Die Nacht ist schon im Schwinden

Ich bin auf der Suche nach dem verlorenen Groove. Zwei Blogeinträge fassen jeweils alle Blogeinträge aus Q2/2020 und alle Blogeinträge aus Q3/2020 zusammen. Zuletzt habe ich gebloggt über Lieder, die mich durch die Nacht bringen, das neue Lebensjahr, vom Sinn des Staunens, was dieses Blog hier wird (und was nicht), die eigene Aufgabe zu erkennen, ein erstaunlich tiefgründiges Lied von Sasha, Glauben und Zweifel, wie der Groove zurückkam, Jahresendmüdigkeit, menschliche Männlichkeit
sowie über Schuld und Schuldgefühle.

Der dunkelste Tag ist vorbei! Seit vorgestern gewinnen wir ein halbes Jahr lang täglich einige Minuten Helligkeit dazu. Die Talsohle ist durchschritten. Und so fühle ich mich auch persönlich. Ich habe beim Durchsehen von Fotos einige von mir von Ende letzten Jahres gefunden: Mein Gott, wie fertig ich aussehe. Ich habe andere Fotos gefunden, die mich daran erinnerten, wie ich fast nichts mehr genießen konnte, wie sehr mich bestimmte Themen in Beschlag hielten – und wie ich in meiner damaligen Rolle einfach nicht glücklich werden konnte.

Derzeit habe ich zwei Wochen Urlaub. Was ich beachtlich finde, ist dabei, wie ich mich fühle: Eine so geringe Alltagslast habe ich seit bestimmt fünf Jahren nicht mehr gehabt. Jeden Tag erledige ich ein paar Pflichten und dann ist noch so viel Zeit und Energie da. Und das in einer Jahreszeit, in der ich normalerweise deutlich müder bin!

Jetzt, wo mein Geist endlich einmal zur Ruhe kommen kann, kommt eine meiner wertvollsten Eigenschaften wieder zurück (also eine, die ich selbst am meisten an mir schätze), nämlich meine Kreativität. Kreativ war ich auch während diesen Jahres, keine Frage. Dennoch habe ich mich oft auf die kleinen Dinge beschränkt. Für große Sprünge war keine Kraft und Konzentration da.

Was ich darunter verstehe? Ich schreibe, übersetze und dichte seit vielen Jahren Lieder um. Für jedes Jahr habe ich mir vorgenommen, zumindest einen neuen Text zu schaffen. Dafür habe ich inzwischen Dateien und Papierhefter mit Notizen aller Art: Fragmenten, Ideen, Textzeilen, Reimen, Akkorden und sogar der Analyse der Originalstruktur eines Textes. Leider ging mir das schon einige Jahre nicht mehr leicht von der Hand; irgendwie hatte ich meistens eine geistige Blockade, die Inspiration kam einfach nicht mehr. Am besten ging es immer noch während Veranstaltungen (inklusive An- und Abreise), weil ich dann die richtige Stimmung hatte. Aber dieses Jahr war mit Treffen und Reisen ja nicht viel los…

Ich hatte mir vorgenommen, vor Ende des Jahres dennoch einen Text zuende zu bekommen. Das war eine der wenigen Sachen, die mir für dieses Jahr noch wichtig waren! Und was soll ich sagen? Plötzlich ging einiges wieder.

Seit 2001 bin ich Mitglied der Band „La Kuracistoj“, die „Die Ärzte“-Lieder auf Esperanto nachspielt. Das allererste Repertoire stammt nicht von mir; seit 2002 habe ich jedoch einige Übersetzungen beigetragen. Diese Liedertext-Übersetzungen stellten für mich – abgesehen von meinem eigenen Lied „Al la liberec'“ – immer die Krönung meines Schaffens dar.

In den letzten Tagen ist für mich ein kleines Wunder geschehen: Ich habe eine erste Fassung einer neuen Übersetzung fertigbekommen. Die Idee, genau dieses Lied zu übersetzen, hatte ich schon vor vielen Jahren – ich meine sogar, es sei eine meiner ersten Einfälle überhaupt gewesen. Dann war aber lange Schluss mit der Inspiration: Die Übersetzung lebte in Form von Notizen jahrelang in einem Schnellhefter, ohne dass mir zündende Ideen kamen. Ich habe zum Teil sogar mehrere Entwürfe für dieselben Abschnitte notiert, war dennoch nicht zufrieden. Und jetzt habe ich innerhalb weniger Tage alle ausstehenden Übersetzungsprobleme gelöst, ohne sogar in einer Esperanto-Umgebung zu sein! (Welches Lied ist es ist, verrate ich übrigens noch nicht – es muss immer noch das Korrekturlesen durch jemand anderen kommen und dann ein eventueller Feinschliff.)

Diese Kreativität, die Fähigkeit meines Hirns, so eine kreative Leistung zu vollbringen, ist für mich einer der eindeutigsten Hinweise darauf, dass es mir besser geht. Wunder über Wunder: Für ein anderes Lied sind mir ebenfalls bereits Zeilen eingefallen – ich hielt es zuvor für „schwer übersetzbar“. Mal sehen, was daraus wird!

Ich wollte bei der Gelegenheit endlich meine elektronischen Notizen aktualisieren und einmal nachlesen, wann ich denn das letzte Mal „Die Ärzte“ (zuende) übersetzt habe. Stellt sich raus: Sommer 2011. Neuneinhalb Jahre!

Das hat mir zu denken gegeben. Wenn ich wenige Pflichten habe, bekomme ich Sachen hin, die mir wichtig sind und bei denen ich den Teil meiner Persönlichkeit zeigen kann, die ich für am wertvollsten halte. Warum soll es denn nicht so weitergehen? Wenn ich mich freischaufele, kann das häufiger geschehen! Ich habe dieses Jahr besonders gespürt, dass die Zeit begrenzt ist und ich sie so gut wie möglich nutzen sollte. In diesem Sinne:

  • Es wird keine bessere Zeit kommen als heute.
  • Es wird keine günstigere Gelegenheit geben als die jetzt.
  • Ich kann niemals jemandem so wichtig sein wie ich mir selbst.

Um meine Kreativität so gut wie möglich zu fördern, möchte ich:

  • Alle Notizen zu einer Quelle zusammentragen. Ich bin es mir wert!
  • Alle anderen Aktivitäten (Rezensionen für andere…) ruhen lassen, bis ich meinen eigenen Kram sortiert habe.

Ein Gedanke zu „Die Nacht ist schon im Schwinden

  1. Pingback: Auf der Schwelle zum neuen Jahr | Auf der Suche nach dem verlorenen Groove

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