Alle Wege führen nach Rom

Ich hatte gestern bereits verraten, dass ich zur Zeit in Rom bin. Warum war das schwerer als gedacht? Zum einen wollte die neue Kreditkarte noch nicht so, wie ich es will, sprich: Geld war genug drauf, aber das Limit noch nicht erhöht. Für mich eine ungewohnte Erfahrung, trotz genug Geld nicht zahlen zu können – ich weiß schon, warum ich bisher im Leben Kredikarten vermieden habe wie der Teufel das Weihwasser. Dabei sollte eine Kreditkarte das Bezahlen doch einfacher machen, nicht schwerer…

Als das Buchen der Reise und der Unterkunft über ein Reisebüro endlich inklusive Bezahlvorgang abgeschlossen war, habe ich mir noch, damit die Reise nicht zu einfach wird, zwei Verpeiltheiten geleistet, für die man mich gerne „Verpeilian“ nennen kann:

Zum einen habe ich die Nacht vorher noch ordentlich einen draufgemacht. Gut, es war nach wie vor kein Alkohol im Spiel und ich musste einfach raus und mich bewegen. Ich hätte aber wenigstens vorher schon packen können – zumindest all die Dinge, von denen ich sowieso wusste, dass ich sie brauchen würde. Aber nichts da, ich hatte einfach keinen Bock, das könnte ich ja morgen früh noch machen. Was uns zur zweiten Verpeiltheit führt.

Zum anderen habe ich, gerade weil ich ja die Reisedaten so früh schriftlich wusste, diese nicht im Kopf abgespeichert. Prompt stellte ich mittags fest, dass ich die Abflugzeit falsch in Erinnerung hatte – sie war zwei Stunden früher! Also nichts mit in aller Ruhe zusammenpacken (natürlich war ich spät aufgestanden, denn wozu sich beeilen).

Wenigstens kann ich inzwischen einigermaßen schnell packen. Diesmal brauchte ich keine Viertelstunde, vielleicht sogar unter zehn Minuten. Dann habe ich flugs die Zugfahrt organisiert. Ich kam dann zwar nicht zwei Stunden vorher in Düsseldorf an (diese Möglichkeit hatte ich durch meine Verpeiltheit um einige Minuten verpasst), sondern eine halbe Stunde später. Das reichte aber locker, um die Reisedokumente vom Schalter abzuholen.

Dank eines Rom-Reiseführers meiner Eltern konnte ich vor dem Abflug bereits lesen, wie ich ab der Landung weiterkommen würde. Wenigstens die Adresse des Hotels hatte ich zu Hause bereits auf der Karte ermittelt, alles andere wäre wirklich nicht entschuldbar gewesen!

Unglaublich, aber wahr: Obwohl ich schon oft in Italien war, bin ich noch nie in Rom gewesen. Gut, ich bin einmal auf der Rückreise Ostern 2001 in Rom umgestiegen, aber das zählt nicht richtig.

Dennoch kam ich ab der Landung wunderbar zurecht (die direkten Züge zum Bahnhof Roma Termini sind toll!). Mein Hotel liegt nur zwei Metrostationen weg und ist ein ehemaliges Kloster!

Schon beim Fußweg von der Metro zum Hotel war mir eine Pizzeria ganz in der Nähe aufgefallen, in der ich dann zu Abend gegessen habe. Mittags noch in der eigenen Wohnung gewesen, abends in Rom essen – wie cool ist das denn? Dabei kam mir das alles wie ein Heimspiel vor, so stark wirkten die Erfahrung mit Italien und die Italienischkenntnisse.

Es hätte vielleicht wie eine Wiederholung der Reise nach Mailand einen Monat vorher wirken können, als ich abends ankam und direkt neben dem Hotel essen ging. Aber jetzt merkte ich noch einmal, wieviel anders war, was alles fehlte: Die Negativität, die Stimmungsschwankungen, die tiefe Traurigkeit – und vor allem das Wissen, nach wie vor nicht gesund zu sein und deswegen keinen Alkohol trinken zu dürfen. (Gut, damals in Mailand war eh Fastenzeit… aber auf der Rückreise nach Ostern, als ich im selben Lokal erneut einkehrte, galt das Alkoholverbot immer noch.)

Nicht zu fassen, wieviel sich seitdem in meinem Innern verändert hat und wie stark sich das auswirkt. Es ist, als würde ich alles in einem neuen Licht sehen.

Die Heimatfront

2013 habe ich es wie erwähnt in sechs Länder geschafft. Fast ein Jahr habe ich beruflich in Hamburg verbracht, so dass ich meine Wohnung nur am Wochenende (und selbst dann manches Mal nur Sonntag abends oder gar nicht) gesehen habe.

Das hatte den unschönen Nebeneffekt, dass meine Wohnung immer unordentlicher wurde, was sich auch auf mein Gemüt niederschlug. Schon vorher stand zuviel Krempel unsortiert herum. Die ganze „Operation Augias“ ist also nur ein Teil des Plans, endlich wieder eine gemütliche Behausung zu haben. Besuch konnte ich noch empfangen, weil das Wohnzimmer noch eine wenig genutzte Oase der Ruhe war.

Aber ansonsten verstärkte sich der Effekt, der unter Esperanto-Sprechern nur allzu gut bekannt ist: Man fühlt sich toll, überall wo man in der Welt gerade ist – und die große Niedergeschlagenheit wartet zu Hause auf einen.

In den letzten Wochen habe ich sortiert, eingeräumt, umgeräumt, aussortiert – und das Ergebnis ist für mich offensichtlich: Ich fühle mich wieder wohl.

Jetzt könnte man das natürlich als Ausrede dafür ansehen, dass ich seit einem Monat nicht mehr im Ausland war – und seit eineinhalb Monaten kein neues Land von meiner Liste besucht habe. Habe ich meine Pläne so schnell vernachlässigt und letzten Endes vergessen?

Nun, ich hatte ja erwähnt, dass es bei den Vorbereitungen für die nächste Reise einige Schwierigkeiten gab. Aber diesen Eintrag tippe ich von meinem Hotel in Rom aus. Die Zeit des Herumlungerns zu Hause hat endlich ein Ende – und es wurde auch Zeit. Ich bin wieder da (bzw. weg)!

Einer der schönsten Tage in meinem Leben

Zehn Tage nichts Neues gebloggt – was ist los? Keine große Reiserei im Moment (dafür mehrere kleine), aber ansonsten scheint sich einzustellen, was ich schon oft auf Esperanto geschrieben habe: Entweder ich lebe oder ich blogge über das Leben!

Es war ein Teil meines Sardinien-Urlaubs und ich hatte im Rückblick auf den April schon angekündigt, dass ich darüber schreiben wollte. Aber dann wollte ich es besonders gut machen und am Ende schrieb ich bislang gar nichts. Mal wieder hat mich die alte Perfektionismusfalle geschnappt: Daher jetzt oder nie!

Erst einmal ein wenig langatmigen Vorlauf, der leider sein muss, um das Thema zu verstehen. Esperanto ist meine zweite Muttersprache (neben Deutsch) und ich liebe Musik.

Eine meiner schönsten Kindheitserinnerungen ist das Konzert der Esperanto-Rockband Amplifiki Mitte der 1980er Jahre. Ab hier kann ich mich selbst zitieren aus einem alten Artikel über moderne Esperanto-Musik:

„Ab spätestens den 1980er Jahren wurde Rockmusik ein fest verankerter Teil der Esperanto-Kultur. In diese Zeit fiel die Gründung der heute legendären Rockband Amplifiki, deren Mitglieder aus Schweden, Dänemark und Frankreich kamen. Die Lieder ihres ersten Albums Tute negravas („Ist ganz unwichtig“ oder „Macht überhaupt nichts“) genießen noch heute Kultstatus unter jugendlichen „Espis“. Als sich drei der Musiker während des Esperanto-Jugendweltkongresses 1999 zum ersten Mal seit vielen Jahren zu einem gemeinsamen Konzert zusammenfanden, wurde dies zu einem unvergeßlichen Erlebnis. Obwohl der größte Teil des dortigen Publikums Amplifiki nur von alten Kassettenaufnahmen kannte, sangen alle die Texte begeistert mit.“

Von diesem Konzert gibt es seit neuestem Ausschnitte bei Youtube zu sehen. Es sind nur kleine Ausschnitte, aber das hält mich in meiner Nostalgie nicht zurück (außerdem bin ich eitel und muss das Video einbetten, weil ich mich selbst dort entdeckt habe):

Über diesen Kongress gab es einen Artikel namens „Vera oro„, in dem auch dieses Foto auftauchte, auf dem vorne im Publikum mein Bruder zu sehen ist. Was er da hochhält und warum er das macht (es war ein Vorschlag von mir!), ist eine eigene Anekdote.

Wunder des Internets: Dieses Foto wurde bei Facebook wiederveröffentlicht und daraufhin bekam einer der Organisatoren des Treffens in Italien die Idee, die gesamte Originalbesetzung einzuladen. Als ich das las, war ich von Donner gerührt.

Das war in etwa so, als hätten die Beatles (zwischen 1970 und 1980, versteht sich) einfach mal so wieder zusammen ein Konzert gegeben. Amplifiki waren sicherlich nicht so originell oder künstlerisch ausgereift wie die Beatles (den entsprechenden Beitrag in der Geschichte der Esperanto-Rockmusik haben dann andere Bands, allem von Persone, übernommen), aber sie waren die ersten mit anhaltender Wirkung. Die Kassette (!) „Tute negravas“ habe ich ungezählte Male vor dem Einschlafen gehört. Als ich vor 9 Jahren hörte, dass das Album wieder erhältlich sei, habe ich es sofort auf Esperanto geschrieben: „Wenn ich nur ein Esperanto-Album auswählen und empfehlen könnte – dieses hier wäre es.“

Der Italien-Urlaub versprach also gewissermaßen eine Reise zurück in die Kindheit zu werden. Schon 1999 hatte ich Tränen in den Augen, und jetzt sollte die gesamte Band wieder zusammenkommen!

Große Erwartungen haben leider den Nachteil, dass sie oft enttäuscht werden. Aber es sollte ganz anders kommen…

Am Flughafen in Mailand-Linate stellte sich heraus, dass mein einstündiger Flug drei Stunden Verspätung hatte. Ein Unfall mit einem Traktor in Pescara, die Ersatzmaschine aus Rom würde solange brauchen. Die anwesenden Italiener tobten; ich war mir sicher, mein Ziel noch am selben Tag zu erreichen (genau deswegen hatte ich einen Flug am Morgen gewählt!) und packte zur Entspannung meine Ukulele aus. (Über Ukulele spielen und was ich damit schon erlebt habe, muss ich noch eigene Einträge schreiben.)

Da sprach mich eine Dame auf Esperanto an. Sie hatte messerscharf kombiniert: Im Flughafen Ukulele spielen – so verrückt kann ja nur ein Esperantosprecher sein! Ihre Begleitung stellte sich als Aline vor. Aline – so wie Aline, die Sängerin von Amplifki, und das gleichnamige Lied auf dem ersten Album. Wie sich herausstellte, waren die beiden Frauen niemand anders als die Sängerinnen von Amplifiki! Helden meiner Kindheit!

Wir verbrachten noch nach der Ankunft in Alghero einige Zeit im Flughafen, um auf dem Bus zu warten. Sie übten einige Texte und ich sang mit. Irgendwann kam die Idee auf (war es, als wir die anderen Musiker direkt nach der Ankunft in Lu Bagnu im Café getroffen hatten?), dass ich doch als Gastsänger auftreten könnte, da Martin Wiese (ein schwedischer Musiker und eines meiner musikalischen Idole schlechthin) leider nicht kommen konnte. Das muss man sich mal vorstellen! [Name Deiner Lieblingsband] gibt ein Konzert und sie fragen Dich nebenbei, ob Du nicht Lust hättest, für ein paar Lieder einzuspringen!

Im Grunde eine Erzählung, wie man sie aus schlechten Filmen kennt: Der promoted Fanboy („beförderte Fan“), wie er im Buche steht (bzw. Im TV-Tropes-Wiki, was aber hier auf dasselbe hinausläuft).

Nun kann es ja sehr desillusionierend sein, die Idole seiner Kindheit in echt und hautnah zu erleben. Am Ende sind Musiker auch nur Menschen mit Fehlern und Schwächern.

Aber diese Enttäuschung blieb aus, im Gegenteil: Nichts fand ich so rührend und beeindruckend wie bei den Proben zu erleben, dass sich alle Beteiligten voll auf die Vorbereitungen für das Konzert konzentrierten. Von „ich bin eine lebende Legende und brauche mich nicht vorbereiten“ keine Spur. Und dann höre ich einige der wichtigsten Lieder meiner Kindheit (und auch meines ganzen bisherigen Lebens) und werde selbst Teil dieser Darbietung… es schien mir wie ein Traum zu sein, aber es war alles echt.

Am Abend des Konzerts waren alle recht nervös. Würde das Wetter mitspielen (das Konzert fand im Freien statt) und würde die Technik funktionieren? Ich hatte auf dem Treffen bereits zweimal als Gastmusiker (mit Ukulele) fungiert, aber dieses Konzert, wie man nach allen bisherigen Ausführungen ahnen kann, stellte alles bisherige in den Schatten. Die gewissenhaften Proben zahlten sich aus. Ich sang „Somera temp'“, „Brava bardo“ und „Por ĉiam“ und war ganz in meinem Element.

Mit diesem Konzert wurde ein Stück Esperanto-Musikgeschichte geschrieben. Die anwesenden Veteranen, die Amplifiki noch aus alten Zeiten kannten, waren gerührt; im Internet bedauerten zahlreiche andere, dass sie nicht dabei sein konnten. Vielen jüngeren Leuten war es vielleicht nicht bewusst, was sie für einen bedeutendes Ereignis erlebten. Es spielt aber keine Rolle, denn es war so oder so ein absoluter Meilenstein.

Dass ich persönlich dazu beitragen konnte, ist nur eine Randnotiz, aber für mich war das einer der schönsten Momente in meinem Leben. Tja, wer hätte das gedacht? Es können unerwartet tolle Sachen passieren. Ich habe mir zu Beginn meiner Auszeit sehr kritisch (aber auch sehr ehrlich) in Erinnerung gerufen, dass ich zwar eine gesundheitlich sehr schwierige Zeit in meinem Leben überstanden habe, dass ich aber keine Antwort darauf finde, wofür ich das gemacht habe. Jetzt weiß ich den Grund. Es war für dieses Konzert, für diese einmalige Erfahrung. Das war – ohne Übertreibung – einer der schönsten Tage in meinem Leben.

DJ sein

Neben Gefühlsduselei und Herumgepose beim Baden im Meer war in meinem Esperanto-Urlaub auf Sardinien natürlich noch mehr los. Eine Sache, die ich mal wieder so richtig genossen habe, war als DJ zu arbeiten.

Es war zwar nur an zwei Abenden, aber das reichte vollkommen aus, um meine Eitelkeit zu befriedigen und mein Selbstwertgefühl zu befeuern. Eine dritte Gelegenheit am letzten Abend ließ ich aus, obwohl sowohl Publikum als auch einer der italienischen DJs wollte, dass ich auflege. Mir war das aber schon zu spät, um noch anzufangen (weit nach 1 Uhr), weil ich noch mit einigen Leuten reden und dann früh ins Bett gehen wollte (der Bus nach Alghero würde um 9 Uhr abfahren, und unter 6 Stunden Schlaf ist es immer bei mir kritisch).

Bei zwei Gelegenheiten vor meinen eigentlichen Einsätzen als DJ habe ich auf Anregung einer charmanten Dame zweimal eine La-Bamba-Runde nur mit eigenem Gesang und Ukulele zustande gebracht. (Wie man in Esperantujo La Bamba tanzt, das ist eine eigene Erzählung. Nur soviel: Es hat mit Küssen zu tun und macht viel Spaß.)

Mein erster Abend als DJ ging ebenfalls mit über einer Stunde Verspätung los, weil es dauerte, die Technik bereitzustellen. Dann flutschte es aber, innerhalb weniger Lieder hatte ich die Tanzfläche gefüllt und die Leute gaben alles. Ich wusste, dass mich der italienische DJ recht früh ablösen wollte, so dass ich mich nicht allzu lange bei einem Stil aufhielt, sondern alle wichtigen Lieder auflegte, die ich in meiner ersten Nacht unbedingt bringen wollte. Nach etwa einer Stunde und zehn Minuten war denn auch schon Feierabend für mich, aber in dieser Zeit hatte ich die Meute gut gerockt und für viele glückliche Gesichter gesorgt. Und genau das ist es, was das DJ-Dasein für mich ausmacht: Einen wesentlichen Teil zur Stimmung beitragen, dafür sorgen, dass sich Leute kennenlernen und am besten ein wenig näherkommen können. Wenn das klappt, ist es konform zu den drei Motiven, die mich antreiben (einen Unterschied machen, etwas in den Herzen der Menschen bewegen und gut genug für etwas sein).

Es geht kurioserweise nicht um die Technik oder dass man selbst der größte oder besser als alle anderen ist. Im Gegenteil, am schönsten finde ich es immer, wenn ein anderer DJ Musik auflegt, die mir gut gefällt, so dass ich dann selbst auf der Tanzfläche so richtig abrocken kann.

Einen Abend später lief der Transport der Technik reibungsloser ab und ich fing gegen Mitternacht an. Diesmal probierte ich einige Lieder aus, die ich kurz vor der Reise noch gekauft hatte (ganz altmodisch in einem Gebraucht-CD-Laden). Auf dem Höhepunkt des Abends erschien mir die Stimmung noch besser als vorher und die Tanzfläche noch voller, dann leerte es sich innerhalb weniger Lieder jedoch zusehends, so dass ich weder eine La-Bamba-Runde noch ein langsames Lied (wie gesagt: das Ziel ist näher kennenlernen…) bringen konnte. Anscheinend machte sich nun bemerkbar, dass die Leute seit Beginn des Abends hochprozentige alkoholische Getränke konsumiert hatten und nun aus verschiedenen Gründen flach lagen. (Spätere mündlich durchgeführte Untersuchungen erhärteten diesen Verdacht.)

Ich fand es zwar etwas schade, dass fast niemand mehr zum Reden da war (das musste ich dann einen Tag später am letzten Abend nachholen), konnte aber ansonsten zufrieden mit dem Abend sein. Immerhin hatte ich länger als die meisten anderen durchgehalten.

Hier ein Lied, das ich kurz vor dem Treffen gekauft habe und das sich als echter Knaller erwies! Das wird ab jetzt in meinem engeren Repertoire sein für die multilinguale Disco.

Rhythms del mundo: 36grad (feat. 2raumwohnung)

DJ sein ist für mich in den letzten 20 Jahren immer ein Quell von Lebensfreude gewesen. Oft genug war auch Frust und Enttäuschung im Spiel, aber ich habe gerade in den letzten Jahren gemerkt, wie ich an dieser Aufgabe gewachsen bin. Der Grund, warum ich das nicht bereits erwähnt habe, als ich über meine Träume geschrieben habe, ist ganz einfach: Ich bin bereits als Jugendlicher recht spontan zu meinem ersten Abend als DJ gekommen, das heißt es wurde bereits Realität, bevor ich mich lange danach sehnen konnte (das tue ich jedoch bis heute, wenn die Pause zwischen zwei Möglichkeiten zum Auflegen zu lang wird). Das zeigt, dass es noch mehr sehr wichtige, prägende Dinge im Leben gibt außer den eigenen Träumen, und dass einige tolle Sachen passieren können, von denen ich mir nie hätte vorstellen können, dass sie so toll sein würden.

Sardinien und das Meer

So, ich habe in meinem reichlich gefühlsduseligen Eintrag versprochen, über ordentlich Action in meinem Urlaub in Lu Bagnu auf Sardinien zu berichten. Also los:

Ein paar Dinge gehören am Strand in Italien natürlich zum Standardprogramm. Ein ungeschriebenes lex teutonica besagt: Ein deutscher Mann muss grundsätzlich im Meer baden, wenn es nach italienischem Empfinden dafür noch oder schon wieder zu kalt ist (also ungefähr immer außer im August – kein Witz, man erklärte mir mal auf Sizilien bei 40 Grad im Schatten im September, die Badesaison sei eigentlich vorbei!). Dies gilt besonders, wenn Frauen oder italienische Männer zusehen. Letzteren kann man bei dieser Gelegenheit noch einmal zeigen, dass ein richtiger Mann keine Angst vor kaltem Wasser zu haben braucht (wie gesagt, wir reden über das Meer in Italien im Frühling!) und dass es durchaus unterschiedliche Kriterien von Männlichkeit gibt, von denen wohl niemand alle erfüllen kann. Schließlich bekommt man oft genug zu hören, dass deutsche Männer nicht flirten könnten, kein Rhythmusgefühl hätten, zu schüchtern wären usw. Da macht sich so ein Bad im Meer, das bei Italienern regelmäßig Entsetzen und Schockstarre auslöst, als Diskussionsbeitrag ganz gut. Außerdem müssen unter Männern solche kleinen Frotzeleien auch mal sein.

Glücklicherweise gab es am Strand von Lu Bagnu eine Stelle, in denen keine spitzen Steine oder Muschelschalen im Weg waren, so dass ich das perfekte Terminator-Programm durchziehen konnte: Hose und T-Shirt aus und dann mit steten großen Schritten ins Meer waten, ohne eine Miene zu verziehen. Was für ein Spaß!

Beim ersten Mal erschien mir das Meer tatsächlich recht kalt (sogar noch kälter als üblicherweise die italienischen Duschen, um einen Seitenhieb auf Esperanto-Urlaube in Italien zu bringen), aber einige Tage später war es sogar angenehm erträglich. Zu meiner großen Freude wurde ich tatsächlich von mehreren anwesenden Damen fotografiert und bejubelt. Bei dieser Gelegenheit freute ich mich zum ersten Mal besonders, seit dem letzten Sommer ca. 8 Kilo abgenommen zu haben, denn das Nichtvorhandensein eines Bauchansatzes macht sich auf solchen Fotos in Badehose doch sehr gut. Im Laufe der Woche sammelte ich noch einige Komplimente ein, etwa dass ich doch ganz schöne Muskeln hätte, dass ich wirklich abgenommen hätte und dass ich durch meine neue Frisur jünger und viel besser aussähe.

Das klingt alles ganz eitel und oberflächlich? Das mag sein, aber es hat mich glücklich gemacht. Wie damals meine Träume, nur in klein.

Und falls das zu wenig Action war: Da kommt noch mehr.

Sardinien oder „Nur in Deinem Kopf“

Über zwei Wochen Pause im Blog – und das aus gutem Grund: Ich war im Urlaub! Auch ohne ein Jahr Pause von der Arbeit wäre ich über Ostern nach Italien gereist, um an einem Esperantotreffen teilzunehmen. Nun zählt Sardinien nicht als neues Land auf meiner Liste, aber immerhin war ich noch nie auf dieser Insel. Außerdem habe ich auf der Hinfahrt nach Mailand einen zweistündigen Zwischenstopp in Zürich gemacht, so dass ich dieses Jahr bereits in sieben Ländern gewesen bin (Polen, Tschechien, Deutschland, Luxemburg, Frankreich, Schweiz, Italien). Zum Vergleich: 2013 waren es insgesamt nur sechs.

Zu Sardinien selbst: Ich war in Lu Bagnu bei Castelsardo im Norden. Selbst der nächste Flughafen in Alghero ist 67 km entfernt. Es ist in Italien aber nicht ungewöhnlich, dass man die schönen Urlaubsorte nur schwer erreichen kann. Ich habe zwar eine Reihe Fotos geschossen, bringe aber nur die vom Strand und den Sonnenuntergängen, um ein wenig Neid auszulösen:

Es war in jedem Fall spannend, zu hören, wie meine Reisepläne unter Esperantosprechern aufgefasst werden. Die Reaktionen waren zum Teil durchaus anders als in meinem restlichen Umfeld:
„Nur ganz Europa? Wie langweilig!“
„Du hast bisher nur 21 Länder besucht? Ich bin jünger habe schon 30 geschafft!“

Das zeigt allerdings auch, warum ich erstens sehr gerne in der Esperantowelt unterwegs bin (die Leute sind einfach sehr interessant!) und warum ich zweitens meine Reisepläne für nicht geeignet zum Angeben betrachte, sondern nur als persönliches Ziel. Wie ich wieder einmal gemerkt habe, sind Esperantofreunde auch hervorragend darin, mir den Kopf zurechtzurücken. So bekam ich zu hören, dass ich sehr negativ sei und das auch ausstrahle – ganz anders als der Eindruck aus meinem Alltagsumfeld. Das kann, wie ich mit ein wenig Nachdenken festgestellt habe, daran liegen, dass ich mich etwa bei der Arbeit über weite Strecken soweit wie möglich zusammenreiße und eine positive Einstellung zeige, so dass all die schlechte Laune, die ich in mir trage, in meinem Privatleben herauskommt. Ich habe allerdings auch privat zu Hause oft emotional die Schotten dicht gemacht, nachdem ich den Eindruck hatte, dass negative Gefühle wie Angst, Schwäche, Traurigkeit nicht akzeptiert werden. Entsprechend heftiger war dann, was ich auf Esperanto verbreitet habe, denn ständig kann ich mich der Wahrheit nicht verschließen.

Gerade am Anfang meiner Auszeit ist mir aufgefallen, was für heftige Gefühlsschwankungen ich habe. Es gibt auch eine Erklärung dafür, warum die miese Laune scheinbar anhält, obwohl ich es doch geschafft habe, aus meinem Alltag zu entfliehen: Es war so, als müsste ich all die schlechten Gefühle durchleben, die ich viel zu lange unterdrückt habe. So wie ein Gift, dass man erst auf dem Körper lassen muss, damit die Wunden heilen können.

Neben der Feststellung meiner negativen Einstellung bekam ich zu hören, dass das nur in meinem Kopf sei, dass auch andere solche Probleme wie ich hätten und sie lösen würden und dass es schwer sei, seine Einstellung zu ändern. Ich habe keine Ahnung, ob das so gemeint war, aber ich habe daraus spontan mehrere positive Punkte mitgenommen:

Erstens, wenn das nur in meinem Kopf ist, dann ist die Welt besser, als ich denke und dann habe ich es auch in der Hand, etwas zu ändern. Es mag zwar schwierig erscheinen, eine Kopfsache zu lösen, aber ich habe in den letzten Jahren schon ganz andere Dinge hinter mich gebracht. Das soll mich nun wirklich nicht aufhalten!

Zweitens, wenn andere Leute ähnliche Probleme haben und sie lösen, dann sind auch die Probleme, die ich im Leben habe, lösbar. Außerdem unterscheide ich mich doch nicht so stark vom Rest der Menschheit und das ist für mich eine gute Nachricht.

Drittens, die Feststellung, dass es schwer ist, seine Einstellung zu ändern, ist für mich eine Herausforderung, genau das zu tun. Es wäre nicht das erste Mal in meinem Leben, dass ich ausgerechnet da Erfolg habe, wo es andere als schwer erachten. Außerdem weiß ich, was ich schon alles geschafft habe.

Die Fantastishen Vier: Nur in Deinem Kopf

Und was soll ich sagen? Nach ein paar Tagen verschwand die schlechte Laune über Nacht. Wie ein Pelz, den ich nach einem langen Winter ablegen musste und an den zu tragen ich mich so gewöhnt hatte, dass mich andere auf den Frühling aufmerksam machen mussten. Der Vergleich ist auch deswegen treffend, weil ich in den letzten fast vier Jahren den Eindruck hatte, dass in meinem Leben Winter herrscht. Man sagt, dass nach jedem Winter wieder der Frühling kommt, aber der Winter in meinem Leben wollte einfach nicht mehr vorbeigehen.

Jetzt war dieses Frühlingsgefühl endlich da. Ich kann nicht beschreiben, wie wertvoll es ist, das noch einmal zu erleben.

All das Negative, das war nicht mein eigentliches Ich. Das war nur die letzte Schicht über dem eigentlichen Kern. Darunter verbarg sich tatsächlich noch ein positiver, wenn auch etwas empfindsamer Mensch, der sich durch verletzende Erfahrungen in der Vergangenheit angewöhnt hatte, einen großen Mantel zur Abwehr zu tragen.

Nun könnte man sagen: Naja, Urlaubstimmung eben, das geht vorbei. Aber ich bemerkte noch etwas Faszinierendes, was in mir vorging: Meine Gesichtsmuskeln entspannten sich. Ich bekam wieder den alten Glanz in den Augen, den ich früher mal hatte und von dem ich dachte, ich hätte ihn für immer verloren.

Ich kann mich gar nicht daran erinnern, wann ich mich das letzte Mal so entspannt gefühlt habe. Vor 5 Jahren, als ich das letzte Mal glücklich verliebt war? Oder sogar vor 14 Jahren, als ich glücklich verliebt war und aus dem Alltag entflohen war, weil ich ein Jahr im Ausland verbrachte (eine Erfahrung, die mich mit zu diesem Jahr Auszeit inspiriert hat)? Wie auch immer, ein unbezahlbares Gefühl.

In den vergangenen Jahren konnte ich mich selbst auf Fotos oder im Spiegel meistens nicht gut lächelnd ertragen. Schön fand ich, wenn ich ernst oder traurig guckte, weil ich das als ehrlich und authentisch empfand. Jetzt war auch das anders. Ich konnte wieder lächeln und kam mir dabei nicht verlogen vor!

Ich fühle mich wieder wie ein Mensch, der mit einem Staunen durch die Welt gehen kann. Und ich glaube, dass das auch den anderen Menschen zugute kommt, die mit mir zu tun haben.

Es ist natürlich noch einiges mehr passiert in dieser Woche in Italien. Ich hatte zum Beispiel einige sehr gute Gespräche über das Leben und was ich machen sollte. Aber es gab auch ein wenig Action, was Stoff für weitere Einträge ist.