Ich bin ok, Du bist ok

„What kind of a man can live this way?“
– Marillion: 80 days

Ich bin auf der Suche nach dem verlorenen Groove. Drei Blogeinträge fassen jeweils alle Blogeinträge aus einem Quartal zusammen:

Zuletzt habe ich darüber gebloggt, meine Sehnsucht zu bewahren, Wegweiser fürs neue Jahr, den Kurs zu halten, Erkenntnisse, die den Blick verändern sowie einen Lernerfolg.

Einen Lernerfolg ganz anderer Art habe ich in den vergangenen Tagen in Gesprächen mit Freunden erzielt. Am Ende hatte ich sogar den Groove wieder zurück – diesmal sogar ohne eine besondere Situation! Aber der Reihe nach…

Ich war zum wiederholten Male auf das Transaktionsmodell von Thomas A. Harris gestoßen mit den vier möglichen Ausprägungen von „Ich bin ok / nicht ok“ und „Du bist ok / nicht ok“. Mir ist erst jetzt klar geworden, dass ich von Mitte 2014 bis Anfang 2018 „Ich bin ok, Du bist ok“ gelebt habe, ich aber seitdem „Ich bin nicht ok, Du bist ok“ zu spüren bekam. Das führt zu einem geringen Selbstwertgefühl (oder verschlechtert es noch). Kein Wunder, dass ich da den Groove verloren habe! Ich war ja auch völlig erstaunt, dass ich plötzlich nicht mehr ok sein sollte, und konnte mir das gar nicht erklären.

Es ist ein langsames Erwachen – in welchem Modus ich seit etwa drei Jahren gelebt habe… (auf die Gefahr hin, dass es etwas kryptisch wird: alle Details werde ich nicht schildern, das hier wird kein kein Seelenstriptease)

Mein Stress kam nicht durch Überlastung, sondern durch eine grundsätzliche Botschaft: „Du bist, so wie Du bist, nicht in Ordnung. Deine Gefühle sind ein Problem, das Du lösen musst. Deine Bedürfnisse sind eine schreckliche Belastung für mich.“ Wer kann mit so einem Bild lange leben? Daran muss man kaputtgehen und zusammenbrechen, wenn man nicht rechtzeitig aus der Situation aussteigt!

Das Aussteigen wurde unter anderem dadurch verhindert, dass ich mich lange Zeit in den Bahnen bewegt habe, die ich kenne und die einem Mann gesellschaftlich zugestanden sind: „Es muss an mir liegen.“, „Ich bin eben nicht gut genug.“, „Ich habe nicht mehr verdient.“

Ich habe die Lösung daher auf operativer Ebene gesehen: Ich müsse besser ausführen / mehr lernen. Dabei war die Lösung auf einer ganz grundsätzlichen Ebene: Das ist nicht ok! So kann man nicht mit einem Menschen umgehen. Heute formuliere ich es so:

Ich habe es verdient, anständig behandelt zu werden. Dazu gehört auch, mit meinen Gefühlen und Wünschen umgehen zu können. Für wen das nicht möglich ist, der kann kein Teil meines Lebens sein.

Ich bin nicht plötzlich unattraktiv oder „nicht mehr interessant“ geworden. Ich war auch nicht emotional unreif, konservativ oder hatte unrealistische Vorstellungen.

Schlechte Erfahrungen in der Vergangenheit können einiges erklären – aber nichts rechtfertigen. Die Verantwortung, mit seinen Macken umzugehen, hat man immer noch selbst. (Das gilt für jeden – auch für mich.)

Mein Fehler war es, zu glauben, irgendjemand hätte das Recht, mir zu signalisieren, ich sei nicht ok. Kein Wunder, dass ich mich verausgabt habe. Aber Selbstvernachlässigung und Aufopferung führen nicht dazu, dass man danach umso mehr Aufmerksamkeit bekommt – im Gegenteil, das wird dann die neue Normalität. Bis gar nichts mehr geht. Bestimmte Bedürfnisse sind aber nicht verhandelbar.

„Es geht ja“ ist dabei ein ganz schlechter Maßstab, denn einige Dinge „gehen so irgendwie“, aber nicht „als Alltag“. Außerdem war meine Überforderung deutlich zu spüren – wer das nicht erkennt und die Konsequenzen zieht, ist gefährlich für mich.

Darum auch die wechselnden Gefühle – sie waren ja lange „verboten“ bzw. „ein Problem“. Ich hatte mir abtrainiert, auf mich selbst zu hören. Das gegenüber einem anderen Menschen zu tun ist, wenn es absichtlich geschieht, psychisch übergriffig, wenn nicht sogar Missbrauch. (Ich habe mich heute morgen beim Aufwachen wieder daran erinnert, dass es keine Absicht war, nur ein extrem naives Vorgehen.)

Diese Gedanken spukten eine Weile in meinem Kopf herum, so dass ich sie aufschrieb als Notizen fürs Bloggen. Als ich das tat, kam die Erkenntnis, die mir den Groove zurückbrachte:

Ich war die ganze Zeit ok! Nur habe ich gedacht, andere dürften mir einreden, dass ich nicht ok bin. Ich musste mich nicht verbessern, eine neue Fähigkeiten lernen oder mich beweisen, um ok zu sein. Ich musste nur erkennen, dass ich es bereits bin.

Es klingt wie ein Klischee. „Du hattest es die ganze Zeit in Dir!“ Das für mich selbst, meinen eigenen Weg gehend, mit meinen Mitteln und nach meinem Tempo zu erkennen, ist mehr wert als es hundertmal von anderen Leuten gesagt zu bekommen. Einmal Herz schlägt zigfach Verstand.