keine Rolle, denn es war so oder so ein absoluter Meilenstein.

Dass ich persönlich dazu beitragen konnte, ist nur eine Randnotiz, aber für mich war das einer der schönsten Momente in meinem Leben. Tja, wer hätte das gedacht? Es können unerwartet tolle Sachen passieren. Ich habe mir zu Beginn meiner Auszeit sehr kritisch (aber auch sehr ehrlich) in Erinnerung gerufen, dass ich zwar eine gesundheitlich sehr schwierige Zeit in meinem Leben überstanden habe, dass ich aber keine Antwort darauf finde, wofür ich das gemacht habe. Jetzt weiß ich den Grund. Es war für dieses Konzert, für diese einmalige Erfahrung. Das war – ohne Übertreibung – einer der schönsten Tage in meinem Leben.