Rückreise mit Hindernissen

Es war eine abenteuerliche Fahrt nach Schweden gewesen. Doch schon für den ersten Abend in Stockholm hatte es sich gelohnt. In Härnösand im Norden hatte ich das Mittsommerfest erlebt und an einer weiteren Feier teilgenommen. Zurück in Stockholm hatte ich einen Plattenladen besucht und dort ordentlich eingekauft sowie einen langen Spaziergang gemacht und in Restaurant und Café gegessen.

Doch irgendwann musste auch ich zurück! Um 08:21 Uhr nahm ich meinen Zug nach Kopenhagen. Nach dem Verlassen von Malmö war klar: Ich war in einem Land gewesen, ohne einmal mit Bargeld bezahlt zu haben, geschweige denn die Währung in der Hand gehabt zu haben!

Nach der Fähre, die mich nach Puttgarden übersetzte, erreichte ich wieder deutschen Boden. Dann war jedoch zuerst einmal Schluss. Ein Auto mit Anhänger war mit einem Zug auf der Strecke nach Oldenburg in Holstein kollidiert, so dass mein Zug nicht weiterfahren konnte. Also mussten alle Passagiere aussteigen. Zunächst hieß es, es würden Busse kommen, aber am Ende kam nach zwei Stunden Wartezeit mit einer anderen Fähre ein ICE.

Mein Anschluss in Hamburg war natürlich längst weg, aber das hatte ich bei der Reiseplanung schon angenommen: Für jeden Umstieg hatte ich mindestens einen weiteren Zug vorgesehen – was auch der Grund für meine Wahl einer frühen Abfahrtszeit in Stockholm gewesen war. Unterwegs handelte sich der ICE noch etwa eine halbe Stunde Verspätung ein, weil an verschiedenen Stellen Züge passieren mussten.

Wir Passagiere aus dem EC/IC belegten die Gänge und ich hörte mir verschiedene Geschichten an von Leuten, die im Gegensatz zu mir nicht mehr nach Hause kommen würden. Bei mir war es ja einfacher: Selbst wenn ich in Hamburg „stranden“ würde, wäre das nicht schlimm, da ich ja nicht am nächsten Morgen in Münster sein müsste. Außerdem könnte ich dann noch einmal einigen Ukuleleläden einen Besuch abstatten…

Übrigens waren die Ukulelen ein weiteres Mal goldrichtig. Schon beim Warten auf den Zug konnte ich üben, statt einfach herumzusitzen, und unterhielt damit sogar ein kleines Mädchen. Im Zug hingegen sprach mich eine junge Dame an, der ich direkt die zweite Ukulele aushändigte und ihr zeigte, wie man spielt. So kann man die Zeit sinnvoll nutzen!

Den nächsten Zug in Hamburg erreichte ich übrigens so gerade eben. Es wäre aber noch zwei Stunden später einer gefahren. Aufgrund einer Oberleitungsstörung zwischen Bremen und Osnabrück (Verspätungen auf der Strecke bin ich ja gewohnt) kam noch eine halbe Stunde Verspätung hinzu, so dass ich um 23:35 Uhr in Münster wieder ankam.

Ich habe die Fahrkarten für beide Wege übrigens bei der Deutschen Bahn eingereicht, weil es zum einen ab einer Stunden Verspätung bereits Entschädigung gibt (und wir hatten ja mehr als zwei), zum anderen, weil ich den vorgesehenen Liegewagen auf dem Hinweg, der extra kostete, nicht nutzen konnte, weil der Zug ausgefallen war. Zwei Lichtblicke seien in diesem Zusammenhang erwähnt: Zum einen haben die Angestellten der Bahn im ICE ein Freigetränk ausgeteilt und sofort die entsprechenden Formulare, zum anderen hat auch der Kollege im Reisezentrum in Münster freundlich die Anträge ausgefüllt.

Summa summarum war es eine tolle Sache, in Schweden gewesen zu sein, Mittsommer erlebt zu haben, Stockholm sowie den Norden gesehen zu haben. Ich möchte unbedingt wieder nach Schweden – es gibt ja alleine in Stockholm noch mehr als genug zu sehen!

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Stockholm-Syndrom

Endlich ist mir noch ein Wortspiel eingefallen, so dass ich den naheliegenden Kalauer „Jenseits von Schweden“ nicht nutzen muss (eigentlich müsste es ja auch „östlich von Schweden“ heißen, in Anlehnung an die Bibelstelle). Stockholm kann einen wirklich in seinen Bann ziehen.

In Schweden hatte ich nach einer abenteuerlichen Anreise zunächst einen tollen Abend in Stockholm, am nächsten Mittag die Weiterreise nach Härnösand, um dort das Mittsommerfest und eine weitere Feier mitzumachen, um schließlich einen Tag später nach Stockholm zurückzukehren und in den verbleibenden zwei Tagen aufgrund schlechten Wetters, aber auch ein wenig Müdigkeit einen Plattenladen durchstöbert und reiche Beute gemacht.

Ich habe aber noch mehr gemacht. Am Abend nach meinem ersten Besuch im Laden hatte mir der Besitzer noch eine Strecke für einen schönen Spaziergang empfohlen. Das ließ ich mir nicht zweimal, zumal das Regenwetter endlich aufgehört hatte. In Härnösand war ich zwischendurch Fahrrad gefahren, jetzt konnte ich noch eine gute Strecke zu Fuß zurücklegen. Natürlich war das ein hervorragender Anlass, um ein paar Klischee-Sonnenuntergangfotos zu machen (wie auf Sardinien)!

Von einer Esperantosprecherin aus Stockholm hatte ich mir ein paar Tipps für Restaurants, Cafés und Museen geholt. In ein Museum bin ich dann doch nicht gegangen, weil ich diesmal einfach keine Lust darauf hatte. Dafür war ich in einem der empfohlenen Restaurants und hinterher im vorgeschlagenen Café.

Dabei sind mir ein weiteres Mal die Sachen aufgefallen, die ich an den Schweden liebe:

  1. Schweden sind nicht introvertiert. Sie sind einfach ruhig auf der Straße. Hat man jedoch erst einmal Kontakt geknüpft, sind sie sehr gesellige Menschen, die gerne mit einem reden. Übrigens ist es mir ja mehrmals passiert, dass ich angesprochen wurde. Die Idee des in sich gekehrten Skandinaviers, zu dem man nicht durchdringt – ein Mythos.
  2. Leute mit ausländischen Wurzeln? Kein Problem! Es gibt anscheinend große Anstrengungen, diesen Menschen einen Platz in der Gesellschaft zu geben. Allgemein wird Schwedisch gesprochen, auch wenn man nicht wie ein Klischee-Schwede aussieht. Umgekehrt haben mir Leute sehr freundlich geholfen, etwa als ich mich in der U-Bahn mit dem Kartensystem nicht zurechtfand.
  3. Schweden donnern sich nicht auf, legen aber zu einem großen Teil Wert auf ordentliche, elegante Kleidung. Es lohnt sich also, auf typische Touristenklamotten zu verzichten.
  4. Die Frauen kommen mir überdurchschnittlich hübsch vor. Überhaupt scheinen die Leute gut auszusehen. Der Anteil an wirklich übergewichtigen Menschen ist anscheinend geringer als in Deutschland. In Kombination mit dem Kleidungsstil wirken viele Leute wie irgendwelche Alternative- oder Indiemusiker (oder wie man sich solche Musiker vorstellt).
  5. Was mich andauernd enzückt hat, war die Lächelhäufigkeit. Hätte ich nicht erwartet bei ruhigen, in der Öffentlichkeit etwas zurückhaltenden Menschen. Die Leute kommen so herzlich herüber! Besonders beeindruckt war ich bei der Bedienung im Café. Ich war hin und weg.

Schweden wirkt so sauber, ordentlich und modern, dass man gut versteht, warum es als eines der am weitesten entwickelten Länder der Welt gilt. Ich hatte – wie seinerzeit in Finnland – den Eindruck, dass das Land Deutschland zum Beispiel technisch voraus ist.

Alter Schwede!

Mein Bericht über Schweden ist noch nicht abgeschlossen! Nach einer Anreise mit Schwierigkeiten hatte ich ja bereits einen tollen Abend in Stockholm verbracht, um dann aber gleich am nächsten Tag nach Härnösand weiterzureisen und dort das Mittsommerfest und eine weitere Feier zu erleben.

Danach ging es aber wieder zurück nach Stockholm. Ich hatte mir kein festes Programm vorgenommen, sondern wollte in meinem Reiseführer einige Höhepunkte heraussuchen. Das Wetter erwies sich als recht kühl und regnerisch und ich war auch tatsächlich ein wenig platt. Was also tun? Zumindest einen Punkt hatte ich mir fest vorgenommen: Ich wollte unbedingt im Plattenladen „Mickes serier, CD & Vinyl“ vorbeischauen.

Einfacher Grund: Dieser Laden gehört Micke Englund, Gitarrist der legendären Esperanto-Rockband Amplifiki und damit einer der Helden meiner Kindheit! Mit ihm habe ich im April auf gemeinsam auf der Bühne gestanden, was einer der schönsten Tage in meinem Leben war.

Über den Laden hatte ich schon einmal gelesen; ich wollte ihn aber einmal selbst gesehen haben. Außerdem bin ich sowieso ein großer Fan davon, in CD-Läden zu stöbern – und bei Gebraucht-CDs findet man manches Mal Raritäten, die man gar nicht auf dem Schirm hatte!

Und was soll ich sagen? Das war eine goldrichtige Entscheidung! Ich habe im Hauptladen gleich am ersten Tag vier CDs gefunden. Am nächsten Tag ging ich noch in die Nebenfiliale auf der anderen Straßenseite und nahm noch einmal zehn CDs mit, dann noch einmal vier aus dem größeren Laden. (Ich hatte noch einmal im Internet recherchiert zu verschiedenen Albenausgaben, die mir am Tag zuvor bereits ins Auge gesprungen waren. Hinzu kam, dass inzwischen das Sortiment aktualisiert worden war – innerhalb eines Tages ein neuer Treffer, Wahnsinn!)

Micke freute sich übrigens auch über den Besuch. Natürlich habe ich ihm beide Male jeweils eine Ukulele gezeigt, auf der er sehr gut gespielt hat. Für mich eine tolle Sache, so einen Einkaufsbummel mit ganz persönlichem Bezug zu machen.

In dem kleineren Laden waren die Angestellten übrigens ebenfalls sehr freundlich. Es lief ein Reggaestück, das sehr alt klang und mich an melancholische frühe Rockmusik erinnerte. Wie man mir auf Nachfrage erläuterte, handelte es sich um Rocksteady von den Paragons. Man verglich sie mit den Heptones, die ich wiederum als Interpreten des wunderschön-melancholischen „Our Day Will Come“ kannte. So ein richtiges Stück Musikbildung durch eine kleine Frage – was will man mehr?

The Paragons: On the Beach

Toll auch, was ich unter den Sonderangeboten entdeckte: Das Album mit der Originalversion von „Didi“! Dazu eine Anekdote: Ich war 20 Jahre alt, es war um den Jahreswechsel 1996/97 herum, ein Esperantotreffen, das damals berühmt-berüchtigt dafür war, dass dort so richtig abgefeiert wurde. Ein Freund und ich gingen in den Keller, in dem sich Kneipe und Disco befanden, und was war los? Es war wie in einem Film – überall tanzten Leute, auch auf den Tischen. Und dabei wirkten die Menschen nicht betrunken oder besonders berauscht, sondern eher fröhlich-ausgelassen. Diese Szene hat sich tief in mein Gedächtnis gegraben. Es war so einer der magischen Momente.

Das Lied, das zu diesem Zeitpunkt lief, habe ich nie vergessen. Ostern 1999 in Italien, ich arbeitete auf einem Esperantotreffen als DJ, kam ein Däne auf mich zu mit einem Album, auf der angeblich einige tolle Lieder seien. Ich erkannte natürlich sofort „Aïcha“ wieder, ein Schwoflied, das auch in Deutschland recht bekannt geworden ist. Außerdem empfahl er mir „Didi“, was für mich zunächst wie ein Männername klang. Einmal aufgelegt, erkannte ich es jedoch sofort wieder als das Lied aus dem magischen Moment! Die Version war eine etwas andere, sie gefällt mir sogar noch etwas besser. Trotzdem finde ich auch das Original großartig, und natürlich kamen all die alten Erinnerungen wieder hoch, als ich die CD im Laden in Stockholm probehörte. Mit einem Schlag in einen coolen Zeitpunkt der Vergangenheit zurückversetzt zu werden, das hatte schon etwas.

Khaled: Didi

Ach, Schweden, komm und gib mir Deine Hand

Schweden war so toll und es gibt noch soviel zu erzählen! Trotzdem war hier im Blog seit fast einer Woche Pause und zwar aus dem besten Grund von allen: Ich bin zu faul zum Schreiben. Ich habe seit Tagen kein Internet zu Hause. Ich war direkt wieder los. Aber zuerst gilt es, alles zu berichten, was ich noch in Schweden gemacht habe.

Die Anreise mit Hindernissen hatte das Abenteuer-Element, der erste Abend tolle Begegnungen in Stockholm und das Mittsommerfest war zauberhaft. Doch die Zeit in Härnösand ging noch weiter! Am nächsten Tag trafen sich die meisten Teilnehmer des Fests (und einige andere) erneut, um den Geburtstag des dänischen Esperantosprechers nachzufeiern, der mich vom Bahnhof abgeholt hatte. Ich war vorgewarnt und hatte eine Esperanto-CD eingepackt (das Album „Regestilo“ von Jonny M, meiner Meinung nach das Esperanto-Album des Jahres 2013).

Es setzte sich fort, was schon am Abend zuvor geschehen war: Es wurde unheimlich viel leckeres Zeug aufgetischt und gegessen. Diesmal waren jedoch ganz viele Kinder anwesend, die ebenfalls versorgt werden wollten und fröhlich herumtollten. Es wirkte wie Kaffee und Kuchen am Sonntagnachmittag in der Großfamilie.

Etwas später kamen noch zwei Syrer hinzu. Ihre Schwedisch-Lehrerin war eine der Esperantosprecherinnen. Erneut erlebte ich ein Beispiel, wie Integration in Schweden funktioniert.

Anwesend waren jedoch noch zwei Freunde des Geburtstagskindes, die Gitarre spielen konnten. Es fing ganz harmlos an mit zwei Liedern, dann stieg ich mit der mitgebrachten Ukulele ein und präsentierte einige Esperantolieder (was die Esperantosprecher erfreute und die anderen erstaunte – so etwas hatten sie wohl noch nicht gehört bzw. hätten sie nicht vermutet), schließlich kam noch eine Schwedin mit ihrer Mundharmonikasammlung hinzu und schon war das schönste Jammen im Gange!

Für mich war das etwas ganz Besonderes, weil ich zum ersten Mal auf Zuruf ein mir bislang unbekanntes Lied mitspielen konnte. Vor allem konnte ich anhand der ersten Akkorde erkennen, welche sonst noch vorkommen würden. Die theoretische Erziehung (Quintenzirkel!) hat sich voll und ganz gelohnt!

Der Höhepunkt war ein schwedisches Frühlingslied, das dem Gitarrenspieler heilig war. Es stammt aus der Serie „Michel aus Lönneberga“ (der im Original übrigens Emil heißt – wieso man wohl in der Übersetzung den Namen geändert hat?).

Idas sommarvisa: Jag gör så att blommorna blommar

Astrid Lindgren, Frühling, Musik – mehr Schweden geht nun wirklich nicht! Und ich durfte Teil davon sein. Erneut überkam mich ein Gefühl, das ich schon einige Male während meines Aufenthaltes gehabt hatte: Ist es nicht herrlich, am Leben zu sein?

Ein Mittsommernachtstraum

Ich hatte nach einer abenteuerlichen Reise Schweden erreicht und einen tollen Abend in Stockholm verbracht. Aber es ging ja noch weiter! Am nächsten Mittag nahm ich einen Zug nach Norden, genauer gesagt nach Härnösand.

Ein ganz wichtiger Ort für Esperanto, denn von dort kommt die Gruppe „La Perdita Generacio“ (LPG – „die verlorene Generation“). Auf ihrem Konzert über Ostern auf Sardinien hatte übrigens einen kleinen Gastauftritt mit Ukulele – und habe ihnen das Instrument auch für das sonstige Repertoire ausgeliehen.

Ganz nebenbei erreichte ich einen neuen nördlichsten Punkt. Der alte war Ørterstølen in Norwegen und stammte aus dem Jahr 1991. Zum Vergleich: Härnösand liegt knapp nördlicher als die Faröer Inseln.

Aufgrund eines Missverständnisses hatte man mich erst zwei Stunden später erwartet, so dass niemand am Bahnhof war, um mich abzuholen. Um trotz ansonsten guter Eigenorganisation noch einmal den Spitznamen Verpeilian zu verdienen, hatte ich mir „schlauerweise“ auch keine Adresse notiert, von einem Weg ganz zu schweigen. Härnösand ist klein, da kann das nicht so schwer sein…

Als sich am Bahnsteig niemand auf mich zubewegte und auch am Ausgang auf der anderen Seite des Bahnhofs niemand reagierte, beschloss ich, einfach ein wenig zu warten. Dafür stellte ich mich nach drei Seiten so weit sichtbar wie möglich hin und begann Ukulele zu spielen. Und tatsächlich kam einige Zeit später tatsächlich jemand auf dem Fahrrad vorbei und sprach mich auf Esperanto an! Wie sich herausstellte, war er Däne und gar nicht dafür vorgesehen, mich abzuholen. Er machte es aber trotzdem.

In Härnösand kam ich privat unter, denn eine Bekannte hatte ich eingeladen, als ich meine Reisepläne bekannt gegeben hatte. Als Dankeschön brachte ich auch drei verschiedene Ukulelen mit, denn sie hatte Interesse bekundet. Am Abend machten wir dann zusammen Musik.

Am nächsten Tag war Mittsommer. Mittsommernacht bedeutet in Deutschland ganz trivial, dass nun die Tage am längsten sind. In Schweden findet eines der wichtigsten Feste statt, das Mittsommerfest.

Zunächst besuchten wir jedoch Bekannte – einen dänischen Esperantosprecher und seine Familie. Auch zwei Mitglieder von LPG waren da, und da eines der Kinder Geburtstag gehabt hatte, spielten wir zu zweit auf der Ukuele und sangen. Auch Esperantomusik kam gut an. Mir machte es große Freude, dass die Kinder keine Scheu vor mir hatten, sondern auf meinen Schultern sitzen und gekitzelt werden wollten. Es fiel uns dann auch schwer, wieder aufzubrechen.

Entsprechend kamen wir zu spät bei unserer nächsten Etappe an, dem Freilichtmuseum Murberget. Dort war bereits eine Stange ähnlich einem Maibaum errichtet worden. Viele Frauen hatten Blumenkränze in den Haaren. Auf einer Bühne spielte und tanzte jedoch nach wie vor eine Volksmusikgruppe.

Was mir sofort auffiel, war der hohe Anteil von Menschen, die offensichtlich nichtschwedische Wurzeln hatten. Bemerkenswert ebenfalls, dass meine Bekannten mit allen ohne Probleme Schwedisch sprachen. Integration scheint in Schweden zu funktionieren! Ich machte natürlich ein paar Schweden-Klischee-Fotos: alte Holzhäuser, wie man sie aus Astrid-Lindgren-Verfilmungen kennt (na endlich ist der Name gefallen!), blühende Wiesen, die See…

Später machten wir noch einen Zwischenstopp in der Wohnung der LPG-Mitglieder. Hier hatte ich dann noch Gelegenheit, deren Ukulele zu spielen (eine Greg Bennett, in D gestimmt).

Und dann ging es zum eigentlichen Mittsommerfest. Das bestand darin, im Freundeskreis zu grillen und bis spät in die Nacht leckere Sachen zu essen, zu trinken und dabei viel zu reden. Die Gastgeber haben einen Bioladen und boten mir alkoholfreies Bier aus Deutschland an – dieselbe Marke, die ich am Abend vor meiner Abfahrt nach Schweden noch getrunken hatte! Na, da war ich doch platt!

Mit meinem „Kauderwelsch Schwedisch Wort für Wort“ hatte ich bislang keine so großen Erfolge erzielt. Ich habe insbesondere Probleme, die Aussprache der Vokale und die Betonung richtig hinzubekommen. Dennoch verstand ich ab und zu mal etwas Schwedisch. Mit einigen Gästen redete ich Englisch, mit anderen Esperanto. Da ich aber mit Speisen und Getränken noch und nöcher versorgt war, konnte ich auch einfach mal meine Gedanken schweifen lassen und die Stimmung genießen.

Übrigens war es ein sehr angenehmes Gefühl, dass mich die Leute grundsätzlich zunächst immer für einen Schweden gehalten haben, egal wohin ich kam. Dunkelblonde Haare, blaue Augen, nicht typisch touristisch gekleidet, eher dezent elegant – das passte äußerlich schon sehr gut. Mein Vorname „Gunnar“ ist dazu noch skandinavisch. Allerdings wird er auf Schwedisch ganz anders ausgesprochen. Gerade diese Möglichkeit, relativ einfach „einzutauchen“, sehe ich als Ansporn, bei meinem nächsten Besuch mehr Schwedisch zu können. Ich hätte schließlich die Chance, als Einheimischer durchzugehen!

Am Ende des Abends – es war inzwischen weit nach Mitternacht, aber eben noch fast taghell – beschlossen zwei der Gäste und ich, noch einen Spaziergang zum Meer zu machen. Hier schoss ich noch ein paar Klischeefotos.

Diese Helligkeit mitten in der Nacht – für mich war das ein kleines Wunder. Ich war richtig ergriffen.

Ich habe schon viel vom Mittsommer in Skandinavien gehört, aber ihn selbst zu erleben war dann doch noch etwas anderes. Schon seltsam, dass ich mir nie Zeit dafür genommen habe. Aber das ist ein Fehler, den ich ja jetzt korrigiert habe.

Stockholm, ich liebe Dich!

Nach meiner abenteuerlichen Anreise und einem kurzen Frischmachen kam direkt der erste Höhepunkt meines Aufenthaltes in Stockholm: Ich traf Martin Wiese, eines meiner musikalischen Idole! Er hatte ja als einziger beim Amplifiki-Konzert über Ostern gefehlt, was allerdings dazu geführt hat, dass ich als Sänger eingesprungen bin – einer der schönsten Tage in meinem Leben!

Martin Wiese

Martin Wiese


Texte seiner Lieder, die er für Persone oder seine Solo-Aktivitäten geschrieben hat, waren während der ganzen Reise in meinem Kopf und konkurrierten um meine Aufmerksamkeit. Longe for („Weit weg“) ist ohnehin eines meiner Lieblingslieder, das ich seit vielen Jahren mit Band oder alleine nachspiele. Jetzt passte es auch inhaltlich wunderbar: Den Rahmen bildet die Erzählung darüber, wie der Frühling gekommen ist (und langsam der Sommer kommt) und wie herrlich die Tage nun sind. Konnte es eine bessere Einstimmung auf eine Reise nach Skandinavien geben?

Stockholm selbst hat übrigens in einem anderen Lied auf demselben Album eine Hymne bekommen. Der Refrain lautet:

Ja, Du bist schön, schön wie das schönste Mädchen /
Stockholm, ich liebe Dich

Und so saßen wir vor einer spanischen Tapas-Bar direkt um die Ecke von meinem Hotel. Ein unwirkliches Gefühl: Es wirkte so alltäglich, und doch war es das erste Mal, dass wir das in seinem Heimatland und seiner Heimatstadt machten! Ich hatte zwei Ukulelen mitgebracht, auf denen wir dann ein wenig spielten. Zwischendurch kamen Passanten vorbei und freuten sich über die Darbietung.

Nachdem sich Martin verabschiedet hatte – er musste ja am nächsten Morgen arbeiten – ging ich noch ein wenig alleine los, um ein spätes Abendessen zu bekommen. Auf dem Rückweg sprach mich ein schwedisches Pärchen an: Ob ich nicht Lust hätte, mit ihnen einen trinken zu gehen? Nun trinke ich zwar nach wie vor keinen Alkohol, obwohl ich es wieder dürfte, aber das war ja kein Hindernis. Für die beiden war es die letzte Runde; ich blieb noch und trank meine große Cola aus, als – es war bereits Mitternacht – das Spiel Kamerun – Kroatien angepfiffen wurde. Eigentlich hätte ich ja müde sein müssen nach der langen Reise, aber ich hatte noch ein wenig WM zu gucken. Da mich das Spiel durchaus fesselte, sprach mich irgendwann das Paar am Nebentisch an. Über Fußball kamen wir dann wunderbar ins Gespräch über Gott und die Welt. Nach der Partie machten wir sogar zusammen Musik – gut, dass ich nach wie vor die beiden Ukulelen dabei hatte!

Als wir schließlich gingen, war es kurz vor 3 Uhr morgens und fast taghell draußen. Was für eine faszinierende Erfahrung!

Stockholm bei Nacht

Stockholm bei Nacht

Mit Dänen kann man es ja machen

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Gut, zuerst wollte ich als Überschrift „Dänen lügen nicht“ wählen, aber dieser Kalauer erschien mir dann doch zu abgenutzt. Das muss man sich erst einmal vorstellen: Es gibt Sprüche, die sogar mir zu ausgelutscht sind! Jedenfalls habe ich meinen leichten … Weiterlesen