Gracia

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Nachdem es am Abend zuvor spät geworden war, schlief ich am nächsten Tag erst einmal aus. Dann machte ich mich auf einen Spaziergang durch Gracia ohne festes Ziel. Einfach mal die Stimmung einsaugen. Gracia gilt als Künstler- und Alternativenviertel. Tatsächlich … Weiterlesen

Das kommt mir Spanisch vor!

So viel herumreisen und erleben, dass man nicht mehr dazu kommt, darüber zu schreiben – das ist ein Problem, das andere Leute sicherlich gerne hätten! Aber es nützt ja nichts, ich habe ja noch nicht einmal den Juni fertig abgehakt, in dem ich wie erwähnt zwei weitere Länder geschafft habe, und schon neigt sich der Juli dem Ende entgegen!

Nach meiner Rückreise aus Schweden trat ich am nächsten Abend im Flic Flac mit Ukulele auf. Es war der letzte Termin vor der Sommerpause und den wollte ich mir nicht entgehen lassen.

Am Tag darauf sollte es dann direkt wieder losgehen. Nun hatte ich ja bei der letzten Reise eine abenteuerliche Anreise gehabt – jetzt müsste es doch glatter abgehen, oder? Falsch gedacht! Ein wenig erinnerte es mich an meine Reise nach Rom, bei der ich mir einige Verpeiltheiten geleistet hatte. Diesmal war ich allerdings nur teilweise Schuld, auch wenn ich mich erneut „Verpeilian“ nennen kann.

Wie ich schon scherzhaft angedeutet hatte, funktionierte plötzlich mein Internet nicht mehr. Das ist, gelinde ausgedrückt, ein wenig ungünstig, wenn man noch ein Flugticket und eine Wegbeschreibung herunterladen und ausdrucken möchte. Die Lösung: Ab ins Teilchen und Beschleuniger, dort das Frühstücksangebot wahrnehmen und den Internetzugang nutzen. Dann musste es jedoch schnell gehen. Immerhin kann ich inzwischen in Rekordzeit (etwa 10 Minuten) komplett packen.

Am Bahnhof sah ich dann, dass der IC aus Hamburg, der zum Beispiel weiter Richtung Düsseldorf gefahren wäre, 60 Minuten Verspätung hatte – selber Grund wie zwei Tage zuvor, als ich diesen Zug auf meiner Rückreise verwendet hatte. Glücklicherweise hatte ich diesmal darauf gesetzt, alternativ einen einfachen Regionalzug nehmen zu können.

Der Flug verlief soweit ok, doch während der Landung kam plötzlich eine Durchsage aus dem Cockpit. Ich brauchte einige Sekunden, um zu verstehen: „1:0 – Tor durch Müller!“ Die Passagiere waren sehr angetan. Natürlich ging es um die Fußball-WM. Sogar Zwischenstände des Spiels waren während des Fluges durchgesagt worden. Ich hatte mir das erste Gruppenspiel gegen Portugal zu Hause angesehen und das gegen Ghana in Härnösand in Schweden. Das dritte gegen die USA fand während meines Fluges statt…

Was für ein Kontrast: Nur zwei Tage zuvor war ich noch in Schweden gewesen, jetzt in Spanien. Vom Norden Europas in den Süden in so kurzer Zeit – das war noch einmal ein Extraeindruck.

Jetzt gab es eine kleine Premiere: Ich war in einem Land, ohne ein Buch mit der offiziellen Landessprache dabei zu haben. Ja, richtig, ich hatte kein Buch über Spanisch dabei und auch keinerlei Ambitionen, Spanisch zu lernen! Barcelona gehört zum Katalanischen Sprachgebiet, da braucht man mit Kastilisch (wie Spanisch bei der Unterscheidung dann heißt) nicht ankommen.

Das entsprechende Buch aus der Kauderwelsch-Reihe – Katalanisch Wort für Wort – hatte ich mir bereits für meinen Aufenthalt auf Sardinien besorgt, denn in Alghero spricht man angeblich Katalanisch. Nun waren in der dortigen Altstadt die Straßennamen zweisprachig Italienisch / Katalanisch, an zahlreichen Ecken sah man die Katalanische Flagge und Katalanische Aufschriften etwa für Touristen und ich habe auch ein Denkmal der Katalanischen Sprache gesehen, aber sprechen gehört habe ich niemanden dort. Alghero wurde auch als „Klein-Barcelona“ angepriesen – es kam mir jedoch eher etwas schmutzig und schäbig vor. Auch meine befreundeten Katalonien-Fans waren enttäuscht.

Ein Grund mehr, sich das Original anzusehen! Selten hat sich übrigens ein Buch so gelohnt. Die Sprache des Alltags und aller Texte ist Katalanisch, da führt kein Weg dran vorbei. Umgekehrt freuen sich die Leute auch, wenn man als Tourist ihre Sprache spricht.

Dank Wegbeschreibung verlief auch ab der Landung alles glatt, eine Esperanto-Freundin hatte mir ein gutes Hotel herausgesucht. Abends machten wir noch einen kleinen Spaziergang. Mich erinnerte alles stark an Catania auf Sizilien, wo ich ja ein Jahr studiert hatte. Nachdem meine Bekannte sich verabschiedet hatte (sie musste ja am nächsten Tag arbeiten), ging ich zu dem Platz zurück, an dem ich bereits vorher einige Leute mit Gitarre gesehen hatte. Ich selbst schleppte mal wieder eine Ukulele mit mir herum, denn die Bekannte hatte darum gebeten, dass ich sie mitbringe.

Nun bin ich eigentlich ein schüchterner Mensch, aber ein etwas längerer Blick auf die Gitarre und ein Lächeln bewirkten, dass man mich herbeiwinkte. Schon war ein Gespräch im Gange (wahlweise auf Katalonisch, Italienisch und Englisch). Wir spielten eine ganze Weile zusammen, was sowohl von Einheimischen als auch Touristen sehr begrüßt wurde. Spontan bis spät in die Nacht mit Leuten herumhängen – ich hatte es mal wieder geschafft! Sicherlich wäre es vernünftiger gewesen, das nicht bis 3 Uhr morgens zu machen, sondern früher ins Bett zu gehen und am nächsten Tag früh aufstehen zu können. Aber gerade das – Pflicht erfüllen und vernünftig sein – sollte ja in dem Jahr Auszeit nicht im Vordergrund stehen, sondern das, was ich für richtig hielt.

Und tatsächlich stellte sich bei mir ein ganz besonderes Gefühl ein: Die Situation erinnerte mich an Catania. Ich hatte ja bereits beim Besuch des ersten neuen Landes ein Gefühl wie in den ersten Tagen meines Auslandsstudiums gehabt und es war meine Hoffnung gewesen, dass mir die Auszeit so gut tun würde wie damals das Jahr auf Sizilien.

Da saß ich mitten in der Nacht in Barcelona auf der Treppe einer Kirche im alternativen Viertel Gracia und machte Musik mit Leuten, die ich an dem Abend erst kennengelernt hatte. Wer hätte das noch einige Monate vorher gedacht, als ich ein ganz seriöser, fleißiger Mensch war? Mehr Ausbrechen aus dem Alltag geht nicht.

Wenn ich überlege, wie sehr ich mich schon abgeschrieben hatte und wie sehr ich gedacht hatte, mein Leben sei festgelegt. In Wirklichkeit kann ich ganz andere Sachen, wenn ich die Gelegenheit habe. Dabei ist das doch ein harmloses Vergnügen gewesen.

Aber dieses Gefühl, noch einmal die Kurve bekommen zu haben, nachdem es mir sehr schlecht ging, noch einmal etwas ganz Neues zu machen, obwohl normalerweise keine Zeit für solche Experimente vorgesehen ist… das ist durch nichts zu ersetzen. So fühlt sich Freiheit an.