Für eine menschliche Männlichkeit

Ich bin auf der Suche nach dem verlorenen Groove. Zwei Blogeinträge fassen jeweils alle Blogeinträge aus Q2/2020 und alle Blogeinträge aus Q3/2020 zusammen. Zuletzt habe ich gebloggt über Lieder, die mich durch die Nacht bringen, das neue Lebensjahr, vom Sinn des Staunens, was dieses Blog hier wird (und was nicht), die eigene Aufgabe zu erkennen, ein erstaunlich tiefgründiges Lied von Sasha, Glauben und Zweifel, wie der Groove zurückkam sowie über Jahresendmüdigkeit.

Ich hatte bereits über falsche Lehren aus der Popkultur geschrieben und den Sinn von Zorn und Weinen. Das heutige Thema ist damit verbunden. Ich habe erst vor kurzer Zeit erkannt, was für ein negatives Männerbild ich lange Zeit gehabt habe.

Kurioserweise war ich immer der Meinung, doch einem ganz anderen Ideal anzuhängen, das ich auch in meiner Erziehung erlebt habe: Alle Menschen sind gleichwertig. Jeder hat das Recht auf freie Entfaltung seiner Persönlichkeit.

Parallel dazu habe ich jedoch ein falsches Männerbild mitbekommen (insbesondere durch Popkultur und öffentlichen Diskurs):

  • Männer sind emotional verkrüppelt / unreflektiert.
  • Männer sind minderwertig (müssen erst etwas leisten, bevor sie akzeptiert werden können).
  • Männer sind eine Last (müssen daher nützlich sein, damit man sie überhaupt ertragen kann).

Auch, was Beziehungen angeht, gab ein klares Urteil. Wenn eine Beziehung scheitert, bekommt zunächst einmal der Mann automatisch die Schuld. Die drei üblichen Erklärungen lauten:

  • Der Mann war nicht gut genug / hat nicht genug getan.
  • Der Mann war nicht modern genug / kam nicht mit modernen Zeiten zurecht.
  • Der Mann war emotional unreif / hatte kein Verhältnis zu seinen Gefühlen.

Ich war völlig perplex, als ich erkannt habe, wie ich diesem Erklärungsmuster Schritt für Schritt gefolgt bin. Erst als ich „meine Unschuld bewiesen hatte“, konnte ich mich davon lösen. Dabei sollte man davon ausgehen, dass niemand schuldig ist für etwas, das man ist.

Es hilft nicht weiter, dass im modernen Diskurs der Mann als Wesen mit Rechten und Gefühlen nicht vorkam. Das traditionelle Männerbild sieht so aus:

  • Der Mann muss stark sein.
  • Der Mann muss sich beweisen.
  • Der Mann kann beliebig verheizt werden.

Das pseudomoderne Männerbild macht es jedoch nicht besser. Hier kommen die Männer vom Regen in die Traufe:

  • Der Mann darf nichts mehr erwarten (Respekt, Wertschätzung).
  • Der Mann darf keine Rollenbilder mehr haben (kein positives Bild von sich).
  • Der Mann muss Gefühle zeigen, wann immer es Frauen oder Gesellschaft wollen.

Unpassende Gefühle oder Gefühle zur falschen Zeit waren hingegen eine unerträgliche Last bzw. ließen Frauen und Gesellschaft ratlos zurück. (Nur ein Beispiel: Die „Schmerzensmänner“-Debatte vor einigen Jahren…)

Echt modern und pseudomodern lassen sich dabei recht einfach unterscheiden: Ein wirklich modernes Männerbild gesteht Männern dasselbe Recht zu wie allen Menschen allgemein, anstatt sie unter Extrazwänge zu stellen. Pseudomoderne Weltbilder hingegen halten völlig selbstverständlich an der traditionellen Verwertungslogik fest und versuchen diese nur unsichtbar zu machen, indem darüber nicht gesprochen werden darf. Modern steht allen Freiheit zu, pseudomodern ist von Angst erfüllt, was wohl Schreckliches passieren wird, wenn Männer nicht unter die Knute gezwungen werden. (Frühe moderne Bewegungen hatten als Hintergrund immer noch das traditionelle Bild, dessen Wert und Erfolg allgegenwärtig und offensichtlich waren. Sie konnten nur auf dessen Basis überhaupt etwas anderes versuchen, weil Wohlstand und Versorgung sichergestellt waren. Die Forderung nach einem „neuen Mann“ war denn auch nie die nach einem anderen Mann, sondern stets nach zusätzlichen Qualitäten, die doch bitte obendrauf geliefert werden sollten.)

Ich habe lange gedacht, das Problem sei zu lösen, indem sich Männer „in die gesellschaftliche Debatte einbringen“. Das halte ich inzwischen für sinnlos, denn gegenüber dominanten Geisteshaltungen, deren Verfechter Angst vor bestimmten Menschengruppen schüren, wird das nicht funktionieren.

Die Lösung liegt jenseits der Folklore und dessen, was immer wieder gesagt und geschrieben wird. Es geht darum, aus dem System auszusteigen, nicht innerhalb des Systems zu optimieren. Der eigentliche Wert bleibt unsichtbar und wird nur offensichtlich, wenn Männer wirklich fehlen.

Echte Männlichkeit besteht darin, gerade nicht all den Anforderungen zu entsprechen, sondern auf sich selbst zu achten und zur Not gegen den Rest der Welt zu sein. Kurioserweise ist genau dieses „auf sich allein gestellt bestehen“ typischer Bestandteil von Männlichkeitsritualen… diese traditionellen Rituale in eine Form zu übersetzen, die zur einer modernen westlichen Gesellschaft passt, das wäre etwas!

Ein Lied, das sich gegen die Verheizbarkeit von Männern richtet, hat Reinhard Mey kürzlich neu aufgenommen. Ein sehr guter Musiktipp aus meinem Freundeskreis!

Reinhard Mey & Freunde – Nein, meine Söhne geb‘ ich nicht

Ich bring‘ Dich durch die Nacht

Ich bin auf der Suche nach dem verlorenen Groove. Zwei Blogeinträge fassen jeweils alle Blogeinträge aus Q2/2020 und alle Blogeinträge aus Q3/2020 zusammen.

Zu dem Lied „The Dawn Will Come“ und meinen Gedanken dazu gab es noch eine schöne Rückmeldung:

Reinhard Mey, dessen Lied „So viele Sommer“ ich dieses Jahr zu spielen und singen gelernt habe, hat ebenfalls ein Stück zum selben Thema anzubieten:

Reinhard Mey: Ich bring‘ Dich durch die Nacht

Die letzte Woche hat mir noch einmal einiges an Energie abverlangt. Umso wichtiger ist es, Dinge zu finden, aus denen man wieder neue Kraft schöpfen kann!

Deswegen folgen noch vier weitere Versionen von „The Dawn Will Come“, die es mir angetan haben.

Die erste finde ich sehr zart arrangiert, die zweite hat mich besonders ergriffen, die dritte hat ein ein besonders schönes begleitendes Video. Da der Text sehr wichtig ist, habe ich die Instrumentalversionen weitestgehend außen vor gelassen – aber Lindsey Stirling ist mit ihrer Darbietung und ihrem Video wieder einmal eine Klasse für sich. Daher ist dies die vierte Version meiner heutigen Auswahl.

Malukah

Folkore Guild

Igromanija

Lindsey Stirling

So viele Sommer

Ich bin auf der Suche nach dem verlorenen Groove. Ein Blogeintrag fasst den Hintergrund mit Verweisen auf alle Blogeinträge aus Q2/2020 zusammen. Seitdem habe ich über den Sinn des Zorn, Verletzbarkeit, die Zeit vor fünf bzw. zehn Jahren und dass das Leben keinen Sinn haben muss geschrieben sowie zuletzt über drei wertvolle Einsichten.

Heute geht es um eine Kleinigkeit, die mir dennoch viel bedeutet. Eine Freundin machte mich vor ein paar Monaten auf das Wohnzimmerkonzert von Reinhard Mey aufmerksam. Dabei präsentiert er drei Lieder, unter anderem „So viele Sommer“ (ab 3:58):

Das Lied brachte mich zum Weinen. Was für ein großartiger Inhalt! Was für eine tolle Darbietung dazu – ganz schlicht dargeboten mit Gitarre und Gesang, mit leiser Stimme gesungen, so zerbrechlich und authentisch.

Das Stück ist erst aus dem Jahre 2016, also gerade kein Klassiker aus seinem Repertoire. Ohne die Folgen der ungewöhnlichen Zeiten, in denen wir leben, wäre ich wahrscheinlich nie darauf gestoßen. Hier zum Vergleich die Albumversion:

Da es angenehmerweise Text, Noten und Akkorde als PDF im Netz gibt, habe ich mich daran gemacht, das Stück auf Ukulele spielen zu lernen. Ich singe am besten drei Halbtöne höher als das Original (ging mir auch bei „Gute Nacht, Freunde“ so).

Am Wochenende habe ich die erste längere Reise seit einem halben Jahr unternommen – zur Goldenen Hochzeit meiner Eltern. Für diesen Anlass hatte ich es gelernt.

Und siehe da – ich kam nicht ins Stocken bei meiner Darbietung und es kam gut an. Wer hätte gedacht, dass ich durch die verrückte Weltlage so einen Treffer landen würde?